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Volltext: Alte und Moderne Kunst XVII (1972 / Heft 121)

und Altenburg, wie auch den nicht allzu weit 
entfernt liegenden Städten Mainz" und Berlin 
zu berichten, die nun sämtliche, dem Glauben 
der Zeit entsprechend, als Prodigien des Todes 
Maximilians gedeutet wurden". Das Auftreten 
merkwürdiger Himmelsersdweinungen aber ge- 
hörte in den Rahmen der aktuellen Berichter- 
stattung", derartige Sensationsmeldungen wur- 
den während des 16. Jahrhunderts immer mehr 
bevorzugte Themen „Neuer Zeitungen", so daß 
ihnen, wie das Titelblatt seiner Schrift beweist, 
Herzheimer auch primäre Bedeutung beimaß: 
„Hie Inne Kay. Mt. loblicher gedechtnus ableyben 
zu Wells, anno 1519. Darnach ettliche seltzame 
gesichte, weliche ains tachs vor vnd nach seinem 
sterben sein gesehenn wordenn . . ." 
Wenn es nun aber unwahrscheinlich ist, daß 
außer den Haloerscheinungen realistisch faß- 
bare Naturereignisse stattfanden, stellt sich die 
Frage, welcher Ordnung oder Vorstellung die 
übrigen Bilder entnommen worden waren. Wie 
bereits erwähnt, hatte Herzheimer an der Wie- 
ner Universität Philosophie studiert, wurde als 
gebildeter Mann geschützt und hatte wohl per- 
sönliche Beziehung zu humanistischem Gedan- 
kengut 
Von alters her brachte das gewöhnliche Volk 
ebenso wie die gelehrte Welt das Auftreten 
eines Kometen mit dem Tod eines Monarchen in 
Verbindung. Schon bei Plinius heißt es: „Mei- 
stenteils ist der Komet ein schreckenerregendes 
und nicht leicht zu versöhnendes Gestirn . . . Nur 
an einem einzigen Orte auf der Erde, nämlich 
zu Rom, wird ein Komet in einem Tempel ver- 
ehrt, weil ihn der göttliche Augustus als ein 
günstiges Zeichen ansah. Dieser erschien... 
kurz nach dem Tode seines Vaters Cäsar... 
Er entstand um die elfte Tagesstunde, war klar 
und in allen Ländern sichtbar. Das Volk glaubte, 
er bedeute die Aufnahme der Seele Cäsars un- 
ter die unsterblichen Götter . 1'". Auch 
Sueton und Ovid" sahen in dem 44 v. Chr. 
aufgetretenen Kometendie Seele Cäsars. Cassius" 
weiß zu berichten, daß gelegentlich des Todes 
von Kaiser Vespasion ein großer Komet lange 
Zeit sichtbar war. Da erst Tycho de Brahe die 
Kometen als Himmelskörper erkannt hat, wer- 
den gerade zu Beginn des 16. Jahrhunderts oft- 
mals Kometen und Meteore gleichgesetzt. 
Es ist daher anzunehmen, daß Herzheimer mit 
der Erscheinung über Weimar und Mainz einen 
Meteor bezeichnet, dessen Fall er über Berlin 
beschreibt. Diesen Meteor setzt er einem Kome- 
ten gleich, der, dem Denken der römischen Antike 
und von da her dem des Humanismus entspre- 
chend, unmittelbar mit Maximilians Tod verbun- 
den ist. 
Da in keiner der Prodigienschriften des 16. Jahr- 
hunderts" dieser Meteor oder Komet nachweis- 
bar ist, muß es sich wohl um eine freie Erfindung 
oder besser eine gelehrte Projektion des Hans 
Herzheimer handeln. Über Weimar läßt Herz- 
heimer den Kometen fünf verschiedene Gestalten 
annehmen (vgl. Abb. 1): erstens die eines Ster- 
nes, der nach der für das Denken des Humanis- 
mus so bedeutungsvollen Schrift des Horopoll 
die Seele eines Menschen „doch eins manns""' 
(Abb. 4) bedeutet. In Pirckheimers im Auftrag 
Kaiser Maximilians hergestellter lateinischer 
Horapollübersetzung (Abb. 3) bedeutet der Stern 
das Schicksal (fatum vero, quoniam illud ex 
stellarum disposiciane procedat) oder die Zahl 
fünf, die die Herrschaft der Welt ordnet (Nu- 
merum vero quinque, quoniam, cum plures in 
cela stelle appareant, salum quinque ex eis 
moveantes, que et mundi gubernatianem dis- 
ponunt)". Somit bedeutet die Weimarer Er- 
scheinung wohl zunächst die Seele des Monar- 
chen, ihre fünf Verwandlungen das Sdticksal, 
20 
dem der Monarch als Ordnungsmacht des Rei- 
ches, als Lenker des irdischen Weltgeschehens 
obliegt. Die Erscheinung ist einbezogen in die 
Bahn des Meteors oder Kometen, die von Mainz 
bis Berlin beobachtet wird und den Tod des 
Kaisers anzeigt. 
Unmittelbar aus der Pirckheimerschen Harapoll- 
Übersetzung erscheint das über Altenburg be- 
obachtete Zeichen (Abb. 9-10) bezogen zu sein, 
das mit dem Hieroglyph „Quomodo vocem a 
lange" (Abb. 11) völlig übereinstimmt". Der 
Hieroglyph bedeutet die Stimme, die von weit 
her kommt, ohne daß man weiß woher, einen 
Donner, der so schrecklich und furchterregend 
anzuhören ist, wie es nichts grausomeres zu hä- 
ren gibt. Ein geheimnisvolles und unheilverkün- 
dendes Zeichen. Herzheimer projiziert die bild- 
liche Darstellung des Hieroglyphen als optische 
Erscheinung auf den Himmel und läßt seine 
Bedeutung, den unheimlichen Donner, erst als 
Lärm einer Feldtrommel, die aber von nieman- 
dem geschlagen wird, später als „herten shnaltz", 
an dem die die Erscheinung Beabachtenden 
„ganntz venagt sein"", vernehmen (vgl. auch 
Abb. 12). Da diese Ersdweinung erst zu „Laetare", 
also einige Wochen nach dem Tod des Kaisers, 
beobachtet wird, gibt sie wohl die Angst und 
"Unsicherheit des Reiches, das van seinem Herr- 
scher verlassen worden ist und dunklen Zeiten 
entgegensieht, wieder. 
Aus alle dem ergibt sich, daß die für Herzhei- 
mer zur Darstellung der Himmelszeichen maß- 
geblichen Kräfte mehreren Quellen entspringen. 
Eine von ihm selbst beobachtete realistisch faß- 
bare Noturerscheinung, die möglicherweise auch 
andernorts gesehen worden war, wird auf Grund 
der Kenntnis der lateinischen Literatur der An- 
tike und des Humanismus vielfältig projiziert. 
Gelehrtes Wissen wird zu konkret Geschautem 
umgeformt und als Sensationsmeldung wieder- 
gegeben. Die Natur wird in Verbindung mit 
dem Schicksal des Menschen gebracht, vor allem 
mit dem des als Lenker des irdischen Weltge- 
schehens angesehenen Monarchen". 
C1 Unser Autor: 
Dr. Hanna Dornik-Eger 
Assistent an der Bibliothek 
und Kunstblättersammlung 
des Österreichischen Museums 
für angewandte Kunst 
A-1010 Wien, Stubenring 5 
 
Anmerkungen 9-34 (Anm. 9-23, siehe Text S. 
'Vgl. die Edition von Herzheimers 
a. a. O., fol. 22tr-227v. 
" H. Dornik-Eger: Albrecht Dürer... a. a. 0., s. 
weiterer Untersudiung des Themas stellte sich 
anfän liche Meinung, die dargestellten Himmel: 
wurzeTten tief im Aberglauben der Zeit, als irrig 
"Neue Zeitung, a. a. O., fal. 22Br, „im 19. jar 
Sdireibfehler. Gemeint ist der 30. Nov. 1518. 
" Ebenda, folg. 228V, erstes Bilddien. 
1' Ebenda, fol. 228v, ;weites Bildchen. 
" Ebenda, fol. 228V, drittes Bildchen. 
" Ebenda, fal. 229r-23lr. 
"W. Haß: Himmels- und Naturersdweinungen in i 
drucken des 15.-18. Jahrhunderts, Leipzig 1911, 
"Wertvolle Hinweise Über die meteorologisch unc 
nomisch möglichen Erklärungen der dar estellte 
molserscheinungen verdanke ich Herrn r. Brur 
her, Leiter der graphischen Sammlung an der 
bibliothek Zürich. 
1' Salpuech und Conpartata, a. a. O., fal. 258v ff. 
" Ebenda, fal. 265r. 
f" Ebenda, Neue Zeitung, a. a. O., fal. 225r. 
7' Wertvolle Hinweise über Haloerscheinungen v: 
ich Herrn Dr. Martin Kranrumpf, Präsident des l 
Souveränen Komitee Fridtiof-Nansen-Ring. 
" B. Weber: Wunderzeichen und Winkeldrucker 15- 
Einblattdrucke aus der Sammlung Wikiana in d 
tralbibliothek Zürich. Dietikon-Züridt 1972, T 
S. 106 und S. 107, sowie Tafel 16, S. 118 und S. 119 
7' F. Archenhold: Kometen, Weltuntergangsprophez 
und der Halleysche Komet. Berlin 1910, bes. S. 
Kometenfurdit und Aberglaube. 
Sowie: R. Schenda: Die deutschen Prodigiensamr 
des 16. und 17. Jahrhunderts. In: Archiv für Ge 
des Buchwesens, Bd. lV, Frankfurt am Maii 
S. 638-710. 
7' Der Churfürst von Mainz weilte, ohne Kennt! 
Maximilians Tod, im Jännar 1519 am sächsisdu 
Am 20. Jänner reiste er weiter nach Eulenburg 
Moldau, wohin sich unmittelbar nach Erhalt der 
nachricht, am 24. Jänner, Churfürst Friedrich der 
und Hans Herzheimer begaben, um dem Maim 
bischaf die Botschaft zu bringen. Vgl. Salpue 
Con ortata, a. a. O., fal. 267r-269r. 
"J. anssen: Geschidrtte des deutschen Volkes, 
Freiburg im Breisgau 1888, S. 421. 
Alle ungewöhnlichen Naturerscheinungen wurden 
sondere, Unglück verkündende Wunderzeichen be 
Janssen erwähnt eine Nachricht des Darmstädter 
intendenten Heinrich Leuchter von 1613, in 
heißt: Als man im Jahre 1525 einen nächtlichen 
bogen (wahrscheinlich Haloerscheinungen vor den 
erblickt habe, sei sofort der Tod des Herzogs f 
von Sachsen erfolgt. - Eine merkwürdige und am 
werte Parallele zu der Haloerscheinung am 1 
Maximilians Tod. Vgl. dazu auch E. Zinner: l 
schidite der Sternkunde, Berlin 1731, S. 377: Kome 
Finsternisse wurden als Anzeidien künftigen Unltl 
ein Land oder als Vorboten des Todes eines Kär 
esehen. Sa hatte audi Georg Tannstetter I'll 
annenfinsternis in den Morgenstunden des 
1515 das Horoskop des Kaisers genau untersucht t 
nahen Tod Maximilians vorhergesagt. Dazu: 
Tannstetter, Judicium Astronomicum Viennense. 
Nr. 215; 348. E. Weiß: A. Dürers geagra 
astronomische und astrolo isdie Tafeln. In: Jb. 
Slgon, Bd. Vll, Wien 1838, . 207-220. 
1' G. Hellmann: DiejMetearalagie in den dt. Flug 
und Flugblättern des 16. Jahrhunderts (Abhan 
der preuß. Akademie der Wiss., Jg. 21, phy 
Klasse, Nr. 1]. 
" C. Plinii Liber secundus de mundi histori 
cammentariis Jacobi Milicfiii. Frankfurt 1552, S 
Cap. XXV: De Cametis et Caelestibus prodigiis 
et situ et generibus eorum. 
1' Sueton, Div. Jul B3, Ovid, Metarnarph. 15, 744 ff. 
Cossius Dio I. 1. 
Wunderzeichen. Warhafftige beschreybung und 
lich verzeichnuß schräcklicher Wunderzeichen v 
schichten die von dem Jar an MDXVII biß auff 
Jar MDLVI geschehen vnd ergangen sindt nr 
Jahrzal. Durch Jabum Fincalium, Nürnberg MDLV 
Prodigiorum ac Ostentorvm Chronicon. Quae 
crdinem, motum et operationem conscript 
Conradum Lcasthenem. Basileae 1557. Deutsch: 
setzung durc Johann Herold: Wunderwerck. Bat 
Weder bei Fincel nach L casthenes noch i der Pr 
sammlung Hellmanns t eteorologie, a 0., s 
wird ein Himmalserei nis in der Zeit van 1518- 
wähnt. In allen drei grodigiensammlungen sind 
vorn 3.-7. Jänner 1520 über Wien beobachte 
scheinungen ausführlich beschrieben und werden 
Kaiserkrönun und Regierung Karls V. in Ver 
gebracht. Vg. dazu auch H. Koegler: Das M6 
vor Papst Hadrian und das Wiener Pragnostika 
wiedargefundene Flugblätter aus der Presse des 
lius Gengenbach in Basel. In: Zeitschr. f. 
freunde, Jg. Xl, 1907108, Heft 10, S. 411-416. 
"Bildschrift oder Entworffene Wharzeidien di 
uhralten Aegyptier in ihrem Götzendienst Rhat 
zwei bücher durch etwa harurn ein heylig ge 
Priester und kunig in Aegypten vor dreytausent 
jaren verfaBt un besdiriben. In: Heydenweldt 
H. Petri, 1554. 
" Copie eines Teiles der von Pirckheimer in das La 
übersetzten und von Dürer illustrierten Hiero 
des Horapollon. Cod. 3255 Bibl. Pal. Hg. 
Giehlow: Die Hieroglyphenkunde des Humani 
der Allegorie der Renaissance, in. Jh. d. kh 
Bd. 32, Wien 1915, S. 132 f. und S. 191. 
"t Neue Zeitung, a. a. O., fol. 230m 
Eine ähnliche Form der Mischung von einerm 
selbst beobachteten Naturerscheinung - möglic 
der auch von Herzheimer erwähnten Haloersdiein 
über Linz und Wels gesehen worden war 
humanistischer Bildung prägt Philipp Gundels l 
bung der Trauer der Gestirne. Philipp Gundet 
Vertreter der Wiener Universität die Leichenrede 
Trauerfeier für Kaiser Maximilian im Stephan: 
 Vgl. H. Dornik-Eger, Albrecht Dürer . .. c 
Neuer 
 
  
c 
13 Gedenkstein des Hans Herzheimer, Trr 
jSltjöäkndreas-Kirche. Ausschnitt. Roter N
	        

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