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Volltext: Alte und Moderne Kunst XVI (1971 / Heft 118)

doch wird die künstlerische Kapazität des er- 
sten Viertels des 16. Jahrhunderts nicht mehr 
annähernd erreicht, denn ein Sandrart ist we- 
der mit einem Dürer gleichzusetzen noch mit 
seinen Zeitgenossen Rubens oder Rembrandt. 
Um die Mitte des 16. Jahrhunderts sind jeden- 
falls die große Malergeneration und ihre di- 
rekte Nachfolge nicht mehr am Leben. Gegen 
Ende des 16. Jahrhunderts aber beginnt die 
Erinnerung an die großen Maler dieser Zeit 
wiederaufzuleben: an Grünewald, Cranach, 
I-Iolbein, vor allem aber an Dürer. Gleichzeitig 
damit machen sich allenthalben neugotische 
Strömungen bemerkbar, die bis gegen die Mitte 
des 17. Jahrhunderts anhalten. Ganz deutlich 
abzulesen ist das z. B. an der Kirchenarchitek- 
tur dieser Epochea, ebenso am Kunstgewerbe 
und in der Plastik. Ein Exponent dieser histori- 
schen Strömung ist Wendel Dietterlin, der in 
seinem für die deutsche Kunst ungemein wich- 
tigen Stichwerk, der „Architeetura", gotische 
Formgedanken und auch soldie Dürers verwer- 
tet. In der Malerei lassen sich zwei Strömungen 
verfolgen. Die eine ist ein später Manierismus 
als höfische Erscheinung in Prag, München und 
Wien, der in der Nachfolge der Schule von 
Fontainebleau entstanden ist. Auch hier lassen 
sidn gewisse Einflüsse von Dürers Kunst fest- 
stellen. Es ist vor allem der kalligraphisehe 
Schnörkel, die abstrakte Kleinform Dürerscher 
Herkunft, die z. B. Detailformen im Werk 
Sprangers zugrunde liegen, wie etwa einer 
Locke oder einer gespreizten, preziösen Finger- 
und Handhaltung. - In einer zweiten Strö- 
mung, abseits der ausgesprochenen Hofkunst 
- es ist diejenige, welche die Barockmalerei 
vorbereitet -, findet man den Einfluß der 
deutschen Renaissancemalerei in einer anderen 
Form: in Entlehnungen bestimmter Figuren aus 
Bildern oder Stichen - wie bei Elsheimer z. B. 
- oder in der altertümlichen Farbgebung, die 
den Rot-Blau-Akkord bevorzugt und überhaupt 
die Lokalfarbigkeit liebt - wie bei Rotten- 
hammer oder Kreuzfelder. 
Als ob man sich erst jetzt der Größe deutscher 
Malerei bewußt würde, beginnen nun fürst- 
liche Kunstsammler wie Kaiser Rudolf II. - 
sonst eher Liebhaber der italienischen Kunst -, 
alle Mittel für die Erwerbung von Bildern 
Dürers aufzubieten. Von den acht Bildern, die 
Wien von Dürer besitzt, stammen sechs von 
Kaiser Rudolf II. Ähnliches spielte sich in 
München ab, denn Kurfürst Maximilian I. von 
Bayern war ebenfalls ein leidenschaftlicher Ver- 
ehrer von Dürers Kunst. War die Kenntnis von 
Dürers Graphik schon immer weit verbreitet, so 
sind seine Bilder bis dahin in vielen Fällen noch 
in bürgerlichem Privatbesitz gewesen. Nun aber 
streiten sich Fürsten um sie wie um die berühm- 
ten italienischen Meister. Die neue Bewertung 
der altdeutschen Kunst, vor allem aber jene Dü- 
rers, hatte begreiflidaerweise eine gesteigerte 
Nachfrage zur Folge, diese ihrerseits wiederum 
Fälschungen, zumindest aber Wiederholungen 
und Kopien. 
Diese Wiederbelebung der altdeutschen Kunst 
trägt aber nicht die Merkmale einer 
Renaissance, viel eher ist sie als Historismus 
anzusprechen. So oft Dürer auch in allen sei- 
nen Formen und Aspekten zitiert wird, so kann 
er der deutschen Kunst dennoch keine wesent- 
lichen Impulse geben, er ist immer nur ein 
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