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Volltext: Alte und Moderne Kunst XVI (1971 / Heft 119)

Planriß 6 der 
Prag, Veitsdom. 
uerschnitt des Nordteiles und halbiertcr crundriß einer 
rmfassade. Wien, Akademie der bildenden Künste. 
Wiener Sammlungen: 
festhielt, hat er sidi selbst um jede Chance 
einer Realisierungsmöglidikeit seines Projektes 
gebradit. 
Wenn wir den Wiener Planriß zwar nadi dem 
Straßburger Riß B, aber sicher noch vor dem 
Ausbau der Vollpyramide des Freiburger Tur- 
mes - also in die Zeit um oder kurz nach 
1300 - datieren, so ist er für seine Zeit unikal. 
Erst viel später tritt bei einem Wiener Riß 
(Nr. 6XZ) wieder dieselbe Problemstellung in 
anderer Form auf. Der Riß zeigt in der unte- 
ren Hälfte (Nr. 611) einen Schnitt durch den 
Nordteil des Prager Domchors mit dem Stre- 
bewerk, darüber einen halbierten Grundriß 
einer Turmfassade, der in der Achse etwas ver- 
sdiwenkt ist. Ob es sid1 dabei um eine Planung 
für das (nie ausgeführte) Oktogon des Prager 
Südturmes (spiegelbildlich), um eine Planung 
für den nie gebauten dortigen Nordturm oder 
gar um eine Planung für eine Prager West- 
fassade handelt, ist nicht gesichert, wenn auch 
nidit ganz ausgeschlossen. Dieser Riß birgt so 
zahlreidie ungelöste Problemstellungen in sich, 
daß wir diese vorliegende Untersuchung nicht 
mit dieser Problematik belasten wollen. Viel- 
mehr soll hier nur ein Symptom untersucht 
werden, das eng mit der Problematik des obe- 
ren Abschlusses des Wiener Risses 289 zusam- 
menhängt. 
Besonders interessant ist der obere Absdnluß 
des „Prager" Turmes: Wir sehen hier ein mitt- 
leres Oktogon, das über den Edten des darun- 
terliegenden Turmquadrates von vier kleinen 
Oktogonen begleitet wird. So einfadi dieses 
Grundsd-iema ersdieint, so stellt es uns doch 
vor eine Reihe von fast unlösbaren Problemen. 
Zunächst ist das mittlere Oktogon viel zu klein 
in seinem Durchmesser und liegt deshalb kon- 
struktiv nicht unterbaut mitten im „Luftraum" 
des darunterliegenden Quadrates. Seine Stre- 
ben sind relativ stark, die Turmfenster rela- 
tiv schmal, so daß sie auch bei einer Annahme 
einer bescheidenen Höhe eher Schlitzen glei- 
chen. Im Zentrum scheint ein fester Kern (Spin- 
del?) zu liegen, von dern acht radiale Linien 
zu den Edren des Oktogons führen, während 
vier weitere auf die Mitte der übereck stehen- 
den Oktogonseiten weisen. Sollen diese Linien 
Gewölberippen oder Treppenstufen darstellen? 
Beide Annahmen sind fragwürdig. Gegen Rip- 
pen spricht der feste Kern, den man kaum als 
Schlußstein ansprechen kann, und die völlig 
unbegründete Anordnung von „Sdieitelrippen" 
nur in den überedt stehenden Gewölbefeldern. 
An Treppenstufen zu denken, ist noch unmög- 
lidier, da Treppenstufen nidit zentral, sondern 
tangential auf eine Spindel zulaufen, nicht un- 
bedingt auf die Edten bezogen sein müssen 
und vor allem in gleidaen Abständen aufeinan- 
der folgen. Hier sind aber immer zwei kurze 
und eine lange „Stufe" miteinander abwedi- 
selnd dargestellt. 
Ebenso unklar ist die Darstellung bei den vier 
kleinen Oktogonen. Audi diese sind von Stre- 
ben mit profilierten Stirnseiten umgeben. Wei- 
ter innen sieht man zuriidtgestuft eine ähnliche 
Gliederung. Bei dieser kann es sidt fast nur 
um das nächstfolgende Geschoß handeln, das in 
das darunterliegende Gesdioß projiziert ist. 
DOCh fehlt hier eine plausible Überleitung, so 
daß man zunächst den Eindrudt gewinnen 
könnte, es handle sich bei dem kleineren Okto- 
gon um den Hohlraum des großen. Hier aber 
kleine Edtspindeln anzunehmen, ist nach der 
Art der Darstellung kaum möglich. 
An eine rein hypothetische Architekturskizze 
zu denken, ist bei der Genauigkeit der Dar- 
stellung des Unterbaus nidat vertretbar, da hier 
sicher eine sehr konkrete Planung vorliegt und 
einige meßtechnisdie und konstruktiv sehr in- 
teressante Hilfslinien und Hilfsfiguren einge- 
tragen sind. Daß sogar eine konkrete Planung 
vorliegen kann, zeigt die außergewöhnlich ei- 
genwillige Lage der beiden Wendelstiegen am 
Viereckunterbau. Die erste Wendelstiege sitzt 
im Winkel zwischen Turmaußenwand und der 
die Fassade fortsetzenden Streben, die zweite 
an der dem Mittelsdiiff zugekehrten Edte des 
Turminnenpfeilers. Da die Profilierung des 
Pfeilers ringsum genau gezeichnet ist und diese 
Spindel zur Hälfte in den Pfeiler einbindet, 
kann es sich nur um die Projektion einer Wen- 
deltreppe handeln, die erst oberhalb der Mittel- 
schiffwölbung beginnt und zwischen einem 
zweiten und dritten quadratisdien Turmgesdioß 
liegen könnte. 
Hier bestehen nun auffallende Querverbindun- 
gen zu der Straßburger Lösung, wenn es sich 
bei dem „Prager" Riß auch sidier nidit um eine 
Studie für Straßburg handelt. In Straßburg ist 
nämlid-i die Lage der Wendelstiegen durdiaus 
analog. Die Wiener Planbearbeitung (Riß 289) 
des Straßburger Risses B besitzt außerdem nodi 
das eingezogene (obere) Oktogon mit vier Edt- 
oktogonen, die hier aber sicher Wendeltreppen 
darstellen. Unwillkürlidi muß man an eine 
Querverbindung zwisdien diesen beiden Ris- 
sen denken, die aber nadi Lage der Dinge viele 
Jahrzehnte auseinanderliegen, falls man die 
Grundrißzeid-inung gleichzeitig oder nur wenig 
später ansetzen will als die Planung der dar- 
unter gezeid-ineten Nordteile des Prager Dom- 
diors. Die Ideentransplantation könnte sogar 
in Wien erfolgt sein, falls der Riß 289 damals 
schon in Wien lag und der Planbearbeiter des 
Prager Domchors diesen in Wien einsehen 
konnte. Dodi bleiben alle diese Hypothesen un- 
bewiesen, da es in der zweiten Hälfte des 
14. Jahrhunderts sicher ebenso enge Verbindun- 
gen zwischen Straßburg und Prag wie zwisdien 
Prag und Wien gab. 
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