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Full text: Alte und Moderne Kunst XVII (1972 / Heft 124 und 125)

Hainburger Madonna in die Mitte der dreißiger 
Jahre datieren. 
Die betonte Blockhaftigkeit und mit ihr die 
Monumentalitöt steigern sich nun bei dem Aus- 
gangsstück unserer Untersuchungen, der MITTEL- 
FlGUR DES FREISINGER HOCHALTARS (Mün- 
chen, Bayrisches Nationalmuseum (Abb. 3, 6, 9) ". 
Dimensionsmäßig ist sie die größte der bespro- 
chenen Madonnen und durch Weglassung der 
Mondsichel sowie der Wolkenbank bei unge- 
fähr gleichbleibender Gesamthöhe bereits über- 
lebensgroß. Das Praportionsverhältnis verändert 
sich zugunsten der Breite. Die auffallendste Wei- 
terentwicklung tritt nun im Antlitz Mariens ein, 
die letzten Spuren einer ldealisierung sind fallen- 
gelassen worden. Herbe, tief verinnerlichte Ge- 
sichtszüge ergeben ein lebensnahes Porträt. Alle 
persönlichen Eigenheiten des Meisters sind aber 
wiederzufinden: die charakteristische Haltung 
des Kindes, die Hand- und Fingerstellung Ma- 
riens, unwesentliche Details, wie der enganlie- 
gende Halsausschnitt mit seiner Schnürung und 
ähnliches. Der von uns charakterisierte Stil 
Kaschauers ist noch gereifter, in seiner Exaktheit 
wohl vorhanden, aber doch schon etwas schema- 
tischer zugunsten der Gesamtwirkung. Die Fal- 
tentöler sind seichter geworden, flacher, fast 
könnte man sagen teigiger: der Meister hat sich 
nach mehr, als es uns schon bei der Hainburger 
Madonna aufgefallen ist, von einer minuziösen 
Ausführung entfernt. Ganz deutlich kommt diese 
Entwicklung auch bei der Föltelung und auffal- 
lend großzügigen Rillung des Schleiers zum 
Ausdruck. 
Die künstlerische Bedeutung im Rahmen der 
deutschen Plastik ist in der gesamten einschlä- 
gigen neueren Literatur immer wieder hervorge- 
hoben und das Obiekt aus den verschiedensten 
Perspektiven von der Kunstwissenschaft bearbei- 
tet worden. Besonders Theodor Müller, der 
große Kenner dieser Materie, hat sich in meh- 
reren wissenschaftlichen Publikationen mit diesem 
Hauptwerk und den damit zusammenhängenden 
Problemen befaßt. Es soll daher im Rahmen 
unserer Untersuchung nur festgestellt sein, daß 
sich das berühmte Werk als vorläufige End- 
phase in der Reihe unserer eigenhöndigen 
Standmadonnen und als das monumentolste und 
dem kommenden Realismus der zweiten Jahr- 
hunderthälfte am nächsten stehende erweist. 
Bisher am wenigsten bekannt, aber doch bereits 
dem Kaschauerischen Kreiszugeschrieben, schließt 
sich in zeitlicher Folge ein beachtliches Haupt- 
werk aus der Schaffensperiode des Freisinger 
Altars an: die Sitzgruppe ANNA SELBDRITT am 
barocken Hochaltar von Annaberg bei Maria- 
zell, Niederösterreich (Abb. 13). Auch bei diesem 
Beispiel kann nur der Zufall Urkunden über 
die Stiftung und die ursprüngliche Aufstellungs- 
art erbringen, da bis ietzt nicht das geringste 
darüber bekanntgeworden ist m. 
Wir stehen auch hier wieder vor einem bedeuten- 
den Hauptwerk des Künstlers. Monumental und 
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lebensgroß führt die Sitzgruppe zu dem schon 
etwas routinierten und porträthaften Stil der 
vierziger Jahre. Eine gewisse Auflösung der sorg- 
fältig modellierten in eine echte Unruhe 
macht sich bemerkbar, und doch ist die persön- 
liche Hand des Meisters unzweifelhaft vorhanden. 
Die Falten und Säume zeigen den charakteristi- 
schen Duktus, man kann den Meister „greifen". 
An Stellen, welche die auftragende Überfassung 
verloren haben, kommt sein sicherer Schnitt 
am klarsten zum Ausdruck. Das typische Kasch- 
auer Haar, die verinnerlichten, ernsten Gesichter 
sprechen eine eindeutige Sprache. Der schwere, 
herangewachsene Knabe beschäftigt sich wieder 
nur mit seinem Beschauer, von den beiden heili- 
gen Frauen nimmt er nicht die geringste Notiz. 
Die Physiognomie des Kindes kommt förmlich 
einer Signatur gleich, ist sie doch mit der des 
Knaben der Freisinger Madonna nahezu iden- 
tisch. Das ist weder die Sprache des Zeitgeistes 
noch eine Zufälligkeit, sondern der reinste indivi- 
dualismus, der einen zusätzlichen Beweis für die 
Eigenhändigkeit erbringt. Wenn man sich die 
groben Barackhände und darüber hinaus die 
alle Kraft Kaschauerischer Formprögung ver- 
wischende Übergrundierung und abstumpfende 
Ölfarbe wegdenkt, treten vor dem geistigen Auge 
die Handschrift und das konzentrierte, reife 
Können des Meisters in Erscheinung. Es wäre 
eine wichtige Aufgabe für den Denkmalpfleger, 
dieses Werk von allen späteren Zutaten zu 
befreien, wie es bei den drei vorangegangenen 
Skulpturen der Fall war, und es der Wissenschaft 
und Öffentlichkeit in einer einschlägigen Aus- 
stellung vorzustellen. Die Gesichtszüge der bei- 
den Frauen werden dann - nach der Wieder- 
herstellung der ursprünglichen scharfen Kontu- 
ren durch die Entfernung der stark auftragen- 
den Uberstriche - eine ganz genaue zeitliche 
Einordnung in das Schaffen des Bildhauers er- 
möglichen. Es kann aber schon ietzt gesagt wer- 
den, daß es sich um die Entstehungszeit des 
Freisinger Altares oder wenige Jahre danach 
handeln muß. Beachtlich empfindet man das ge- 
lungene Unternehmen, die beiden Frauen spie- 
gelbildlich darzustellen und ohne Wiederholun- 
gen des Künstlers Eigenart gegenläufig zum 
Ausdruck zu bringen. Gerade bei dieser noch 
so wenig bekannten Gruppe lößt sich die Größe 
und Bedeutung Jakob Kaschauers unter den 
epochemachenden süddeutschen Künstlern er- 
fassen. 
Von den dem Verfasser bekannten Madonnen- 
darstellungen unseres Meisters wäre in diesem 
Zusammenhang nun noch die kraftvolle Madonna 
von Salzburg-Mülln (Stadtpfarrkirche, ehemalige 
Augustinerkirche) (Abb. 10] zu erwähnen 
welche in ihrer starken Anlehnung an den Wei- 
chen Stil den Frühwerken Kaschauers zugeordnet 
werden könnte. Die Grundkonzeptian und des 
Meisters Eigenart sind hier zur Gänze gegeben, 
iedoch verhindert der heutige Zustand ein ein- 
deutiges Erkennen: eine millimeterdicke neuzeit- 
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Maßen i . {(111 (f: .  1- 
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13 Jakob Kaschouer, Anna Selbdritt, vor 1450. 
Nußbaumhalz, H 130 cm, Annaberg bei Maria- 
zell, Pfarrkirche 
14 Weiheurkunde des Freisinger Hochaltares mit 
der Nennung Jakob Kaschauers von 1443, Erz- 
bischöfliches Metrapolitankapitel, München 
Anmerkungen 9-12 _ 
'Nußbaumhalz, Höhe 173 cm, riickseitig ausgehöhlt, von 
Barockfassung freigelegte, teilweise übergangene Origi- 
nalpolychromierung, Krone ergänzt. Fundort: Kirche von 
Thalhausen [BA Freising), GUS Privathesitz 1916 erworben. 
LiL: Adolf Feulner-Theodor Müller: Geschichte der deut- 
schen Plastik, München, 1953. 
Franz Kieslinger: Münchner Jahrbuch der bildenden 
Kunst, Band 10, 1916. 
älgaegdor Müller: Zeitschrift für Kunstgeschichte, Berlin, 
Karl Oettinger: Alte deutsche Bildschnitzer der Ostmürk, 
Wien, 1939. 
Walter Paatz: Pralegomena zu einer Geschichte der 
deutiiftßn spätgotischen SkUlptUf im 15. Jültfilutldeft, 
Heidelberg, 1956. 
Bruno Fürst, Wilhelm Finder, D. Radocsay, Franz Walter: 
wie bereits zitiert, u. a. 1, 
cdni 

	        

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