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Volltext: Alte und Moderne Kunst XVI (1971 / Heft 118)

 
J. A. Boeck 
GOLDSCHMIEDEKUNST 
HEUTE - PROGRESSIV 
ODER ZEITLOS? 
ÜBERLEGUNGEN 
zu ARBEITEN vom 
ULRIKE ZEHETBAUER- 
ENGELHART 
Mit Arbeiten von besonderer Eigenart hat die 
Wiener Goldschmiedin Ulrike Zehetbauer-Engelhart 
im Lauf weniger Jahre im Bereich ihres Schaffens 
Beiträge geleistet, die zur Betrachtung herausfor- 
dern. Wie schwierig es ist, Stilelemente der Gold- 
schmiedekunst präzise zu analysieren, weiß ieder, 
der historische Sammlungen der privaten oder 
öffentlichen Hand und die dazugehörige Literatur 
kennt - und er weiß auch, daß iedes solche Unter- 
fangen bei zeitgenössischen Werken nur noch 
komplizierter ist. Denn heute, im Zeichen des 
Pluralismus nebeneinander bestehender oder ein- 
ander in rascher Folge ablösender Kunstformen, 
hat der einzelne Goldschmied mehr Möglichkeiten 
denn ie, zu autochthonen Eigenwerten durchzu- 
stoßen. Dies aber nur dann, falls es ihm gelingt, der 
Überflutung durch Anregungen aus allen Kontinen- 
ten, Zeiten und Stilen durch seine persönliche 
Potenz Herr zu werden. 
Eben das hat Ulrike Zehetbouer-Engelhart zustande 
gebracht. Ihre Arbeiten lassen erkennen, daß sie 
sich weder von der Tagesmade zu extravaganten 
Attitüden des Augenblicksreizes willen verlocken 
nach zu möglichst viele Einflüsse aufnehmenden 
uncharakteristischen Mischformen treiben lößt. Sie 
geht vielmehr Wege, die ebenso progressiv wie zeit- 
los und zugleich unverwechselbar sind. 
Von frühen Schmuckformen, die uns meistens aus 
Grobbeigaben bekannt sind, bis ins Heute führen 
viele direkte und indirekte Verbindungslinien. Schon 
beim Formenkanon des Schmucks der Primitiven 
war, wie zum Beispiel vorn asiatischen Festland 
bis nach Ozeanien, die Überbrückung ungeheurer 
geographischer Räume feststellbar. Das Aufschlie- 
ßen und die Intensivierung von Handelswegen 
brachte es in späteren Perioden mit sich, daß die 
Werke der Goldschmiede zum kosmopolitischsten 
Kulturgut überhaupt avancierten. Dies geschah in- 
folge des mit dem Anwachsen der Populationen 
ansteigenden Bedarfs, vor allem aber auch wegen 
der leichten Transportierbarkeit und permanenten 
Beliebtheit der kleinen Gegenstände. So lagen 
die Verhältnisse bereits vor rund anderthalb Jahr- 
tausenden, also bereits damals, als Stücke wie 
etwa iene lombardischen Ohrgehdnge entstanden, 
die man in der Sammlung Le Clercq in Paris be- 
wundern kann. Sie vereinen Gronalien mit Filigran, 
Gravuren und Email, wobei unter anderem römi- 
sche, byzantinische und durch die Goten nach 
Europa gebrachte Einflüsse orientalischer Steppen- 
kunst ablesbar sind. Um wieviel verwickelter noch 
muß ieder Versuch ausfallen, die Herkünfte der 
Ikanographie eines modernen Ateliers zu definieren! 
Zwei Haupttrends bestimmen Ulrike Zehetbauer- 
Engelharts Schaffen. Einmal finden wir uns mit 
Arbeiten von absolutem Selbstwert konfrontiert, 
die, umfönglicher dimensioniert, als Werke bilden- 
der Kunst in ieder bedeutenden Gegenwartsgalerie 
ausgestellt sein könnten, und zum zweiten Gegen- 
stände von ausgesprochenem Schmuckcharakter, wie 
Kolliers, Halsketten, Fibeln, Broschen oder Ringe. 
Dabei ist augenföllig und entscheidend wichtig, 
daß diese beiden Arbeitsrichtungen einander in 
kontinuierlicher Kommunikation mit Erfahrungsma- 
teriol und künstlerischen Impulsen gegenseitig be- 
liefern. Figurale Darstellungen treten weder natura- 
listisch noch stilisiert auf. Das Zueinander oder die 
Kontraste von Edelmetall und Edelstein bringen in 
Fläche und Raum, in Gestalt und Farbe Elemente 
ausschließlich abstrakter Natur. Dabei entstehen 
Gebilde, die sich auf den ersten Blick als Schmuck- 
stücke von distanzierender, elitörer Noblesse prö- 
3 sentieren. Doch das ist nicht alles: bei näherem 
 
 
 
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