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Volltext: Alte und Moderne Kunst XVII (1972 / Heft 120)

mir. Nach längerem tiefem Schweigen atmete 
er erleichtert auf: „No Gottseidank! - Du bist 
genau so ungeschickt wie ich!" Den Sinn dieses 
Ausspruches habe ich erst später richtig verstan- 
den. Es war nicht nur das damit gemeint, was 
Richard von Schoukal in die Worte kleidete: 
„Die allzu Verwegenen wird Gott gnädig seg- 
nen, aber die allzeit Gewandten gehören schon 
zu den Verdammten." 
Für Kolig konkretisierte sich die hoffnungslose 
Gewandtheit im Duktus, in der Handschrift, im 
Strich. Die Mehrzahl der talentierten Adepten 
betätigt einen viel zu selbstsicheren, virtuosen 
Strich, der mit dem Zeichnen zu leicht-fertig 
wird. 
Bei Schilderung von Koligs origineller Methodik, 
die zeichnerische Darstellung eines Aktes in An- 
griff zu nehmen, teilte ich bereits mit, daß es 
eine seiner typischesten, io stereotypen Hilfsvor- 
stellungen war, daß der Körper des - liegenden 
- Aktmodells als Landschaft erlebt, angesehen 
werden müsse, damit die Monumentalität, der 
Formenreichtum, die große Form, voll erfaßt und 
wirksam gestaltet werden könne. Diese Feststel- 
lung kann allerdings ieder bei aufmerksamer 
Betrachtung seiner Akte auch unmittelbar aus 
diesen selbst, aus deren quasi geographischen 
Charakter, ablesen. 
Herbert Boeckl hat diese autosuggestive Hilfsvor- 
stellung Koligs sozusagen beim Wort genom- 
men und ad absurdum weitergeführt. In man- 
chen der Zeichnungen seiner Kolig-Zeit, zum 
Beispiel in den Alleen von 1919, überlößt er es 
dem Betrachter, in der Landschaft einen Akt 
oder im Akte eine Landschaft zu erkennen; diese 
inhaltliche Labilität lenkt jedenfalls die Aufmerk- 
samkeit auf das Wesentliche: auf die Zeichnung 
selbst. Zu dieser Zeit hat Boeckl seine einzigen 
Männerakte gezeichnet - in Nötsch gab es 
keine anderen Modelle - welche, die damaligen 
zeichnerischen Darstellungsmittel Koligs verwen- 
dend, doch um ein gutes Stück in der Richtung 
seiner expressiven Rustikalität weitergehen. In 
darauffolgenden Landschaftszeichnungen Boeckls 
finden wir dann etwas wie Applikationen weib- 
licher Formen (siehe W. Hoffmann „Zeichnungen 
u. Aquarelle H. B2"). K. B. Palkovsky stellt in 
seinem Buch über Kokoschka fest, daß dieser „in 
der Bestrebung, eine möglichst große Roumtiefe 
der Landschaft zu erzielen, zur Entdeckung von 
konstruktiven Hilfselementen gelangte, mit denen 
er ganz unglaubliche Möglichkeiten gewann. 
Manchmal sind es völlig technische Mittel kreis- 
förmiger, elliptischer, parabolischer und anderer 
Formationen gewesen, welche ihm neue, unge- 
wöhnliche Lösungen unter Benützung verschie- 
dener Brennpunkte ermöglichten." Diese sehr 
interessante Mitteilung des Schwiegervaters Ko- 
koschkas bezieht sich auf ähnliche „Mehrwer- 
tigkeiten", wie die von W. Hoffmann bei Boecki 
aufgezeigten. Picassos Stilleben sind zu Land- 
schaften monumentalisiert, seine Landschaften 
wirken dagegen beengt wie Stilleben. Der 
Stammvater aller dieser autosuggestiven Form- 
vorstellungen, welche die Bildhaftigkeit unter- 
bauen und verfestigen und damit zugleich eine 
bei iedem dieser Künstler eigene Verzauberung 
bewirken, ist aber Cezanne. 
lch habe es mir versagen müssen, in diesem Auf- 
satz auch über die Handzeichnungen Wiegeles 
Erwägungen anzustellen. Diese außerordentlich 
bemerkenswerten Kunstwerke liegen aber auf 
einer gänzlich anderen Linie, die mit den übri- 
gen hier angeführten Österreichern keine Be- 
rührungspunkte hat und deren Genesis also eine 
selbständige, umfassende Arbeit darstellen 
müßte. lch möchte es vermeiden, relative Wert- 
urteile abzugeben, aber mir erscheinen die 
besten Zeichnungen Wiegeles so kostbar wie 
Qll 
Edelsteinschnitte aus der Hofwerkstatt Rudolfs ll. 
in Prag. 
Auch über die Zeichnungen Gerhart Frankls will 
ich nicht ausführlicher berichten und freue mich, 
daß dies ein Berufenerer tun will, aber nicht 
verabsäumen kann idi hier darauf hinzuweisen, 
daß in Frankls Handzeichnung, die auf der her- 
vorragenden österreichischen Tradition seit Klimt 
erwachsen, unter anderem neue Kräfte unmittel- 
bar aus Cezanne und aus dem zauberhaften 
Rhythmus gotischer Plastiken schöpfte, eine gna- 
denvolle lnstöndigkeit zu Worte kommt, die es 
mit Wiegele aufnehmen kann. Er hat dann in 
England Baumlandschaften gezeichnet, deren 
eigenartige Wildheit und Kraft, Unmittelbarkeit 
und Faszination kaum ihresgleichen haben. 
Zeichnungen wie sein Selbstbildnis vorn Jahre 
1922 gehören zu den Höchstleistungen dieser 
Zeit. Und Aquarelle, wie die Punta San Matteo 
van 1927 (über diese Hochgebirgsaquarelle vgl. 
Otto Benesch - Zur österr. Malerei der Gegen- 
wart. Kunst und Künstler - Jhg. XXV - Heft 12, 
September 1927 - S. 465.), haben niemand Ge- 
ringeren befruchtet als Herbert Boeckl. Diese 
Blätter setzen einen Schlußpunkt hinter die 
grüßte Epoche der österreichischen Handzeich- 
nung, welche mit ihnen einige ihrer vorläufig 
letzten Kulminationspunkte erreicht hat. 
Kolig hatte ein musikalisches Grundprinzip der 
Handzeichnung entdeckt. Das waren keine Vor- 
zeichnungen mehr, keine Nachzeichnungen einer 
Bildvorstellung, sondern ieweils ein in sich aus- 
gewogenes, eigenen Gesetzen - nicht der Bild- 
haftigkeit - folgendes Ganze. Dynamisch und 
eruptiv, aber abgeschlossen in einer Art von 
linearem Kontrapunkt. Ein spontan auskristalli- 
siertes Gefüge; weitgehend unbewußt, flüssig 
hingeschrieben, energiegeladen und eindeutig. 
Das ist die Form der besten Zeichnungen Koligs. 
lhre Zielsetzung aber war bestimmt durch das 
Bemühen, Gewalt und Größe des menschlichen 
Körpers zu „begreifen" und festzuhalten. Und 
so gelangte er zu seinen grundsätzlich neuen, 
primären Recherchen, zu seinem völlig persön- 
lichen Zugriff. 
Vielen Künstlern diente die Handzeichnung wie 
eine Vorhut, als kühne Avantgarde ihres Heer- 
zuges, um möglichst weit in noch unrekognoszier- 
tes Niemandsland vorzustoßen, in dem bei ie- 
dem Schritt ein Hinterhalt droht. lch wählte die- 
sen Vergleich, weil das Lebenswerk iedes Künst- 
lers ein Feldzug ist, dessen Ausgang mindestens 
von ebenso vielen Komponenten abhängig ist 
wie das Kriegsglück. 
Rodin ließ sich von seinen spontanen, verflie- 
ßenden, einfallsreichen Federzeichnungen wie 
von Träumen leiten. Er spannte sie als geflügelte 
Rasse vor seinen Wagen. Sie waren ihm um 
eine Generation vorausgeeilt, moderner als seine 
Marmorplastiken, denen sie Wege in die Zu- 
kunft weisen wollten. 
So sind auch Koligs Zeichnungen - von allem 
Anfang an - weit vorgeprellt ins Unbekannte 
und haben dort an neue Welten gerührt. 
Cl Unser Autor: 
Bohdan Hefmansky 
Akademischer Maler 
Molä Strana, Nerudova 8 
Praha l-Pasta Praha O11
	        

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