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Volltext: Alte und Moderne Kunst XVII (1972 / Heft 123)

 
hannes liege. Die Heilige Schrift, auf die sich 
das Bild nach Herkunft und Verständnis bezieht, 
legt nahe, daß der Inhalt der Tröstung die 
Schriftgemäßheit der Vorgänge, wie wir von 
Lukos hörten die Schriftgemäßheit der Situation 
ist. 
Diese Schriftgemäßheit spielt in der Auffassung der 
Passionsvorgänge eine bedeutende Rolle. Id1 möchte 
an den Bericht des Ganges nach Emmaus erinnern 
(Lk. 24, 13-35). Nach der Schilderung des Weges 
durch den Evangelisten und nach der Rede der 
Jünger, die dem unerkannten zu ihnen getretenen 
Christus, der mit den Vorgängen in Jerusalem 
anscheinend nicht vertraut gewesen war, die Ereig- 
nisse geschildert hatten, hat Jesus selbst die Schrift- 
gemäßheit hervorgehoben. O ihr, die ihr unverstän- 
dig und zu trägen Herzens seid, um zu glauben an 
alles, was die Propheten geredet haben. Mußte nicht 
der Christus dies leiden und dann in seine Herrlidt- 
keit eingehen? Und er begann ihnen bei Mose und 
bei allen Propheten und legte ihnen in allen Schrif- 
ten aus, was über ihn handelt. - Das gleiche hat sich 
bei der Erscheinung Christi vor den Elfen (k. 24, Mff.) 
wiederholt. Die häufigste Betonung der Schrift- 
erfüllung, und zwar nicht in der Form einer Ausle- 
gung durch Christus, sondern als Reflexion und Er- 
kenntnis des Verfassers, als Zusatz schon zu der 
Erzählung, kennzeichnet das Denken gerade des 
Johannes, der sich hier mit dem seinem Gebet 
erwachsenen Troste an Maria wendet. So betont 
Johannes mehrmals, als das Los über die Kleider 
geworfen wurde (Jh. 19, 24), als es Christus dürstete 
(Jh. I9, 2B), als die Seite Christi durchbohrt wurde 
(Jh. 19, 37), daß alles dies sdtriftgemäß vor sich 
gegangen sei. 
In diesem Umkreis ist die Tröstung des Jo- 
hannes zu verstehen. In einer strengen Ausle- 
gung, die wir Cranach schulden, ist aber fest- 
zuhalten, daß Cranach die Tröstung nidwt nach 
ihren Mitteln und Argumenten gekennzeichnet 
hat, sondern danach, für was sie als Trost zu 
gelten habe, als eine Antwort, aus dem Gebet 
14 
hervorgehend, an eine schmerzvolle, traurige, 
fragend das antwortlose, dornengekrönte Haupt 
ihres Sohnes suchende Maria. Beides, Frage wie 
Antwort, als Erfüllung der Situation, inmitten der 
ins gleiche gebrachten und darin geschiedenen 
Gekreuzigten zu sein. 
Diese Komposition, deren Bedeutung ICI! viel- 
Ieidtt ihrer Didtte nach näher kennzeidtnen 
konnte, ist so erstaunlich, daß die Frage sehr 
berechtigt erscheint, ob sie ganz oder, wenn 
nid1t, wieweit sie aus Cranachs eigenem Vorstel- 
Ien und seinem Bilden erwachsen sei. Als zweite 
Frage schließt sich die nach dem richtigen Titel 
des Bildes an, der in „Kreuzigung" oder in 
„Christus am Kreuz" nicht gefunden sein kann. 
Im Bereich der bildenden Kunst konnte, soweit 
ich sehe, bisher kein Vorbild gefunden werden, 
zu dem Cranach sich verhalten hätte. Ich mödtte 
darum die Aufmerksamkeit auf zwei miteinander 
verbundene Traditionen der Geschichte der Li- 
teratur, insbesondere der deutschen, lenken: 
auf das Possionsspiel und die Marienklage. 
Die Geschichte des Passionsspieles hat, laut 
Ehrismann, drei Perioden: die Anfänge liegen 
im 13. Jahrhundert, seine Ausbildung im 14. 
Jahrhundert, die Blütezeit dauert von 1400 bis 
1515, also zu der uns interessierenden Zeit, 
darauf folge sein Verfall". In dieses Passions- 
spiel pflegt die Marienklage, die auch selb- 
ständig vorkommt, teils als eigene Szene, teils 
in einen längeren Gang der Golgothobegeben- 
heiten verflochten, eingebaut zu sein". Zunächst 
die selbständige Marienklage. 
Eine Marienklage, das ist genau dasienige, was 
wir auf Cranachs Gemälde vor uns sehen, denn in 
dieser ist nicht Christus, sondern Maria, vor 
dem Kreuze Christi stehend, die Hauptperson. 
Sie beklagt sein Leiden, seinen Schmelz, seine 
Wunden, beklagt seinen Tod und beklagt um 
deswillen sich selbst, solcherart ihre Sit 
aussprechend. In einem Beispiel: 
XVIII. 
I. öwe der iaemerlichen klage, 
die ich muoter einiu trage 
von des tödes wäne! 
Il. weinen was mir unbekant, 
sit ich muoter was genant 
und doch mannes äne. 
Ill. nü ist ze weinen mir geschehen, 
sit ich dinen töt muoz sehen, 
den ich äne swaere gar 
muoter unde meit gebar. 
V. äwe kint, diu wengel sint 
dir so gar erblichen; 
al diu kraft, al diu maht 
ist dir so gar entwichen. 
dine nöt diu noetet mich, 
din bluot daz roetet mich, 
din töt der toetet mich. 
Diese Strophen stammen aus dem von 
Schönboch in seiner einschlägigen Untersi. 
hergestellten 
Normalbestand einer M 
klage ". 
Zumeist tritt Johannes als Tröster hinzu, d 
Trost auf die Vorherbestimmtheit und dan 
die Notwendigkeit und auf den Zweck d: 
dens und Sterbens Christi hinweist, so z. B. 
Lichtenthaler Marienklage I5. 
97. 
100. 
103. 
106. 
Frawe, ez wart alzo gedaht, 
e deu werlt burde vollebraht, 
daz er sterben solte 
An ainem galgen alz ain diep, 
dem deu werlt ward alzo liep, 
daz er si losen bolde 
Von dem piterleichen tat: 
daz sprach selbe der milte gat 
zu seinem liebsten kinde. 
Dar zu ist dein sun erkorn, 
der da von dir ist geporn: 
da von der klag erwinde! 
In einer Marienklage aus Böhmen "', OL
	        

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