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Volltext: Alte und Moderne Kunst XVI (1971 / Heft 118)

sidi und den Wunsch, solche zu besitzen. In 
allen europäischen Galerien kann man daher 
Bilder finden, die irgendwann einmal Dürer zu- 
geschrieben waren. Ebenso findet man solche, 
die vielleicht in fälschender Absicht, vielleicht 
auch nicht, Teile aus Bildern oder Stichen 
Dürers zu neuen Kompositionen kompilieren. 
Und selbstverständlich gibt es, wie schon an- 
fangs erwähnt, die Kopie. Es gab im süddeut- 
schen Bereich eine ganze Reihe von mittel- 
mäßigen Malern, deren Hauptbeschäftigung im 
Kopieren bestand. Übrigens war der ideelle und 
daher auch der finanzielle Wert solcher Kopien 
zur Zeit ihrer Entstehung ein weit höherer, 
als man es sich heute vorstellt, denn in erster 
Linie war es immer noch die Bild-Idee, die 
Erfindung, die zählte. Daher konnte eine gute 
Kopie das Original unter Umständen ersetzen. 
Nur ausgesprochene Kunstkenner, wie z. B. 
Rudolf II., legten Wert darauf, ein Bild von 
der Hand eines bestimmten Malers zu besitzen, 
also das, was heute als „Original" bezeichnet 
wird. Wenn es ihm allerdings trotz größter 
Anstrengungen nicht gelang, ein Bild zu be- 
kommen, das er unbedingt besitzen wollte, 
ließ er sich eine Kopie davon anfertigen. 
Die Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Mu- 
seums besitzt eine Anzahl von Kopien und 
Kompilationen nach Dürer. Zwei Bildergrup- 
pen heben sich ab: die religiösen Bilder und 
die Porträts. Sehr typisch sind die zwei oben 
halbrund abgeschlossenen Flügel eines Altars 
- das Mittelstück fehlt -, auf denen Einzel- 
figuren aus dem "Allerheiligenaltar" und aus 
dem „Helleraltar" verwertet sind. Mittelstück 
wäre die Anbetung der Dreifaltigkeit durch 
Maria und Johannes, den Kaiser und den Papst 
gewesen. Die Tafeln wurden dem Nürnberger 
Hans Hofmann zugeschrieben, der I-Iofmaler 
Rudolfs II. und ein I-Iauptvertreter der späten 
Dürer-Nachahmer warf. Ob nun die beiden 
Tafeln wirklich von ihm stammen, ist nicht er- 
wiesen. Wäre nicht die Landschaft, die übrigens 
auf kein Vorbild Dürers zurückgeht und deut- 
liche Merkmale der späten Entstehungszcit zeigt, 
so könnte man sich fast versucht fühlen, den 
Maler im unmittelbaren Umkreis Dürers zu 
suchen; manche Gesichtstypen erinnern fast an 
Kulmbach. Die Tafeln stammen aus dem Besitz 
Erzherzog Leopold Wilhelms, in dessen Inven- 
n Daniel Frosthel, Madonna mit Kind. Äqtlllell luf Pergamenl 
11 
tar von 1659 sie als Originale von Dürer ver- 
zeidmet sind. 
Neben dieser Kompilation sind drei vollkom- 
men getreue und original große Kopien vorhan- 
den. Zunächst die des „Rosenkranzfestes" aus 
den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts 
von einem unbekannten Maler. Es zeigt das 
Bild in noch unbeschädigtem Zustand. Vielleicht 
verdankt es seine Existenz überhaupt dem 
Umstand, daß entweder Rudolf oder einer 
seiner nächsten Nachfolger ein unzerstörtes 
Exemplar des „Rosenkranzfestef besitzen 
wollte. Oder man wollte ein Abbild dieses sehr 
berühmten Bildes, das sich ja in Prag befand 
und wohl wegen seines schlechten Zustandes 
von den Schweden nicht entführt worden war, 
in Wien haben. Übrigens befindet sich noch 
eine veränderte hochformatige Kopie des Ro- 
senkranzbildes im Besitz der Gemäldegalerie. 
Sie ist von sehr geringer Qualität und ihrer- 
seits die Kopie einer anderen Fassung, die 
ebenfalls alter kaiserlicher Besitz war, aber 
noch seit dem napoleonischen Bilderraub in 
Lyon verblieben ist. 
Erstaunlich spät sind die Kopien des „Aller- 
heiligenaltares" und der „Marter der 10.000 
Christen", beide von Johann Christian 
Ruprecht, der von Kaiser Ferdinand III. von 
Nürnberg nach Wien berufen worden war. Die 
eine Kopie ist 1654 datiert, die „Marter" 1653. 
Auf beiden Bildern ist die Signatur Dürers fort- 
gesetzt durch die ausführliche Signatur des 
Kopisten „ad imitationem Düreri". Warum der 
Kaiser die beiden Kopien bestellte, kann höch- 
stens vermutet werden. Die beiden Originale 
befanden sich schon längst in der Wiener 
Schatzkammer, es ist also kaum anzunehmen, 
daß Ferdinand III. außerdem noch Wert auf 
den Besitz der Kopien legte. Vielleicht aber 
wollte er sie seinem Bruder Erzherzog Leopold 
Wilhelm für seine Brüsseler Galerie, die freilich 
wenig später nach Wien kam, zum Geschenk 
machen. Die beiden Kopien blieben also in 
Wien und kamen ebenfalls in die Schatzkam- 
mer. Erst 1748 wurden sie in die Gemälde- 
galerie übertragen. 
Von dem Augsburger Daniel Frösdiel (um 
1572-1613), also aus rudolfinischer Zeit, ist 
die „Madonna mit Kind", eine goldgehöhte 
Aquarellkopie auf Pergament nach einer 1512 
12 Im; Bauern Im Gespräch. Holz, 24X18 cm 
u 
datierten Kohlezeichnung Dürers (Albertina). 
In der rechten unteren Edte ist anstelle einer 
Signatur das Abbild des jungen Dürer, 1484 
datiert, dem Entstehungsjahr dieser Zeichnung; 
an der Rückseite ist das Bild „Daniel Freschel" 
bezeichnet. - In dieselbe Kategorie gehört das 
kleine Täfelchen mit den „Drei Bauern im Ge- 
spräch", nach dem Stich Dürers (um 1493). 
Auch in diesem Fall wird die graphische Vor- 
lage ins Bild umgesetzt. Es stammt ebenfalls 
aus der rudolfinischen Zeit. 
Außer den angeführten Bildern sind drei Por- 
träts von Kaisern vorhanden. Zunächst zwei 
Kopien nach den großen Nürnberger Kaiser- 
bildnissen des Sigismund und Karl des Gro- 
ßen. Sie sind nicht ganzfigurig, sondern zeigen 
nur die Köpfe. Die beiden Bilder stammen 
wohl auch aus der Zeit um 1600. Qualitativ 
sind sie weit besser als zwei ganzfigurige Ver- 
sionen der Nürnberger Kaiserbilder, die zum 
Bestand der Wiener Schatzkammer gehören. 
Die beiden Köpfe sind offenbar genaue Wie- 
derholungen der beiden Kaiscrbilder in Züricher 
Privatbesitzi. 
Das dritte Kaiserbild stellt Maximilian I. dar. 
Das Bild geht zurück auf den Holzschnitt von 
1518. In beiden Porträtaufnahmen ist die Kette 
ganz gleich. Hingegen hat der Pelzkragen sein 
Vorbild im berühmteniBildnis des Kaisers in 
der Gemäldegalerie. 
Zum Sehluß ist noch eine Holztafel zu erwäh- 
nen, „Herkules und die stymphalischen Vögel", 
nach dem Leinwandbild in Nürnberg. Der Hin- 
tergrund der Kopie entspricht nicht ganz dem 
Original. Das Bild zeigt deutliche Einschläge 
der niederländischen Malerei um 1600. Es 
ist übrigens die einzige Kopie mythologischen 
Inhalts. 
So sehr man an diesen Bildern die hohe Wert- 
schätzung der Kunst Dürers ermessen kann und 
wie deutlich auch die unterschiedliche Verwert- 
barkeit Dürerscher Vorbilder wird, so liegt 
doch in ihrer Existenz etwas zutiefst Unkünst- 
lerisches und Zukunftsloses. Der Wert der Imi- 
tation besteht nur in der Gegenwart, eine 
künstlerische Entwicklung ist aus ihr allein 
heraus nicht möglich, nicht einmal wenn es ein 
Dürer ist, der seine Reichtümer zur Verwertung 
anbietet. 
(Anmerkungen a-s i. s. m 
13 Hetkules und die stymphaliwhen Vögel. Hol1,90 X11) cm 

	        

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