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Volltext: Alte und Moderne Kunst XVII (1972 / Heft 124 und 125)

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spüren konnte, wird sich den Künstler ins klein- 
tigurige Format übersetzt nicht mehr vorstellen 
können. Der Kern dieser Vorliebe wurzelt noch 
im 14. Jahrhundert und mag in einer Schulung 
in der Dombauhütte, der Kenntnis der Kathe- 
dralplastik, seinen Aufträgen für große Altar- 
werke und nicht zuletzt in der erst am Beginn 
der Entwicklung stehenden Flügelaltarkunst zu 
suchen sein. 
Ein weiteres Charakteristikum stellt die nicht zu 
verleugnende Abhängigkeit von dem üppigen, 
stilisierten Kaskadenstil der Schönen Madonnen 
dar. Man könnte sagen, der Meister kehrt nach 
der unwirklichen, hoch stilisierten Faltengebung 
des Weichen Stils zurück zur Natur und umgibt 
seine Madonnendarstellung mit einem neuen, 
naturalistischeren Gewand. Dieses Eindrucks kann 
man sich auch bei unserem reifen Schulbeispiel, 
der Freisinger Madonna, nicht erwehren. Der 
seitlich geneigte Kopf, das noch etwas vor- 
gewölbte Becken und der schwer am Körper 
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anhaftende Stoff, der wie in der Zeit der 
Schönen Madonnen von einem Modisten künst- 
lich gelegt scheint, beinhaltet nach weitgehend 
die ausgeprägte Stilisierung der vergangenen 
Epoche. Die Faltengebung selbst, bewußt zum 
„Naturalismus" zurückgebracht, erscheint nun, 
wie sie mit der Hand modelliert und gelegt wer- 
den könnte, aber immer noch nicht, wie sie sich 
von selbst ergeben würde. Schwere Rährenfalten 
wechseln mit laschenartigem Durcheinander, des- 
sen Endresultat und besonderen Reiz ein kurioses 
Spiel der Säume ergibt. Es wäre müßig, sich hier 
in Beschreibungen von Faltengehängen und 
Rockaufstäßen zu verlieren, könnte doch iedes 
einzelne Detail aus anderen Werkstätten und 
Schaffensepochen zusammengetragen werden. 
Das Wesentliche ist der Gesamteindruck dieser 
künstlich gelegten Naturfältelung, fast als wäre 
diese im Liegen modelliert, mit ihren überaus 
großen Mantelumschlägen, die zweifellos dem 
Reiz des andersfärbigen Futtermaterials ent- 
sprungen sind. Die gleiche Überlegung gl 
für das Kopftuch bis herab zum Zipf, d 
Jesuskind ergriffen hat: das Spiel des S 
neu drapiert, aber dennoch stark mi 
Weichen Stil verbunden. 
Die Haltung des Kindes ist ein weiteres ( 
teristikum. Es beginnt sich klar und deutl 
seiner Umwelt zu beschäftigen. ln halb lie 
Stellung von der Mutter wegstrebend, muE 
beiden Händen gehalten werden. Der sch- 
angewachsene Knabe mit seinem beacl 
Eigengewicht verlangt von der Trägerin 
nur eine gespielte, sondern eine tatsc 
Standfestigkeit. In diesem Punkt tritt deutl 
Weiterentwicklung in der Auffassung de 
terfigur zutage, und es ergeben sich darc 
in Verbindung mit der eigenartigen, M 
klebten Faltengebung neue Aspekte, die 
Fürsti bereits in einer Untersuchung üt 
kubischen Formelemente der Freisinger M: 
eingehend behandelt hat. Schließlich reift
	        

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