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Objekt: Alte und Moderne Kunst XX (1975 / Heft 138)

an s: aus:- um 
 
Steinbruch St. 
Kreide. Feder. 
Porträt lnge (Ausschnitt), Ul. 
Athosmönch (Ausschnitt), Kreide, 
Feder. 
Alkohalikerin, Kreide, Feder. 
Heimo Schrittwieser. 
Mädchen mit langem Haar, Aqua- 
rell, Feder. 
Landsdiafl mit Räumen, Kreide, 
Feder. 
Venedig, Aquarell, Feder. 
Margarethen, 
 
Heimo Schrittwieser 
Wenn wir einen in seiner Eigenart so fest 
umrissenen Künstler wie Heimo Schrittwieser in 
seinem Werk betrachten, das nunmehr seit 
über 20 Jahren in Österreich ebenso wie im 
Auslande einer breiten Öffentlichkeit bekannt 
geworden ist, müssen wir uns angesichts des Weges 
des 1928 in Wien geborenen Zeichners und 
Malers insbesondere seiner künstlerischen Herkunft 
vergewissern. Gerade bei ihm trifft es zu, 
daß der Künstler der Prototyp des Individuums, 
des für sich selbst, aus sich selbst schöpferischen 
Menschen ist, in dem die primäre Kraft des in sich 
selbst Bestehens die eigentliche Wurzel eines 
höheren Potentials ist, für das es im Bereich der 
modernen Kunst wohl keinen besseren Begriff als 
den der „Bezeichnungskraft" gibt. 
Was nun können wir über diese immanente Kraft 
im Werk Schrittwiesers aussagen? Seine geistige 
und künstlerische Herkunft läßt sich nicht ohne einen 
Rückblick definieren, der die inneren - nicht 
die äußeren - Ansatzpunkte und Voraussetzungen 
seines Schaffens aufzeigt. 
Als Braque und Picasso in den Jahren zwischen 
1908 und 1914 die Grundlagen eines analytischen 
Kubismus erarbeiteten, schufen sie einen 
Ausgangspunkt für alle Kunst der Moderne, 
der ungeachtet ieder möglichen Abwandlung im 
Wesentlichen bis heute verbindlich blieb. 
Picasso drückte die neue Sinngebung mit den 
Worten aus: „Es war nicht unsere Absicht zu malen, 
was das Auge sieht, sondern darzustellen, 
was wir vom Dasein der Dinge wissen." 
Wie es hier umrissen wird, gilt es auch heute, 
daß der Künstler, welchen Stil er immer vertrete, 
seine Ausdrucksform in keiner Technik des Sehens 
oder Erkennens vorbestimmt oder gar 
vorgegeben findet. Trotz der Vielfalt der 
graphischen Verfahren hat eine Forderung Bestand 
gehabt: nicht so sehr das Verlangen nach 
„WerkgerechtigkeiW, als vielmehr der Anspruch 
auf echte Manifestation künstlerischer Vorstellung, 
auf „SinngerechtigkeiW. Es geht nicht um die 
Multiplikation des Vordergründigen, sondern um 
die Division des Hintergründigen. Es ist ein innerer 
Vorgang, in dem sich letzten Endes gleichsam das 
Sein als Zähler und das Sehen als Nenner ergibt. 
So sagt der Philosoph Karl Jaspers: „Wir können 
die Wahrheit des Vergangenen nur ergreifen, 
wenn wir sie in Erscheinung umwandeln . . ., 
während wir im Ursprung gegründet sind, 
bedürfen wir der Unbefangenheit, um die große 
Wandlung zu vollziehen." 
Diese große Wandlung von Vision in Erscheinung, 
so glauben wir, wird sichtbar gemacht in der 
Unmittelbarkeit der Bilder Schrittwiesers, im 
Menschlichen ebenso wie im Landschaftlichen: 
sei es in dem Verströmen des Lebensgefühls 
einer alten Frau, in der sinnlosen Gefangenheit 
ihres Ausblicks in eine leere Umwelt - in der 
erwartungsvollen, künftigen Reichtum schauenden 
Inbesitznahme einer aufblühenden Welt des 
Wissens und Empfindens durch die Jugend - in der 
übersinnlichen Reife eines in Träumen weise 
gewordenen Greises - in der Herausforderung 
des Zweifels durch den fragenden Blick eines 
Lebenserfahrenen - in der Ausstrahlung des Porträts 
einer iungen Frau, deren Selbstvergewisserung 
über den Raum als amorphe Struktur triumphiert. 
Ähnliches erleben wir in der vielschichtigen Welt 
der Landschaft, die durch ihre Hingabe an das 
Menschliche wie eine Miniatur im Freskostil wirkt; 
in dem Blick auf einen Steinbruch, der Kunst und 
Natur - wie am Tage der Schöpfung - als 
elementare Kräfte des Werdens und Lebens erweist; 
oder etwa in der vielfältigen Verästelung von 
Gebilden der Natur, die sich wie tastende Fühler 
in den Raum erstrecken, um am allgegenwärtigen 
Kreislauf der Welt teilzuhaben 
Philipp Suesserott 
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