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Volltext: Alte und Moderne Kunst XVII (1972 / Heft 121)

Der Doppelcharakter der Kunst als eines von der empirischen Realität und damit dem gesell- 
schaftlichen Wirkungszusammenhang sich Absondernden, das doch zugleich in die empirische 
Realität und die gesellschaftlichen Wirkungszusammenhänge hineinfällt, kommt unmittelbar an den 
ästhetischen Phänomenen zutage. Diese sind beides, ästhetisch und faits sociaux. Sie bedürfen 
einer gedoppelten Betrachtung, die so wenig unvermittelt in eins zu setzen ist, wie ästhetische 
Autonomie und Kunst als Gesellschaftliches. 
(Theodor W. Adorno) 
Kunst stößt in der Reflexion auf das, was sie heute ist und sein kann, darauf, daß in ihrem Bereich 
die Unterdrückung realer Möglichkeiten von durchaus technischer Relevanz genauso vorhanden ist 
und nicht minder sich auswirkt als im gesamtgesellschaftlichen Bereich. 
(Michael Scharang) 
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Peter Weiermair 
Anmerkungen zur 
Emanzipation der Kunst 
Die „Freiheit" des Künstlers, seine so oft zitierte 
und begehrte exemplarische Freiheit, die der 
„Bürger der Leistungs- und Konsumgesellschaft" 
als den Freiplotz einer nicht unmittelbar zweck- 
gebundenen Kreativität interpretiert, darüber 
hinaus aber noch mit dem Flair des Bohemiens 
des T9. Jahrhunderts sowie dessen moralischem 
Freiraum versieht, wird zu idealistisch, zu ein- 
dimensional interpretiert. Wenn auch Künstler 
selbst denken, „doß der Kunst- und künstlerische 
Bereich, also der schöpferische Bereich eines 
Menschen, der kreative Bereich, der freiheitliche 
sein wird, der freiheitlichste, auch für die Zukunft 
(Günther Uecker)", wenn Joseph Beuys in ihr, 
der Kunst, eine kreative Koinzidenz naturwissen- 
schaftlicher und geisteswissenschoftlicher Berei- 
che sieht, so ist der Künstler selbst als Produzent, 
der seine Ware zu Markt trägt, auf diesen Markt, 
auf die Kommunikotions- wie Vermittlungsinstan- 
zen angewiesen. Der Markt selbst reflektiert 
seine Position nicht kritisch, sondern ist eher 
daran interessiert, die Bedingungen, die er den 
Künstlern stillschweigend auferlegt, die Verflech- 
tungen ästhetischer Intentionen mit kommerziel- 
len Absichten und Interessen zu verschleiern. Er 
erscheint dienend, ist aber in Wirklichkeit be- 
herrschend. Er vermittelt nicht nur, sondern be- 
einflußt. Er determiniert das, was er vermittelt. 
Die Freiheit des künstlerischen Handelns, wenn 
man diesen Begriff überhaupt gebrauchen will, 
die Verwirklichung bestimmter kreativer Vor- 
stellungen ist abhängig von den ieweiligen öko- 
nomischen Bedingungen sowie den soziologischen 
Gegebenheiten. 
Der Künstler findet sich, wenn er die Öffentlich- 
keit mit seinen Werken erreichen will, den In- 
stitutionen des Kulturbetriebs (den Museen, 
Kunstvereinen und Kunsthallen) sowie den Ga- 
lerien gegenüber. Ermöglichen erstere ihm die 
Präsentation seiner Arbeit, die nicht Waren- 
charakter tragen muß, so sichern ihm letztere die 
ökonomische Basis für seine Arbeiten, mit der 
gleichzeitigen Auflage, sie als „Ware" zu produ- 
zieren. Die Tatsache der Unvermarktbarkeit eines 
Werks, das möglicherweise nur als Konzept, 
Prazeß oder Aktion vorhanden ist, bedingt die 
„Armut" des Künstlers, es sei denn, er gibt der 
an sich unvermarktbaren Arbeit den Anschein 
einer Ware oder sucht neue Wege der Ver- 
öffentlichung. 
Die Möglichkeit des Künstlers, außerhalb des 
Marktes der Galerien zu agieren, ist schwierig. 
Die Versuche der Selbstorganisationen, genos- 
senschaftlicher Zusammenarbeit (wie sie etwa die 
Gruppe Gironcoli, Brus, Rainer, Pichler, Attersee, 
Grünangergasse 12, derzeit praktiziert) sind oft 
durch den Egoismus einzelner, welche die Profite 
nicht zu teilen gedenken, gefährdet. 
Dazu kommt, daß die renommierten Galerien 
ihrer Monopolstellung als Verteiler und Vermitt- 
ler sicher sind. Der bis dato in Unmündigkeit 
gehaltene Künstler soll dies auch weiterhin blei- 
ben. So wurde die aus den Reihen der Concept- 
künstler kommende Anregung, den bildenden 
Künstler am Mehrwert, den der Markt für die 
künstlerischen Produkte erreicht, am Profit, zu 
beteiligen, den Handel und seine Spannen trans- 
parent zu machen, von den meisten Goleristen 
entschieden abgelehnt. Das Siegellaubsche Mo- 
dell, der New Yorker Canceptartist Seth Siegel- 
laub war der Initiator, sähe eine Beteiligung des 
Künstlers beim Weiterverkauf sowie bei den
	        

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