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Volltext: Alte und Moderne Kunst XVII (1972 / Heft 124 und 125)

Christian Theuerkauff 
nKunststückhe von 
Helfenbeinii- zum Werk 
der Gebrüder Stainhart 
I 
ln dem, nach dem heutigen Stand der Forschung 
beurteilt, äußerst kenntnisreichen Katalogteil zur 
Kleinplastik in Elfenbein bezeichnet J. G. Mann 
1930 im Catalogue of Sculpture, The Wallace 
Collection, London, unter Nr. S 265, Abb. Taf. 67, 
ein hochformatiges Elfenbeinrelief mit der Dar- 
stellung der „Entdeckung der Schande der 
Callisto" (Abb. 1) als „Flemish or German, circa 
1700"'. Das Relief mit der in der barocken 
(elfenbeinernen) Kleinplastik so beliebten Dar- 
stellung (nach Ovid, Met. 11, 465 ff.) zahlreicher, 
fast unbekleideter weiblicher Gestalten in „ber- 
gender" Waldlandschaftf vereinigt mehrere Sze- 
nen, so auch den rechts hinten herannahenden 
Jäger Aktäon und das Bad der Nymphen unter- 
halb eines antikischen Tempels. Es kann heute 
mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit als eigenhän- 
dige Arbeit des aus Weilheim, Oberbayern, 
stammenden Dominikus Stainhart (1655-1712) 
gelten, der um 1674 mit seinem älteren Bruder 
Franz 1. (1651-1695) für sechs Jahre nach ltalien 
zog und dort in Rom u. a. 1678-1680 urkundlich 
nachweisbar die Elfenbeinteile, u. a. 28 Reliefs 
alt- und neutestamentlichen Themas sowie mit 
Darstellungen aus der antiken Mythologie und 
Geschichte, an dem berühmten Prunkschrank des 
Fürsten Colonnaa, heute in der Galleria Co- 
lonna, Rom, schuf, der auf einem Gesamtentwurf 
des Architekten Carlo Fontana basierti 
Zum Vergleich der - wahrscheinlich im Sinne 
einer graphischen Vorlage des späten 16., frühen 
17. Jahrhunderts (Tizian-Kreis, Paulus Moreelse 
u. a.) - gelöngten Figurentypen und ihrer zum 
Teil wie geknetet wirkenden Draperien sowie 
zur schnitztechnischen Behandlung prall mo- 
dellierter Körperoberflächen und fein differen- 
zierten Details an Bodenformation und land- 
schaftlichem Hintergrund sei nur auf das „DS" 
monogrammierte, gegen 1690-1700 (?) entstan- 
dene Relief „Diana mit Nymphen und Satyrn" im 
Bayerischen Nationalmuseum München (Abb. 2) 
verwiesens. In dieser zeitlich späteren, ausge- 
sprochenen Diagonalkampasition ist der Raum 
um, zwischen und hinter den Figuren enger, alle 
Details bis in den Schnitt von Gesichtern oder 
Blattformen sind verhärtet, schärfer geworden. 
Diese Tendenz entspricht der friesartigen Figu- 
renverbindung des teilweise stark erhaben ge- 
schnittenen, bildhaften Reliefs, die aber keine 
starke Räumlichkeit erzielt und bisweilen die 
italienische Schulung des Dominikus Stainhart zu 
leugnen scheint, die viele frühe Werke auszeich- 
nzet (s. Teil II, Abb.1 f.). 
 
Die unmittelbare stilistische wie zeitliche Vor- 
aussetzung für das Londoner Relief dürfte in 
Dominikus' römischen Tafeln und kastenförmig 
gerahmten Reliefs des Prunkschrankes von 1678 
bis 1680 in der Galleria Colonna zu sehen sein, 
beispielsweise in dem Weltgericht nach Michel- 
angelo (Abb. 3)". Außer auf den Figurenstil 
und die Gewandbehandlung sei auch auf die 
Schichtung der Reliefebenen, auch auf Details 
wie die Wolkenbaliungen verwiesen. Die weib- 
lichen Gestalten, etwa in der linken unteren 
Ecke, zeigen dieselbe „Handschrift" des Schnit- 
zers wie die Figuren des Londoner Reliefs. Eine 
möglicherweise eigenhändige, vereinfachende 
spätere Wiederholung des Weltgerichtsreliefs in 
den Stiftssammlungen Klosterneuburg (Abb. 3a)7. 
Hieran sind stilistisch wie auch zeitlich - viel- 
leicht etwas später als das gegen 1685 zu datie- 
rende Londoner Relief - die Münchener Reliefs 
mit der „Vertreibung des ersten Menschenpaa- 
res" (10,9 x 7,3 cm; Abb. 4)" und - mit einem 
gewissen qualitativen Abstand - die „Taufe 
Christi" (6,9 x 12,6 cm) und der heilige Sebastian 
(11,5 x 6,1 cm; Abb. 4a) anzuschließen, wie 
schon R. Berliner 1926 bemerkte, ohne an ein und 
dieselbe Hand zu denken '. 
Nach seiner Rückkehr aus Rom zu Ende des 
Jahres 1682, als er bis 1690 in Weilheim, dann 
in der Kurfürstlichen Residenzstadt München tä- 
tig war, scheint Daminikus in allen Themenbe- 
reichen und für vielerlei Zweck Bestellungen für 
kleinplastische „Bilder" und Figuren entgegen- 
genommen zu haben, urteilt man nach den 
wenigen erhaltenen Belegen für den Münchener 
Hof, während sein Bruder Franz 1. auch als 
Großplastiker tätig war (s. Anm. 4). So kann ihm 
(oder einem seiner Mitarbeiter?) wohl auch das 
aus der Stuttgarter Kunstkammer stammende, 
29 cm lange Hifthorn aus Elfenbein mit unge- 
markter, silbervergoldeter Fassung (Abb. 5, 5a) 
im Württembergischen Landesmuseum zugeschrie- 
ben werden, das in ähnlicher Baumlandschaft 
wie das Londoner Relief (Abb. 1) unten die 
„Entdeckung der Schande der Ca1listo" in Ver- 
bindung mit einer Hirschiagd zeigt, oben, wie 
bei einem Hirten oder Jäger unter anderen 
Tieren Widder und Stier von wolfsähnlichen 
Hunden und einem Bären angefallen, Kraniche 
in der Luft von Raubvögeln angegriffen werden. 
Reliefauffassung, Figurentypen und plastischer 
Stil sowie alle Eigenheiten etwa der atmo- 
sphärischen Landschaftsszenerie sind - dein Ob- 
iekt entsprechend im Röumlichen komprimierter 
und im Technischen der Durchführung etwas 
summarischer - den oben genannten Arbeiten 
des Dominikus unmittelbar ähnlich. 
Gegenüber einer solchen Schnitzerei im Bereich 
der sogenannten angewandten Kunst mag-nach 
Stil und Anspruch - die hier erstmals abgebil- 
dete, 29 crn hohe Elfenbeinstatuette des gemar- 
terten hl. Sebastian (Abb. 6), die sich 1966 im 
Kunsthandel befand" und deren heutiger Auf- 
bewahrungsort mir unbekannt ist, fremd wirken; 
und doch könnte es sich um ein Werk des Domi- 
1 Entdeckung der Schande der Callisto. Damii 
2 Diana mit Nymphen und Satyrn. 
Stainhart zugeschrieben. Um 1685. The Wa 
Collection, London 
Domii 
Stainhart. Gegen 1690-1700. Bayerisches 
tionalmuseum, München 
Teil 1 
A 
l 
nmerkungen 1-11 
24,2x14,6 cm ohne den gegossenen, geschmiet 
silbervergoldeten, blattwerk- und blumenverzierten 
men, dessen Entstehung - ohne Marken! - wie dii 
Bekrönung - im 19. Jahrhundert nicht ausgeschl 
scheint. - Ein 11. Teil zum Werk der Gebrüder Staii 
auf den im Folgenden öfter verwiesen wird mit „: 
hart ll. Teil", kann dank des Entgegenkommen: 
Herausgeber an derselben Stelle erscheinen. 
Vergl. u. a. Reliefs Francis van Bossuits (1635- 
lgnaz Elhafens und seines Kreises und von V. ( 
Haberg (C. Theuerkauff, in: Wiener Jahrbuch für i 
geschichte, XXI, 1968, S. 113, Kot-Nr. 42 ff., 119 
Abb. 9B, mit Abbildungsnadiweis und graphischen 
lagen, s. auch KaL-Nr. 6D f., Abb. 104; C. S51 
Die Braunschweiger Elfenbeinsammlung, Leipzig, 
s. 95, Nr. 297, Taf. 46). 
C. Theuerkauff, Scultura Barocca in avorio, nuove 
buzioni ad Adam Lenckhardt e o Dominicus Staii 
in: Antichita Viva, 2, MörzlApril 1971, S. 33 ff., Al 
20 ff. mit Lit. (vor allem R. Berliner, 1926, und K. F4 
mayr in: Thieme-Becker, Band 31, 1937, S. 450 f. 
einen großen Teil der in München erhaltenen 11 
arbeiten aus und nach der Zeit der Stainhart: rui 
ten und datierten). - Leider ist bis heute au er 
Gesamtansicht und zwei Details (Mittelreliet, Weltge 
Bekehrung Sauli) keine photographische Aufnahmi 
Colonna-Schrankes vorhanden, so daß keine unmittell 
Vergleichsstücke der Jahre 1673-1680 für die im folgt 
für Dominikus und Franz 1. diskutierten Arbeiten 
bilden sind. _ 
Einige Überlegungen zum Problem Ei enhändigki 
Werkstatt - Umkreis - Nachfolge anlä lich der h 
graphie von E. Grünenwald, Leonhard Kern, Schvvc 
Hall, 1969, in: The Burlington Magazine, 1972 (ir 
scheinen), und L. L. Möller, in: Pantheon, 111,_Jg_. 
MailJuni 1972, S. 252 ff. Für diese Frage wichtig 
für ausgesprochene Kleiriplastiker wie Dorriinikus 
Franz l. Stainhart, eventuell nachweisbare Werke grä 
Formats in anderem Material Rückschlüsse auf 
Werkstattbetrieb zulassen (von ihrem Vater Ma 
[gest. 1672] die gefaßten Holzfiguren einer Maria 
eines Johannes im Gang des Bürgerheimes an 
ehemaligen Franziskanerkircfie Weilheim, eine Pie 
der Kapelle der Schmerzhaften Maria am Anger 
1661; von Franz 1. die vergoldeten hölzernen Si 
figuren am Hochaltar der Koppel H1. Blut bei L 
ammer au von 1687, van seinem Sohh, dem Frater F 
1721, (Fie figürlichen Teile der Kanzel in der Eichs 
Jesuitenkirche. S. u. a. K. Feuchtmayr, Thierne-Ei 
Allg. Lexikon . . ., XXXI, 1937, S. 451; Dehio, Oberba 
19567, S. 182, 211 f. Jakob Mais, Pfarrkirche L 
ammergau und Kapelle „Heilig Blut", Hannes-O: 
Verlag Ottobeuren 1969, S. 12 f., Abb. S. 9. - I 
Bauer, Die Kappelkirche IUM HI. Blut bei Unterari 
gau, in; Kalender bayerischer und schwäbischer 1' 
25. Jg., 1929, S. 19 f., Abb. S. 17), Bezeichnender 
fehlt der Name Stainhart in H. Schindler, Große B! 
sche Kunstgeschichte ll, München 1963. 
lnv.-Nr, 311273, 13,5x3B cm. VersL-Katalog R. L 
Berlin, 2043, 12.113. Mai 1931, S. 240, Nr. 233:, 
s. 241, ex Coll. Stroganoff, Leningrad. - Tneiieri 
Stainhart, 1971, S. 40 f., Anm. 41. Zuletzt A. Schodle 
Alte und moderne Kunst, 122, 1972, S. B, Anm. 35, Ab) 
der Berliners KaL-Nr. 206-209 als Werke des Domii 
nicht des Franz I. ansieht. 
Theuerkauff, Stainhart, 1971, S. 39 f., Abb. 19, Anrri. 
Vergl. vor allem das Mittelrelief der Auferstehung C 
in der Attika l16x29,5 cm), die_ Schöpfung Eva 
Raffaels Loggien als zweites Relief von rechts iri 
untersten Reihe (9,BX15,7 cm). 
C. Theuerkauff, Elfenbein in Klasterneubur , K14 
neuburger Kunstsdiötze, Band 2, Klasterneu urg 
S. 17 f., Kot-Nr. 15, Abb. 15 f. 
Die Bildwerke des Bayerischen Nationalmuseums, 
R. Berliner, Die Bildwerke in Elfenbein..., Aug: 
1926, S. 115, KaL-Nr. 577, Taf. 228 (Deutsch1and?, 1. 1' 
des 18. Jahrhunderts, van _dernse1ben_ Schnitzer 
Kot-Nr. 544, Bekehrung Sauli). S. Stainhart, ll. 
Abb. 1 f. und Elfenbein in Klosterneuburg, 1962, E 
rnit Lit. auch für die in den folgenden Anmerki. 
erwähnten Reliefs. 
Berliner, 1926, S. 115. KaL-Nr. 575, Taf. 228 (steht 
Nr. 577 nahe), Kot-Nr. 579, Taf. 70 (von demsi 
Sdinitzer wie KaL-Nr. 578). E. von Philipnovich, 1 
bein, Braunschweig 1961, S. 209 f. - ln der Nach 
dieser Gruppe entstand das Elfenbeinrelief einer Ca 
Allegorie, Bx5,5 crn, im Musee de Cluny, Paris, 
Nr. 15.353. 
lnv.-Nr. KK 40; Schallöffnung 3,1 cm im Durchrm 
wohl aus der Kunstkcimmer stammend. Für freunt 
Hilfe bei der Beschaffung von Photos danke ich Hei 
Meurer. - Bei E. von Philiopovich, Elfenbein, B 
schweig 1961, S. 209, Abb. 153, als Werk des „Pal 
meisters", s. Elfenbein in Klosterneuburg, 1962, S. 
unter KaL-Nr. 16. 
1m JunifJuli 1966 dem Germanischen Ndfiorialmu 
Nürnberg angeboten. Die Pfeile weitgehend abg 
Ehen; aus einem Stück geschnitten. Für freuridlidie 
teilung danke ich Günther Schiedlausky.
	        

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