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Full text: Alte und Moderne Kunst XVII (1972 / Heft 124 und 125)

Die Nachmessung der Basislinie des ursprüng- 
lichen Dreiecks der Primustafel lieferte ein denk- 
würdiges Ergebnis: Sie beträgt annähernd die 
Hälfte der Breite der Kreuzigungstafel von 1449. 
Der Verdacht einer ursprünglichen Zugehörigkeit 
der Salzburger Zwickel zu einem Retabel läßt 
sich, wie wir noch sehen werden, vor allem 
durch die lkonographie erhärten. Die bisherige 
Dotierung der Primustafel legt den Gedankerf 
ebenfalls nahe. 
Wie wir nachträglich feststellten, ist die Idee 
einer Zugehörigkeit der Zwickel zur Kreuzigung 
von 1449 nicht neu. Franz Kieslinger hatte sie 
bereits 1938 ausgesprochen". Allem Anschein 
nach hat er dazu die ursprüngliche Dreiecksform 
intuitiv erfaßt, da er den Nachweis dafür, wie 
er dazu kam, nie erbrachte. Diese seine richtige 
Entdeckung legt den Vergleich mit ienem be- 
rühmten Korn nahe, denn sein nachfolgender 
Text ist alles eher als das Ruhmesblott eines 
Wissenschaftlers. Die apodiktisch ausgesprochene 
Unterbringung der beiden Zwickel als obere 
Enden der geöffneten Flügel zur Kreuzigungs- 
tafel von 1449 erfüllte die Gestalt des hl. Hermes 
zwar mit völlig neuer Bedeutung, ließ aber 
zugleich aus der Symmetrie in der Anordnung 
der Flügelaufsätze, aus der Gleichwertigkeit der 
Bezugsorte zur Kreuzigung die Diskrepanz zur 
Gestalt des hl. Primus überdeutlich werden. Da 
Kieslinger iedoch das zu den bereits bekannten 
Datierungsschwierigkeiten führende Problem of- 
fensichtlich nicht erkannt hatte, mußte ihm auch 
die naheliegende Möglichkeit zu seiner end- 
gültigen Lösung verborgen bleiben. Wesentlicher 
Bestandteil dieser Lösung ist zunächst schon die 
fundamental neue Sinnerfüllung, die dem Her- 
mesbild nun zufließt und die dazu zwingt, von 
der bisherigen Interpretation dieser Gestalt als 
beziehungslose und für sich existierende Einzel- 
figur abzurücken. Die großartig angelegte Be- 
wegung und Gebärde der Figur verlieren damit 
das Selbstzweckhafte, das ihnen bisher anhaf- 
tete, und machen sie zu echten Funktionen des 
Schriftbandtextes: [PRAEFECTU] RAM NON PER- 
DlDl-SED-MUTAVI-IN-NO-MINE-DOMINIm. Her- 
mes hatte sich durch sein Martyrium eine ewig- 
währende Präfektur im Himmel erworben. in 
metapherartiger Weise spricht er von diesem 
seinem Martyrium, mit dem er Christus für den 
Glauben in den zeitlichen Tod gefolgt war. Aus 
dem Zeigegestus heraus wird die Figur als ein- 
heitlicher Guß entworfen. Eine völlig neuartige 
und unmittelbare Beziehung zwischen Hermes 
und Primus tritt zutage, sobald man erkannt hat, 
doß auch der zweite Heilige als wohlgelunge- 
ner Versuch der bildlichen Darstellung literari- 
scher Unterlagen zu verstehen ist. Sie allein 
aber würden die tatsächlich bestehenden funda- 
mentalen Unterschiede im Vergleich zur Hermes- 
tafel nicht erklären. Wir haben also zunächst 
die richtige Position der Primustafel festzulegen. 
Eine ausreichende Handhabe dazu gibt uns die 
lkonagraphie, aus der sich notwendigerweise 
die Forderung nach einer Darstellung des Bru- 
ders Felician ableitet. Van einer solchen Dar- 
stellung aber ist zu erwarten, daß sie als gleich- 
wertig zur Primusdarstellung aufgefaßt worden 
war. Eine solche Gleichwertigkeit ergibt sich 
wiederum nur dann, wenn die beiden Brüder 
sich nicht nur in den Größenverhältnissen ent- 
sprechen, sondern auch innerhalb der Retabel- 
rekonstruktion gleichwertige Plätze einnehmen. 
Wäre nicht bereits St. Hermes unverrückbar 
Inhaber des Platzes über dem linken Flügel, so 
könnte an seiner Stelle eine Feliciantafel unter- 
gebracht werden. So aber bleibt nur mehr der 
Giebel über der Kreuzigung, um dieses heilige 
„Zwillingspaar" richtig unterzubringen. Zweifler 
am Ergebnis dieser Überlegungen werden mit 
10 
Recht die Frage ins Treffen führen, ob eine ver- 
tikale Teilung des Giebelfeldes in zwei symme- 
trische Teile über der ungeteilten Kreuzigungs- 
tafel überhaupt erwartet werden könne. Ihnen 
sei entgegengehalten, daß Paolo Veneziano im 
Aufbau des Polyptychons der hl. Lucia über der 
Hauptdarstellung sogar eine Dreiteilung vor- 
nimmt. Die Frage, inwieweit eine von der Mitte 
abgewendete Figur in einem solchen zentralen 
Giebel möglich sei (diese Wendung der Figur 
nach der entsprechenden Flügelaußenseite ist 
mit Sicherheit auch für den fehlenden hl. Feli- 
cian anzunehmen), ist mit einem Zitat aus der 
Vita der beiden Heiligen zu beantworten: „...und 
da sie fest im Glauben verharrten, wurden sie 
gar grausam zerfleischt; und wurden vonein- 
ander getrennt . . ."". Diese an sich unauffällige 
Textstelle erhält erst dadurch Gewicht, daß der 
Spruchbandtext des hl. Primus einen Teil ihres 
Inhalts als wesentlich voraussetzt. Dieser Text 
enthält nämlich die Antwort des hl. Primus auf 
die verführerische Lüge des heidnischen Richters: 
„Siehe, dein Bruder ist den kaiserlichen Geboten 
gehorsam gewesen und wird darum in großen 
Ehren gehalten im Palast: das sollst du auch 
tun, so kommst du zu gleichen Ehren." Die volle 
Antwort des auf die Glaubenskraft des Bruders 
vertrauenden Primus war: „Wenn du auch ein 
Sohn des Teufels bist, so hast du doch einen 
Teil wahr gesagt, denn MEIN BRUDER HAT DEN 
GEBOTEN DES HIMMLISCHEN KAISERS GE- 
HORCHT"". 
Die sicherlich nicht alltägliche Situation, daß 
zwei im Mittelgiebel des Retabels dargestellte, 
gleichwertige Figuren einander den Rücken zu- 
kehren und voneinander durch eine vertikale 
Mittelspange getrennt sind, erklärt sich uns so- 
mit als bildliche Übersetzung einer besonderen 
Situation im Leben der beiden heiligen Brüder. 
Das herkömmliche Schema einer passiven Prä- 
sentation von Heiligengestalten, die sich dem 
Betrachter durch landlöufige Attribute zu erken- 
nen geben - Laib hat es mit den Heiligen des 
Pettauer Altares wiederaufgenommen -, wird 
zur lnszenierung hin vorgetrieben. Wohl im Zu- 
sammenhang damit ist der Verzicht auf Attribute 
zu erklären, die hier durch die konkret gegebe- 
nen Heiligennamen ersetzt werden. Ein Stück 
des Textes lädt den wissenden Betrachter ein, 
bei sich selbst die Szene zu ergänzen. 
Eine der wesentlichen Stützen für die verschie- 
denzeitliche Dotierung der beiden erhaltenen Hei- 
ligengestolten ist der starke Größenunterschied, 
der auch - ganz abgesehen vorn blockhaft Ge- 
schlossenen der Primusgestalt und dem aktiv 
Bewegten der Hermesgestalt - zu einem anders- 
artigen Verhältnis von Figur und Grund führen 
muß. lhn glauben wir aus dem formalen Bestand 
des rekonstruierten Retabels erklären zu können. 
Der Zwickel mit dem hl. Hermes bildet den Auf- 
satz des linken Retabelflügels, der eine Geburt 
Mariä" und eine Verkündigung (beide Padua, 
bischöflicher Palast) zeigt. Dem Gegenflügel ge- 
hören eine Geburt Christi (Padua, bischöflicher 
Palast) und ein Marientod (Venedig, Seminaria 
pat-riarcale) an. Der diesen Flügel bekrönende 
Dreieckswinkel ist verschollen. Aus ikonographi- 
schen Gründen nehmen wir an, daß er einen 
hl. Papst Alexander zeigte. Er dürfte als sym- 
metrisches Pendant zum hl. Hermes ähnliche 
Proportionen aufgewiesen haben und hätte da- 
mit ebenso wie die Hermesgestalt größenmäßig 
eine Mittlerrolle zwischen den kleineren Figuren 
der Flügeltofeln und den größeren Figuren der 
Mitteltafel innegehabt. Primus und damit wohl 
auch der verschollene Felician sind in ihrer 
überragenden Größe wohl von der Gestalt des 
Gekreuzigten abhängig. Möglicherweise aber 
hat hier die Beschreibung des hl. Primus der 
legenda aurea zu einer größenmäßigen l 
renzierung der Aufsatzfiguren geführt. Hier 
es: „Primus ist soviel als der höchste ode 
große  Jener war hoch und groß an Wi 
keit, da er das Martyrium erlitt; an Gewa 
er Wunder wirkte; an Heiligkeit, da sein I 
vollkommen war; an Glückseligkeit, da ei 
haftig ward der Glorie..."". Die Rück: 
der beiden erhaltenen Retabelaufsätze m 
abgehobelt worden sein. Der dadurch en 
dene Verlust kann nicht allzugroß sein, di 
geschlossene Retabel zwei schlanke Hei 
gestalten, einen Korbinian und einen Fl 
zeigt, denen die Flügelaufsätze höchstens 
architektonischen oberen Abschluß abgebe 
ben können. 
Nach dem erhaltenen Bestand an gotische: 
gelaltären scheint der Typus, der mit den 
uns rekonstruierten Altar faßbar wird, 1 
zu sein. Auf ein brauchbares Vergleichsbei 
nämlich den Mortinsaltar im Besitz der G 
Galerie Joanneum, hat bereits Ludwig Bc 
hingewiesen. Der nach dem van Laib 144 
malten Altar entstandene Altar von Bernhau 
Obb. scheint einen Reflex des Laib-Altares 
zustellen. Er entspricht der von uns rekonst 
ten Form, das Verhältnis zwischen den S; 
und dem Hauptteil der Tafeln ist ebe 
äußerst ähnlich, wobei allerdings die trenne 
Spangen aufgelöst werden und die Szener 
Figuren vom ganzen Format Besitz erg 
haben. Verglichen mit der italienischen 
wicklung ist diese Altarform altertümlich 
entspricht dort einer Entwicklung des Trecei 
Abschließend sei noch darauf hingewiesen, 
der ursprüngliche Aufstellungsort des Al 
dann wenigstens annähernd umrissen wi 
kann, wenn die Rekonstruktion sich als r 
erweist. Es kann in diesem Fall keinen Zv 
darüber geben, daß Laib ihn entweder für 
Kapelle oder für eine Kirche gemalt hat, die 
hll. Primus und Felician geweiht war. Der E 
in Frage stehende Salzburger Dorn scheidet 
einer neuerlichen Überprüfung der VGFSCiIlt 
sten Patrozinien aus. Lediglich eine Neben 
die des hl. Hermes, würde für den Dom spre 
Als weiterer möglicher Aufstellungsort hat 2 
seit langem Badgastein zur Debatte gestai 
Es wäre nach eine kleine Landkirche hinzu 
gen, die alleinstehende Kirche von Buchberi 
Bischofshofen. Sie ist Primus und Feliciar 
weiht; in einem .lnventar von 1636 wird au 
Vorhandensein einer schönen Tafel mit 
Kreuzigung Christi hingewiesen, die als ar 
Wand hängend bezeichnet wird. Freilich 
sich auch aus dieser Angabe kein endgü 
Schluß ziehen, da es um 1636 sicher in v 
Kirchen noch gotische Tafeln mit einem 
wichtigsten Themen der Heilsgeschichte g 
ben haben wird. 
Selbst wenn es gelungen wäre, alle stilistis 
Unterschiede zwischen Hermes und Primus ( 
unsere in erster Linie von ikonagraphischen 
sichtspunkten bestimmte Rekonstruktion ai 
schalten, bleibt es letztlich dabei, daß die Ge 
des Hermes, wo-immer man sie im Werk 
Conrad Laib unterzubringen versucht, eine g 
Überraschung darstellt. Vielleicht ließe sicl 
Entstehung dieser Hermestafel um 1449 al: 
Phänomen der „Ungleichzeitigkeit" einst 
also als ein Wurf, den Conrad Laib 
später nicht mehr zu übertreffen vermc 
Immerhin aber enthält auch die Kreuzigi 
tafel selbst neben Figuren mit altertümli 
Zügen einzelne überraschende Gestalten, 
den mächtigen Reiter der rechten Bildhälfte 
unglaublich verkürzte Pferd links vor dem I 
zesstamm oder den Ritter schräg unterhalk 
rechten Schächers.
	        

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