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Volltext: Alte und Moderne Kunst XVII (1972 / Heft 124 und 125)

sie fast alle in der vorderen Reliefebene, wohl 
unter dem Eindruck von Matthäus Merians Dar- 
stellung in der Historischen Chronik von 1657 
(erste Ausgabe 1630), dicht aneinander, um 
gleichzeitig Mittel- und Hintergrund wie im 
horror vacui zu füllen'. In der Füllung des 
Reliefs noch über das erste Relief in Kitzinger 
Privatbesitz (Abb. 3) hinausgehend, lassen die 
Verhärtung der Einzelformen, der Figuren- und 
Gewandstil beim Vergleich mit den um 1960- 
1700 entstandenen vier mythologischen Reliefs 
(s. Teil l, Abb. 2) und den alttestamentarischen 
Szenen in München und Antwerpen' eine Ent- 
stehung kurz vor oder bald nach 1700 wahr- 
scheinlich sein. Den dem Elefantenzahn ange- 
paßten, tief hinterschnittenen Schrägen der vier 
bezeichneten mythologischen Reliefs in München 
(Abb. 2 in Teil l) weniger entsprechend als dem 
Aufbruch Abrahams zum Opfer", ebenfalls im 
Bayerischen Nationalmuseum, gehört hierher 
auch der Sabinerinnenraub der Stiftssammlun- 
gen St. Florian bei Linz, ein 11,5 x 16,8 cm gro- 
ßes, z. T. freiplastisch geschnittenes Relief, das 
die Tendenz zur Füllung auch des Tiefenraumes 
noch weiter fortsetzt (Abb. 5) und wohl fast 
gleichzeitig entstand ". 
Mit dem 33,7 cm hohen, vom Münchener Gold- 
schmied Franz Keßler reich montierten Elfen- 
beinzylinder mit dem Raub der Sabinerinnen" 
im Kunsthistorischen Museum Wien (Abb. 6) er- 
hebt sich außer der Frage nach einzelnen Var- 
lagen für die friesartig dichte, von versatz- 
stückartig eingefügten Baumstämmen rhythmisch 
unterbrochene Komposition, die noch nicht be- 
antwortet werden kann, die der Zuschreibung. 
Nach den Gesichtstypen der bisweilen wie flach 
gepreßt wirkenden, in feingefältete, aber matt 
modellierte Gewänder gehüllten Figuren und 
nach der detailreichen Durcharbeitung und we- 
nig räumlichen Schichtung der Figuren vor dem 
Tiefenraum scheinen die bald nach 1700 ent- 
standenen Reliefs des Dominikus Steinhart, z. B. 
die Nürnberger Tafeln nach Carlo Maratta oder 
die Antwerpener Reliefs u, doch eher vergleich- 
bar als die nach trockener wirkenden Arbeiten 
seines Bruders. Einen exakten Anhaltspunkt für 
die Datierung gibt das Todesiahr 1717 des 
Goldschmieds (Dominikus Stainhart starb 1712), 
der u. a. auch den Vermeil-Nimbus eines Geißel- 
christus in Privatbesitz" und eine bis in die 
figürlichen Szenen an Fußrand und Deckel un- 
serem Humpen ähnliche Fassung für einen Elfen- 
beinzylinder mit Puttenbacchanal im Bayerischen 
Nationalmuseum München schuf". Der Münche- 
ner Humpen mit dem später ergänzten Medail- 
lan, dessen Elfenbeinschnitzerei in ihrer Faktur 
eher von Dominikus (oder seiner Werkstatt) 
stammt, zeigt, daß auch der Adler auf dem 
Wiener Gefäß ein Medaillen oder Wappen hielt. 
Der Vergleich eines um 1680-1690 entstandenen 
silbernen Kruzifixes in der Studienkirche zu 
Dillingen mit Münchener Beschau und Franz 
Keßlers Meisterzeichen" mit dern 27,5 cm gro- 
ßen, im Typus allerdings unterschiedenen Elfen- 
beinkorpus im Bayerischen Nationalmuseum, des- 
sen silberbeschlagenes Holzkreuz ebenfalls die 
Marke Franz Keßlers zeigt" und dessen feine 
Formensprache von den Franz l. Steinhart zu- 
gewiesenen Elfenbeinbildwerken abweicht und 
u. E. nach eher mit Dominikus zu verbinden ist, 
stellt die Frage, ob nicht der Goldschmied nach 
plastischen Modellen des Schnitzers (oder beide 
nach einem Vorbild) arbeitete "f. 
Schon Erika Titze-Conrat wies die graphische 
Vorlage für ein kleines Buchsbaumholzrelief des 
hl. Georg im Kampf mit dem Drachen (Abb. 7; 
12,2 x 8,7 cm) im Kunsthistorischen Museum Wien 
nach", die Radierung Antonio Tempestas (Abb. 
7a). Das Relief mit seinem Gegenstück des hl. 
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Martin ist mit Bedenken lgnaz Elhafen zuge- 
wiesen, vielleicht vor 1695 entstanden". Ein 
13,1 x 8,4 cm großes Buchsbaumrelief in Hart- 
ford, Connecticut, The Wadsworth Atheneum 
(Abb. 8), wird Dominikus Stainhart zugeschrie- 
ben 7', ist iedoch in der teilweise etwas groben 
Schnitzerei (Erdboden, Pferdegeschirr, Mähne, 
Hintergrund) möglicherweise etwas später im 
18. Jahrhundert entstanden. Es verwendet die- 
selbe Vorlage, gleicht im Mativischen dem Wie- 
ner Relief bis auf die Architektur links im Hin- 
tergrund. Dasselbe Zwiebelturmmotiv erscheint 
auf dem 12,5 x 9,1 cm hohen Buchsbaumholz- 
relief des Badischen Landesmuseums Karlsruhe 
(Abb. 9), dessen Schnitzstil weniger geschärft 
und kleinteilig präzise scheint und in dem die 
Reiterfigur durch einen Laubbaum oben mehr an 
den Reliefgrund gebunden wird u. Eine ähnliche, 
allerdings durch antikische Ruinenarchitektur 
konsequentere Variation der Vorlage im stark 
erhobenem Relief, in dem in der vorderen 
Bodenkante die Rundung des Elefantenzahnes 
erkennbar ist, zeigt das 12,3 x 8,6 cm große 
Elfenbein des Victoria and Albert-Museums 
London (Abb. 10), auf dem die Prinzessin rechts 
fehlt". Der Gesichtstypus, die präzisen, aber 
weich modellierten Details, wie Mähne, Pferde- 
kapf, Drachenflügel, Waffenradc und Manteltuch, 
sowie Boden und Hintergrund, aber auch Einzel- 
motive, wie die Maske am Pferdegeschirr vorn, 
setzen das Relief deutlich von der geschärfteren 
Formensprache des Wiener Exemplars ab und 
erlauben zahlreiche Vergleiche mit Reliefs des 
Dominikus Stainhart, vor allem mit seinen späten 
Arbeiten, ohne daß eine endgültige Zuschrei- 
bung als sicher gelten kann". Zieht man näm- 
lich die zwei Cleopatra-Reliefs des Kunsthistori- 
schen Museums Wien, die ebenfalls mit Vorbe- 
halt lgnaz Elhafen zugeschrieben werden und 
dem hl. Georg und hl. Martin eng verwandt 
sind," zum weiteren Vergleich heran, so finden 
sich auch Ähnlichkeiten in der Reliefauffassung - 
Varliebe für enge Figurenkomposition vor Vor- 
hangmotiven und Bühnenarchitektur, stilleben- 
hafte Züge - und im Figuren- und Gewandstil 
mit den Arbeiten van und im Stile des Franz l. 
Steinhart", für die Köpfe bei den Münchener 
Reliefs des Dominikus (Teil I, Abb. 2). 
K. Ramisch erkannte als unmittelbare, in Haupt- 
mativen getreu befolgte Vorlage für das 25 x 
45,5 cm große Zedernholzrelief der Anbetung 
der Hirten im Libighaus Frankfurt a. M. 
(Abb. 11) den Holzschnitt Niccolö Boldrinis nach 
Tizian (Abb. 11a)". Das kastenförmig vertieft 
geschnittene Relief, das vor allem in der - z. T. 
gruppenartig verkleinernden - Fraportionierung 
der Figuren und in der kleinteiligen, z. T. in 
Aufsicht gegebenen und wenig tiefenräumlichen 
Gestaltung des Hintergrundes die Vorlage ab- 
ändert, scheint mir Dominikus Stainhart zumin- 
dest ebenso nahezustehen wie der hl. Georg 
in London. Bedenkt man für den Gewandstil 
oder einzelne Typen die Nähe zur Vorlage und 
das andere Material, so mag ein Vergleich mit 
den Reliefarbeiten der nachrömischen Zeit und 
van vor 1700, z. B. der Bekehrung Sauli, der 
Vertreibung aus dem Paradies (Abb. 12, Teil l, 
Ab. 4), aber auch mit den signierten Münchener 
Reliefs (Teil l, Abb. 2), etwa für den Kopf des 
zweiten Hirten von links, eine hypothetische 
Zuschreibung an Dominikus Steinhart (und seine 
Werkstatt), eine Datierung vor die Reliefs in 
London und Karlsruhe, um 1690-1700, gerecht- 
fertigt erscheinen. 
I] Unser Autor: 
Dr. Christian Theuerkauff 
Oberkbstos an der Skulpturenabteilung - 
Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz 
D-1 Berlin 33 - Dahlem, Arnimallee 23l27 
Anmerkungen 18-27 (Anm. 8-17 s. 5.31) 
"Zu dem u. a. in Elfenbein, Holz und Silber arbeitenden 
Johann Bernhard Strauß in Augsburg s. Steinhart, 1971, 
Anm. 68. Der Verfasser plant zu Strauß eine umfassende 
Monographie. 
" Die Erfindung im Relief, in: Jahrbuch der Kunsthistorisrhen 
Samrnlun en in Wien, XXXV, 1920l21, S. 165, 169, Nr. 10, 
Fig. 105, 07. - Dieselbe Komposition z. T. nach Tizian (a 
in Giuseppe Scalaris Holzschnitt (P. Dreyer, Tizian un 
sein Kreis, Kupferstictikabinett Berlin, 1972, S. 59 f., Nr. 
42, Abb.), auf den auch Rubens' Pradabild zurüdxgeht. - 
Auf das gleiche Vorbild greift ein Elfenbeinrelief, Süd- 
deutschland, 1B, Jahrhundert, der ehem. Slg, J, Bocowitz, 
Wien, zuriidr (Gal. Helbing, München, Verst. 20. Vl. 1912, 
S, 26, Nr. 388, Abb, auf Taf. 1B), 
"Wiener Jahrbuch. , XXl, S, 104, 138, KaL-Nr. 85 f., 
Abb, 102. 
1' lnv,-Nr, 19S4.169. - oben (neu?) ergänzt; mehrfach Risse, 
u. a. drei Bohrlöcher. - lllustrated Guide of the Collec- 
tion, Hartfard 1960 (2), ohne Nr., mit Abb. 
" E. Zimmermann, in: Jahrbuch der Staatl. Kunstsammlun- 
gen in Baden-Württemberg, Vll, 1970, S. 131 ff., Abb. 14. 
- ln_den Lederlaschen des Waffenrockes dem Tempesta- 
Vorbild am getreueslen folgend. 
1' lnv.-Nr. A 36-1949, Reliefhöhe bis zu fast 4 crn. Theuer- 
kauff, Rauchrniller und Elhafen, 1962 (1964), S. 136, 
Anm. 425, Abb. 252. 
"V I. u. a. Teil l, Abb. 4, 2; Theuerkauff, Stainhart, 1971, 
A b. 20-22, 24-27. 
"Wiener Jahrbuch . . ., XXl, 1968, S. 123 f., KaL-Nr. 25 f., 
Abb. 88, mit Lit. 
11 Vergl. Berliner, Elfenbein, 1926, Kot-Nr. 406-409, Taf. 
206 f,; Stainhart, 1971, Abb. 23; Teil I, Abb. 10, Anm. 
21 f., sowie die römischen Reliefs. 
1' A. Legnar, Bildwerke der Barodrzeit aus dem Liebieghaus, 
Frank urt a. M. 1963, Nr. 3, Abb. - P, Dreyer, Tizian . . . 
1972, S. 56, Abb, (405 x 538 mm),
	        

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