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Volltext: Alte und Moderne Kunst XVII (1972 / Heft 120)

legen kann, was man will; der untere Teil öffnet 
sich mit zwei Klappen, oben ist freier Platz in 
der vollen Länge, dort bewahre ich alle meine 
großen Geldtaschen auf; hinten gibt es zwei Ge- 
heimkassetten mit zwei Laden"? 
Es ist sehr schade, daß Karl von Lothringen nur 
die innere Einteilung des Möbels so genau be- 
schreibt und nicht das Thema der lntarsien, 
welches uns heute den Sekretär wiedererkennen 
ließe. Der Herzog von Sachsen-Teschen über- 
nahm ihn für 400 Gulden als Familiengut. Dann 
verlieren wir seine Spurw. 
Zum Abschluß können wir sagen, daß Roentgens 
Tätigkeit in Brüssel weit größer war und viel 
früher begann, als wir bisher annahmen. Er ver- 
kaufte etwa ein Dutzend Möbel an Karl von 
Lothringen und belieferte mehrere bedeutende 
Persönlichkeiten des Brüsseler Hofes. 
Man könnte sich berechtigterweise fragen, war- 
um Roentgen nicht durch Karl von Lothringen 
an den Hof von Versailles eingeführt wurde, 
wo der Statthalter doch der Onkel Marie-An- 
toinettes war. Bis ietzt haben wir noch keine 
Anhaltspunkte dafür. Die erste Spur Roentgens 
in Brüssel datiert vom März 1775, während seine 
erste Parisreise im August 1774 stattfand, un- 
mittelbar nach dem Tode Ludwigs XV. und der 
Thranbesteigung Marie-Antoinettes in Frankreich. 
Wir können jedoch den Einfluß Brüssels auf die 
Karriere Roentgens in Paris aus folgenden Tat- 
sachen ableiten: zunächst war der Sekretär, den 
Ludwig XVI. im Jahre 1779 kaufte, nichts an- 
deres als eine neue Fassung des Sekretärs, 
den Karl von Lothringen 1776 erworben hatte. 
Wir wissen nicht, durch welche Quelle der König 
von Frankreich von ihm erfuhr, denn die Be- 
ziehungen zwischen Prinz Karl und seinen fran- 
zösischen Neffen scheinen nicht sehr eng gewe- 
sen zu sein. Zum zweiten erhielt Roentgen, als 
er auf den Widerstand der Zunft der Pariser 
Kunsttischler traf, Unterstützung von Mercy- 
Argenteau, einem Lütticher Edelmann, der Wie- 
ner Botschafter beim König von Frankreich war 
und stöndig mit der Brüsseler Regierung in poli- 
tischer und kultureller Hinsicht Kontakt pflegte. 
Roentgen hatte ihm übrigens eine herrliche 
Spieluhr mit vielen technischen Raffinessen ge- 
liefert und mit ihm Möglichkeiten ins Auge ge- 
faßt, seine Waren nach Wien einführen zu 
können". 
Darüber hinaus erscheint uns Roentgen in seiner 
Korrespondenz als geschickter und tüchtiger 
Unternehmer. Seine Briefe vergegenwärtigen uns 
lebhaft die Schwierigkeiten, unter welchen die 
Fuhrwerke ihre kostbare Fracht nach Brüssel 
schafften; prächtige Boiserien und zerbrechliche 
Möbel, die auch heute nach unsere große Be- 
wunderung finden. 
Anhang (Quellen) 
1 Ä.G.R., S.E.G. 2600 und 2601. 
Passagen im „Journal Secret" des Karl von Lothringen, 
die sich auf Roentgen beziehen: 
26. Mai 1775. „at provost edur 2 seereidir et une table 
di eerire de rlieine de neuvitte so d, s." 
1B. November 1775: „pdie a leuis paur une cassette di 
l'homme de Neuvitte". 
2a. August 1776: „venus en ville paur ies drrdires du 
Gauvernement; l'hame de Neuvitte di deerie icy un 
bureau, sur lequel ii y d une eenduie camme ld mienne, 
et quantite de secret, en iu, rendclnt ld mienne ie lui di 
promis saa 172 d. s. de plus, Ce qui fait que cette 
rndsnine me coute qucltre cent cinquante huit double 
seuv, 
w. September 1777: „pdie dl rliemme de Neuvit paur 
une petite table 22 d. s." 
1. Juni 1779. „vue rnd clrdmbre dodienee finis... 
edie 10m1 lauis at l'homme de Neuvit pDUr san auvrage 
de ld clidmbre d'Odience". 
2 A.G.R., M.C.L. 170. 
Quittung über die Bezahlung einer Schreibkommode, 
27. August 1776: „1000 Schreibe ein Tausend Ducaten um 
einen an Ihre Könlgl. Hoheit Le Duc Charles de Laraine 
gelieferten Schreib Camode mit einer Spieluhr sind mir 
durdn M. de Leenheer richtig bezahlt worden welches 
herdurch hescheinige und desfals Quittire, Brüssel, den 
27ten Aug. 1776. gez. David Röntgen, aus Neuwied" 
3 A.G.R., M.C.L. 152. 
Vertrag und auiining über die Pdnnedus des Audienz- 
sddies, 21. Februar 177a und 2. Juni 177m „Nachdem 
Sr Königl. Hoheit Prince clidrles Hertzo von Lothringen 
ad Griädigst geruhet durch den benisten David 
Röntgen von Neuwied nachstehende Stücke um den 
dabey gesetzten Preyss verfertigen zu ldssen dls neben 
Hochdieselben folgenden Accard mit innie verabredet. 
pmü: Verspricht geduchtar David Röntgen in ddss Audienz 
cdbinei dn statt deren rdpeien zwey Historien stücke 
von seiner eingelegten Arbeit in holtz zu verfertigen 
Bestehend in einer histarie von Scipia auf einer seiie 
und dui der dnderen seiie des Friede zwischen denen 
Römern und sebinern, dile beyde Stück ndeii der besten 
Zeichnung, und dis se vollkommen dis möglich in holtz 
einzulegen ist, se, ddss sich der David Röntgen gerne 
der Critice eines ieden Kunst-Maklers frey unterwerffen 
will. 
oiese Eingelegte Figuren sollen in einem gebrochenen 
weissen Grund seyn, und alles durs beste gearbeitet. 
Sdo; Verspricht David Röntgen diese Arbeit ddnir in sr 
Königl. Hoheit Audienz Zimmer dn den gehörigen Orts 
mit Hülffe einiger dm Hofe Arbeitenden handwerks 
Leuten zu Aiustieren und zu befestigen. 
nie. Verspricht David Röntgen diese Arbeit in dem 
zukünftigen idnr 1779 einzulieferri; ddgegen haben sr 
Königl. Hoheit Gnädigst geruhet, dem David Röntgen für 
diese Arbeit bey deren Ri tigen Einlieferung die summe 
vOn ein tausend neue iduis d'ors zu bezdnien. Gleich 
wie nur sr Königl. Helieii diies dieses gnddigsi zu Agrei- 
ren geruhet haben, se sind zu lieeii dere Sicherheit 
so wdlil, dls dudi ddinii sr Königl. Hoheit Gnödigste 
Willensmeynung nicht in vergess komme, iiber diesen 
cantract, zwey gleich lautende Exemplaria ausgefertlget, 
und Gnädigst unterzeichnet werden. 
sd geseneiien Brüssel den 21n February 177a, 
igez.) cdri von Lothringen 
igez.) David Röntgen van Neuwied. 
 
lch, der Unterzeichnete bestätige, im Auftrag Sr. Königl. 
Hoheit die vereinbarte Summe von 1000 Lauisdar als 
Bezahlung der in der vorliegenden Urkunde erläuterten 
Arbeiten erhalten zu haben. 
Brüssel, den 2, Juni 1779 
4 A.G.R., Mss. divers 311D. 
Brief Roentgens an Giran. Neuwied, 1. Mai 1779 
Roentgen schreibt Giron, ddß die Boiserien für den 
Audienzsddl fertig sind und setzt ihn van der bdidigen 
Lieferung in Kenntnis. Er bittet ihn, die Ladung anzu- 
nehmen (um die Fuhre voll zu machen, sind dudi Kisten 
für senerei Ferraris u. Presideni de wdurdns debei), sie 
trocken zu ldgern und bis zu seiner Ankunft unge- 
öffnet zu idssen. Giron soll auch die Fracht bezahlen, 
und Raentgen bedankt sich rrir seine Mühe. 
5 A.G.R., Mss. divers 3110. 
Brief Roentgens an Giron. Neuwied 15 mai 1779. 
Roentgen teilt Giron mit, daß die Fuhre mit den 
Boiserien auf dem Weg nach Brüssel ist und gibt ihm 
nochmals Anweisungen zum Entladen. Er schreibt, daß 
einer seiner Gehilfen den Transport begleitet. Um ein 
Umkippen zu vermeiden, gibt er nach folgendes dazu: 
eine halbe Ohme Moselwein für Giron, für M. Gruber, 
und für sidi selbst ebenfalls eine halbe Ohme Wein, 
eine Kiste mit Weinpraben für M. Weiss, eine Rolle mit 
Plänen für die Boiserien, zwei kleine, in Holz eingelegte 
Porträts, zwei Kassetten mit Federwerk, eine Kiste für 
General de Ferraris, einen Aktenstünder für Präsident de 
Wavrans. Außerdem befinden sich nodi zwei weitere 
Kisten auf dem Wagen: die eine enthält zwei Bilder 
des Prinzen, die andere altes Werkzeug. 
6 A.G.R., Mss. divers 3110. 
Kostenaufstellung des Transpartes der Ponneaus für den 
Audienzsaal: der Fuhrmann A. Grandry stellt die im 
Verlauf des Transpartes angefallenen Kasten zusammen: 
Fahrtkosten, Lohn für Hilfskräfte, div. andere Ausgaben. 
7 A.G.R., Mss. divers 3110. 
Roentgen schreibt an Giran den 25, Mai 1779, daß er ihm 
sechs Kisten für folgende Herren schickt, die an Ihre 
Königl. Hoheit adressiert sind, um so die Zölle zu umge- 
hen: ein Schrank, ein Zylinderbureau, ein kleiner Schreib- 
tisch für General de Ferraris; ein Schreibtisch für Präsident 
de Wavrans; ein Schreibschrank für den Prince de Gavre; 
drei Klappsessel für Karl von Lothringen. Giran soll die 
entsprechenden Kisten den ieweili en Herren zustellen 
lassen und die Bezahlung entgegene men. 
8 A.G.R., S.E.G. 2081. 
Juni 1779. 
Ansuchen Raentgens dn Karl van Lothringen: Raentgen 
ersucht den Statthalter unter Hinweis dur seine Kunst 
und die bereits gelieferten Möbel, in regelmäßigen 
Abständen dn den Hof kommen zu dürfen, um für die 
Instandhaltung der Möbel zu sorgen. Er bittet ihn, den 
Titel „Artiste-ebeniste et machinisie du prince" verr 
liehen zu bekommen. 
9 A.G.R., Mss. divers 3110. 
Brief des Prince de Gavre an Giron: er ersucht ihn, 
eine Kiste, die den fehlenden Teil eines van Raentgen 
gekauften Sekrelärs enthält, zu sich zu bringen, da der 
Erilincte de Gavre erst mit dem Hof aus Mariemant zurüdr- 
e r. 
lgez.) David Roentgen. 
Anmerkungen 30-32 
3" S.E.G. 2604, fol. 62. H. HuVh, Anmerkung 36. 
" S.E.G. 2632, fol. 142 verso. C.F. 772, fol. 142 verso. 
3' Wien, Usferreichisches Staatsarchiv, Korrespondenz 
Mercy-Argenleau, Nr. 623. 
96 
E] Unser Autor: 
Mudame Clclire Lemoine-lsu-beuu 
Acudämie Royule d'Archäologie, Belgique 
clo Avenue des Sarabäes 22 
Bruxelles 1050
	        

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