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Volltext: Alte und Moderne Kunst XVI (1971 / Heft 119)

rry Kühnel 
000 JAHRE KUNST 
KREMS" 
i RESTAURIERTEN 
)MINIKANERKLOSTER 
der Gegenwart entwickeln sich die Städte 
nie zuvor in der europäischen Geschichte 
ungemein komplexen Gebilden, sie üben 
fast magische Anziehungskraft aus und 
den solcherart zu wirtschaftlichen, gesell- 
ftlichen, administrativen und kulturellen 
tren. Dieser Entwicklungs- und Wandlungs- 
zeß hat auch die stadtgesdlichtliche For- 
lng in Bewegung gebracht, wird doch nun- 
ir der Stadttopographie, der städtischen 
tschaftsgeschichte, der städtischen Sozialord- 
g, der vergleichenden Stadtverfassungsge- 
dite u. a., nicht allein des Mittelalters, son- 
1 aud1 der nachmittelalterlichen Perioden 
Städtewesens größte Aufmerksamkeit ge- 
nktl. Wenig oder gar nid-it beaduet wurde 
er die künstlerische und kulturelle Aufgabe 
Bedeutung der Städte. Die vom 28. Mai 
31. Oktober im restaurierten Dominikaner- 
lter gezeigte Ausstellung „l000 Jahre Kunst 
Krems" stellt den ersten Versuch dar, die 
einer Stadt ausgehenden künstlerisdien und 
urellen Bestrebungen sowohl wissensdmaft- 
zu bearbeiten als auch zugleich „schaubar" 
madmen. Damit soll den derzeitigen stadt- 
hiditlidlen Forschungsaufgaben ein neuer 
ekt hinzugefügt werden. Die Zielsetzung 
Exposition bringt es mit sidi, daß ein 
lrblidt über einen Zeitraum von tausend 
ren und damit über das Auf und Ab ge- 
zn wird, gibt es doch selbstredend in der 
chichte einer Stadt - wie auch eines Lan- 
- nicht nur Höhepunkte. Insoferne kann 
es Vorhaben mit den vorausgegangenen 
stellungen in der Steiner Minoritenkirche 
t verglichen werden, wo man bemüht war, 
hoch- und spätmittelalterlidie Kunst in 
lster Qualität oder ganz typischen Werken 
Augen zu führen. 
gehört zum besonderen Vorzug dieser Aus- 
ung, dafS die Präsentation der Kunstwerke 
Räumlichkeiten erfolgt, die bisher der Fach- 
: und dem Publikum nahezu unbekannt wa- 
nämlich in der ehemaligen Dominikaner- 
he sowie im Konventgebäude. Bei der Re- 
rierung dieses gewaltigen Gebäudekomple- 
konnten einige wertvolle kunsthistorisd-le 
de gemacht werden, so etwa das gemalte 
lpelgrab des letzten Sponheimerherzogs Phil- 
von Kärnten und seines Feldherrn Hein- 
Graf von Salm, nach italienischen Vorbil- 
l um 1320-1330 entstandenä, oder die an 
Wänden des Süd- und Ostflügels des 
uzganges aufgefundenen gemalten Anniver- 
zn, die eine genaue Datierung der Erbauung 
Langhaus und Konventgebäude ermöglich- 
Die wohl bedeutendste Entdedtung ge- 
, 1970l71, als der frühgotisdle Ostflügel 
Kreuzganges freigelegt und wiederherge- 
t werden konnte, für den in erster Linie 
Ministerialen des Wald- und Weinviertels, 
hwegs Parteigänger des Böhrnenkönigs Ot- 
tr, als Wohltäter in Erscheinung traten 3. 
Aufbau und die Anordnung der Ausstel- 
; erfolgten in der Form, daß Kirche und 
Klosterräume in ihrer architektonischen Schön- 
heit voll zur Geltung kommen. Im hochgoti- 
sdlen Chor haben mittelalterliche Plastik, Tafel- 
bilder und Grabdenkmäler einen würdigen und 
adäquaten Rahmen. Im spätromanisch-frühgo- 
tischen Langhaus wurden die meist überlebens- 
großen Barockskulptuten, das Kunstgewerbe, 
die Malerei des 17. Jahrhunderts sowie Zeich- 
nungen und Ulskizzen Martin Johann Schmidts 
untergebracht. Die Räumlichkeiten im Kon- 
ventgebäude sind einzelnen Sachgebieten vor- 
behalten: der Kapitelsaal birgt die vorwiegend 
im Mittelalter entstandenen Objekte aus 
Schmiedeeisen sowie mittelalterliche Keramik, 
Im Caldarium wurde eine historische Abtei- 
lung mit Urkunden, Siegeln, Münzen und Me- 
daillen eingerichtet, im Refektorium werden in 
eindrucksvoller Form Waffen, Geräte aus Zinn 
und Glocken dargeboten. Der östliche Kreuzgang- 
flügel, selbst schon bemerkenswertes Ausstel- 
lungs- und Museumsobjekt, dient der Veran- 
schaulichung der städtischen Topographie, der 
städtebaulidlen Entwicklung sowie der Archi- 
tektur im besonderen. Der Südflügel des Kreuz- 
ganges blieb dem Mobiliar, Porzellan, Glas und 
den Uhren vorbehalten, während in einem Teil 
des Nordtraktes und im gesamten Westtrakt 
alle jene volkskundlichen Objekte gezeigt wer- 
den, die mit dem Thema „Wein und Kunst" 
zusammenhängen. Die moderne Galerie wurde 
völlig abgesondert von den übrigen Disziplinen 
im Obergeschoß des Ostflügels, wo sid1 der- 
einst die Zellen der Patres befanden, aufge- 
stellt, in unmittelbarer Nähe davon überdies 
eine Abteilung für Theater, Musik und Buch- 
drudt eingeriditet. 
Bei der Behandlung so vieler Bereiche städti- 
sdnen Kunst- und Kulturschaffens ergeben sid1 
naturgemäß einige Schwerpunkte. Ein solcher 
liegt im Frühmittelalter, war dOCh die ältere 
Pfarrkirdie St. Stephan ein Bau des 11. Jahr- 
hunderts, der saalähnliche Pfarrhof entstand 
um die Mitte des 12. Jahrhunderts, und damals 
existierte auch schon die neue Pfarrkirdie St. 
Veit. In der zweiten Stadtburg am Hohen 
Markt wurde zwischen 1130 und 1190 der 
Kremser Pfennig, die älteste österreichische 
Münze, geschlagen, ein Beweis für die zugleich 
wirtschaftliche Bedeutung der Stadt. 
Das Spätmittelalter stellte eine Blütezeit sonder- 
gleichen dar, bürgerlidier Fleiß und bürgerli- 
eher Kunstsinn ließen eine Unzahl von Werken 
der bildenden Kunst - Altäre, Plastiken, 
Wandmalereien und kunstgewerblidle Arbei- 
ten - entstehen. Die ungeheure Dynamik ver- 
mag man am besten zu beurteilen, wenn man 
bedenkt, daß in der zweiten Hälfte des 13. 
Jahrhunderts nidit allein die beiden Bettelor- 
denskirchen der Dominikaner und Minoriten, 
sondern auch die Matthiaskapelle in Förthof er- 
richtet wurden, im 15. Jahrhundert ziemlidu 
gleichzeitig an der Frauenbergkirdw (Piaristen- 
kirche) in Krems, an der Bürgerspitalskird-le 
sowie an der Steiner Pfarrkirdle St. Nikolaus 
gebaut wurde. 
Die spätgotisdien Künstler traten bereits aus 
ihrer Anonymität hervor, wir wissen um die 
Tätigkeit des Malers I-Ians Egkel, des Bürgers 
und Malers Laurenz Wilgiter und Andre Stangl. 
Für die Entstehung der Donauschule war 
Krems einer der Kristallisationspunkte, und der 
aus Augsburg zugewanderte Jörg Breu d. A. 
arbeitete einige Jahre in einer größeren Krem- 
ser Werkstätte. Der im Jahre 1500 konsekrierte 
Bernhardialtar von Zwettl wurde ohne Zwei- 
fel von einem „pictor ex Khrembs" geschaffen, 
der freilich daran allein vier Jahre - seit 1496 
- arbeitete. Aus stilistischen Gründen erfolgte 
die Zuschreibung des Werkes an Jörg Breu d.  
Derselbe Meister hat nun 1501 den Aggsbacher 
Altar fertiggestellt und ein Jahr später den 
Melker Altar vollendet, beides große Altäre, 
bei denen die Autorschaft Breus, der am Aggs- 
bacher Altar auch signierte, unbestritten ist. 
Es muß aber angezweifelt werden, ob der 
„pictor ex Khrembs" tatsächlich mit Breu 
identifiziert werden kann, da selbst eine lei- 
stungsfähige Werkstatt schon aus handwerk- 
lichen Gründen nicht in der Lage gewesen sein 
konnte, drei so gewaltige Kunstwerke im Ab- 
stand von je einem Jahr zu liefern4. Neben 
Breu durchwanderte auch Wolf Huber das Do- 
nautal, das er bei Krems 1529 in einer meister- 
haften Federzeidinung festhielt. Von einem un- 
bekannten Meister stammt das 1530 gemalte 
Porträt des aus Straßburg zugewanderten Me- 
diziners und Apothekers Dr. Wolfgang Kapp- 
ler, einer Persönlidlkeit mit humanistischer Bil- 
dung. Die Tafel mit dem Bildnis seiner Frau, 
etwa eineinhalb Jahrzehnte später entstanden 
und der Donauschule nahestehend, zeigt inter- 
essanterweise auf der Rüdrseite den Stamm- 
baum der Familie in Form der „Wurzel Jesse". 
Der im Raume Krems früh verbreitete Prote- 
stantismus führte wie anderwärts zu einem 
weitgehenden Niedergang der bildenden Kunst, 
bedurfte man doch nicht mehr der frommen 
Stiftungen. Eine Ausnahme bildete die nach 
prahlerischer Repräsentation strebende Ardti- 
tektur, die von Protestanten und Katholiken 
in gleicher Weise angestrebt wurde. Hingegen 
förderte die Hinwendung zum gesprodienen 
Wort und zur Bibel als reinste Quelle göttli- 
cher Offenbarung das Buchwissen, und die Ver- 
lasserlschaften vieler Kremser Bürger geben 
Aufschluß über große Büchersammlungen huma- 
nistischen Inhalts, aber auch über Prunksudit 
und Protzigkeit beim Hausrat, vor allem beim 
Kredenzgeschirr. 
Die Gegenreformation bediente sid-l sodann 
wieder der bildenden Kunst, vor allem der 
Architektur, der Plastik und der Malerei, um 
die Bevölkerung auch von den Sinnen her zum 
wahren Glauben zurückzuführen. In der Bau- 
kunst entstand nach den Plänen des Comasken 
Cipriano Biasino eine der ersten barodten Kir- 
chen nördlich der Alpen, die Pfarrkird1e St. 
Veit (1616-1630) und geraume Zeit später 
der Zentralbau der K3PDZiI1Bfkifd1C in Und, 
ein Werk des Domenico Sciassia. Die frühba- 
rodten Skulpturen sind diarakterisiert durch 
einen etwas unnahbaren, steifen und fast beleh- 
renden Stil - dem das Siegespathos nicht fehlt 
-, wobei man nach Vorbildern sudite und 
ANMERKUNGEN l-4 _ 
' r,. Ennen, Die Stadt zwisdten Mittelalter und Gegenwart, In: 
Die Stadt des Mittelalters, hrg. von c. Haase, Bd. l. Darm- 
Stadt 1969, s. 7 ff. 
x H. Kühnel, Die emalten Grahdenkmäler von Herzog Philipp 
von Kärnten un Heinridt Graf von Salm irn Chor der ehe- 
maligen Dominikanerkirdie in Krems, in: Zeitschrift für 
Kunst und Denkmalpflege 2111967, s. ioo n. 
1 H. Kühne]. im Dominikanerkloster, in: Katalog 1000 Jahre 
Kunst in Krems. 1971, s. m n. 
- Man studiere die bei H. Huth. Künstler und Werkstatt der 
Spätgotik, Darmstadt 19er, s. ios m. wiedergegebenen Ver- 
träge, vor allem die Bedingungen für es. Verwendung von 
Materialien und deren Velilrillltllllg sowie über die Dauer 
der Vollendung solcher Werke. 
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