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Volltext: Alte und Moderne Kunst XVII (1972 / Heft 120)

Ich gebe zu, daß ich Kunstkritik für etwa Kreati- 
ves halte, schon bei dem, was ihre erste Aufgabe 
ist: Bericht und Analyse, die Feststellung der 
Wahrheit über Kunst, und erst recht im Hin- 
blick auf iene höhere Bemühung, die Darstellung 
von Kunst ist, die Wiedergabe in einem neuen 
Medium, welches sein eigenes Gesetz besitzt. Das 
Nebeneinander des Bildes muß in das Nachein- 
ander des Wortes umgesetzt werden. 
Für eine Dummheit halte ich die Auffassung, 
die vor solchem Tun, solcher Anstrengung warnt 
und den Rat erteilt, ehrfürchtig und dummgIot- 
zend vor dem Werk des Künstlers zu verweilen, 
es allein „mit dem Gefühl" aufzunehmen und 
um Gottes willen die Vernunft dabei um keinen 
Preis ins Spiel zu bringen. 
Der seiner Sinne und seines Verstandes mäch- 
tige Mensch erlebt um so mehr an einem Werk 
der Kunst, fühlt, empfindet seine Wirkung um 
so tiefer, ie mehr er sich mit ihm befaßt, ie 
gründlicher er es überlegt, ie umfassender und 
genauer er es in Beziehung zu seiner bisherigen 
Lebens- und Kunsterfahrung bringt. Vernunft kul- 
tiviert das Gefühl. Die Beschäftigung mit Kunst- 
werken und das Nachsinnen über sie machen 
fähiger, machen geeigneter im Hinblick auf neue 
Erfahrungen mit Kunst. 
Der wesentliche Künstler, meine ich, ist im übri- 
gen auch gar nicht der, der sich beleidigt fühlen 
würde durch den Versuch des Betrachters, das, 
was er an einem Werk der Kunst erlebt und 
empfindet, in Worte zu fassen, wenn es dem 
Künstler nur in genügender Weise verständig er- 
scheint. Er wünscht sich ein Publikum, das auf 
ihn eingeht, das ein Urteil hat. Der Enthusias- 
mus des Kunstgenießenden wird ihn erfreuen, 
doch keineswegs ist es die bloße Backfischschwär- 
merei, welche in ihm das höchste der Triumph- 
gefühle erregt. 
Wer denkt, erlebt mehr, erlebt tiefer. Das Nach- 
denken über Kunst macht fähiger, Kunst zu er- 
leben, und im übrigen auch fähiger, Kunst zu 
schaffen. Nicht zuletzt aus diesem Grunde wer- 
den gerade von Künstlern immer wieder Überle- 
gungen über Kunst angestellt, von dem bereits 
zitierten „Kanon" des Polyklet bis zu den Aus- 
führungen der ganz Modernen. Kritik, ich 
wiederhole, heißt scheiden, unterscheiden. Kri- 
tik ist Beurteilung, und sowenig Kunst aus bloß 
physiologischen oder reinen „Gemüts"-Reaktio- 
nen entsteht, sowenig ist die Beurteilung von 
Kunst allein aus dem Gefühlsleben möglich. 
Aus der Beobachtung der Praxis von Künstlern 
ebenso wie aus deren verbalen Äußerungen, die 
zahllos sind und ganze Bibliotheken füllen, weiß 
man, daß Künstler Kritik üben und geübt haben, 
nicht allein an dem Werk anderer Künstler, san- 
dern auch an dem eigenen, und nicht zuletzt im 
Schaffensprazeß selber, der, näher betrachtet, 
wesentlich auch ein kritischer Prozeß ist. Der 
Künstler verwirft, während er die Form sucht, 
den treffenden Ausdruck sucht, und bejaht; er 
vernichtet, lößt bestehen, sucht das Bestehende 
noch zu verbessern, was heißt, daß er wieder 
verwirft. Solcherart ist auch ein iedes bestehen- 
gebliebene Werk nur ein Punkt in dem Prozeß 
der Auseinandersetzung des Künstlers mit der 
Welt, ein Werk, welches das Kommende vorbe- 
reitet, das es aufs neue zu verbessern sucht, und 
so fort. 
Das Kunstwerk als Botschaft 
Wenn also Kritik etwas ist, das beim Künstler 
beginnt und beim Publikum sich fortsetzt, wel- 
dies ebenfalls das Recht beansprudit, Urteile zu 
fällen, und es natürlich auch hat (soweit erwor- 
ben, denn Urteilsfähigkeit setzt Willen, setzt 
Bemühung um den Gegenstand voraus), dann 
muß das kritische Tun auch für den Kritiker le- 
QQ 
gitim sein. Kunstwerke sind nicht nur Formsuche, 
Persönlichkeitsausdruck, Auseinandersetzung des 
Künstlers mit der Welt; sie sind auch Botschaf- 
ten, an andere Menschen gerichtet. Dem Sach- 
verhalt gemäß wird auch der Künstler zugeben, 
daß, wenn diese Botschaften ihr Ziel nicht errei- 
chen, die Schuld nicht immer bei denienigen 
sein muß, für welche die Botschaft bestimmt ist. 
Zur Praxis 
Es ist eine fixe Idee von mir, doß es, in Kunst- 
büchern zumindest, wo immer möglich, einen 
begleitenden, erläuternden und das BiIdgesche- 
hen ins Sprachgeschehen umsetzenden Text, am 
besten zu jedem einzelnen Bild, geben soll. Ohne 
genaue Beschreibung sind Bilder meist schwer 
auch nur halbwegs auszuschöpfen, es sei denn 
für den seltenen Mann, der schon von vorneher- 
ein alles weiß, und ich denke, Bücher und Auf- 
scitze werden in der Hauptsache doch mehr für 
die anderen geschrieben, für iene häufigere 
Spezies von Bildbetrachtern, die nicht von vorn- 
herein alles wissen. 
In der Zeitungskritik habe ich es mir zur Ange- 
wohnheit gemacht, ieweils wenigstens das eine 
oder andere Bild herauszugreifen und es kurz 
zu beschreiben. Der Leser soll sich einen Be-_ 
griff davon machen können, was ihn in der Aus- 
stellung erwartet. Lehnt der Kritiker das Bild, 
eine Ausstellung ab, soll er die Gründe dar- 
legen. 
Früheste Aufgabe des Kunstkritikers war die In- 
formation. Ein etwas schüchternes Wesen, machte 
er sich anfangs, soweit er überhaupt urteilte, 
erklärtermaßen die Meinungen zu eigen, die von 
den Liebhabern der Kunst geäußert wurden in 
den Zirkeln der guten Gesellschaft. Auf Denis 
Diderot, den ersten, der sein Urteil auf die 
eigene Kappe nahm, sind Legionen von Kritikern 
gefolgt, kluge und weniger kluge, in der Hond- 
habung des Worts begabte und weniger be- 
gabte, aber immer noch ist es Aufgabe des 
Kunstkritikers, zu informieren. 
Wie es um die Dinge heute steht, hat er, um 
sein Amt auszuüben, in den Tageszeitungen 
nicht allzuviel, ia in der Regel viel zuwenig 
Raum. Das ist eine der Ursachen, warum die 
Information oft kärglicfi ausfällt und weder die 
Gründe des Urteils genügend ausgeführt wer- 
den können, noch Kunst wirklich dargestellt wer- 
den kann. Das Urteil kommt in solchen Fällen 
abrupt oder auch überhaupt nicht, die Kritik 
wird zum Torso, zum Apercu, zur Notiz. 
Die Information soll meiner Meinung nach das 
Simpelste (von den Angaben über Ausstellungs- 
ort, Name, Alter, Herkunft und Ausbildungs- 
gang des Künstlers bis zur Kennzeichnung der 
Thematik) ebenso umfassen wie die weit schwie- 
rigeren Sätze über künstlerische Eigenart. 
Alles das gilt sinngemäß und naturgemäß auch 
für die Besprechung von alter Kunst. Der All- 
roundman, der beides zu besprechen willens 
und imstande ist, die alte Kunst und die mo- 
derne, wird seiner Aufgabe eben deshalb auf 
iedem der beiden Felder besser nachkommen 
können. „Es gibt keine moderne Kunst", schrieb 
Schiele einmal, „es gibt nur eine Kunst, die ist 
immerwährend". Aber natürlich gibt es einen 
Formenwandel in der Kunst. Das universale In- 
teresse wird den Blick des Kritikers nicht allein 
für die Zusammenhänge, sondern auch für das 
Charakteristische auf iedem der beiden Felder 
schärfen. 
Methode der Wertung 
Schon mit der Beschreibung der Werke ist na- 
turgemäß Analyse verbunden. Auf die Analyse 
folgt Wertung. Zur Wertung müßten - bei 
strenger Systematik folgerichtig - Angaben dar- 
über kommen, was das Werk nach der Me 
des Kritikers für die akute Situation und el: 
was es für die Entwicklung des Künstler: 
der Kunstgattung überhaupt bedeuten ki 
Was mitzuteilen ist, soll nicht auf präpz 
Weise vorgebracht werden, sondern möglic 
Kürze, den Versuchscharakter hervorheben 
man nicht sehr sicher ist, und möglichst 
einfach und mit Eleganz. 
Ich spreche von ldeolforderungen. lnsbeso 
die wertende und unterscheidende Arbei 
Kunstkritik ist um so schwieriger zu erl 
als der Kritiker zum Unterschied vom Ki. 
storiker [a im Augenblick reagieren muß. 
Publikum will eine rasche Antwort, und : 
fordert der waghalsige Beruf des Kunstkr 
einen Mut, eine Selbstverantwortung, einen 
sinn von besonderer Stärke. Wie leicht kar 
Kritiker irren, und wie leicht ist, wenn e 
einige Male irrt, sein Renommee dahin. 
gemäß gibt es keine größere Freude fü 
als wenn sich herausstellt, daß der Künstler 
auch eine Richtung, von denen er schon 
früh etwas hielt, schließlich durchbrechen, 
haben und am Ende auch die Anerkennur 
dächtigerer Gemüter finden. 
Immer wird der wertende Kritiker nach d 
weiligen Absicht des Künstlers zu fragen l 
und danach, wie weit sie erfüllt ist. Er 
ferner auch die Frage stellen, was mit 
solchen Erfüllung nun eigentlich getan ist. 
Damit sind wir an einem besonders krit 
Punkt der Kritik angelangt, nämlich dort, w 
Philosophische und Weltanschauliche ihre 
zu spielen beginnen, die persönlichen Vor 
eines Kritikers und seine Vorstellungen 
Sinn und Zweck der Kunst überhaupt. l- 
Format, so wird er auch hier nach mögli 
Sachlichkeit trachten,wobei er, wenn er lek 
bleiben will, freilich nicht so weit gehen 
daß Temperament und Parteinahme ver 
gehen. 
Eine Kunst über Kunst 
Über moderne Kunst wird in der Regel nic 
geschrieben, um das Publikum zu inforrr 
sondern auch, um es einzunehmen für eine 
stimmten Künstler, eine bestimmte Richtun 
derlei Bücher, Aufsätze und Zeitungsartik 
ben nicht zuletzt die Funktion, für zeitge 
sches Kunstschaffen überhaupt zu werben. 
Diese agitatorische Arbeit wird von der 
kritik in nützlicher und erfolgreicher Weise 
geleistet werden, wenn erstens die Wültfltt 
bei nicht zu kurz kommt und zweitens der 
ker des Wortes mächtig ist, wenn er un 
zen, in einem anderen, dem Publikum mei: 
ser vertrauten Medium Wirkung auszuübe 
steht. 
Versteht er es und hat er Methode und de: 
gen Spürsinn entwickelt, so ist die Kuns 
die er vor Augen stellt, nicht allein Beschre 
Information, Analyse, sondern auch, wi 
deutsche Kritiker Franz Roh einmal meinte 
Kunst über Kunst. 
l Peter Bruegel, Künstler und Kenner. 
Zeichnung, Albertina, Wien. 
2 Honore Daumier, Les Amateurs dans un 
de peintre. Aquarell. 
Literatur: 
Egzgäar zum. Die Entstehung des Geniebegriffs. t 
Franlz Roh: Der verkannte Künstler. München ms. 
Albert Dresdner: Die Entstehung der Kunstkritik 
chen 1968. 
Ü Unser Autor: 
Professor Johann Muschik 
Kunstkritiker 
Lerchenfelclergürtel 2713140 
1160 Wien
	        

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