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Volltext: Alte und Moderne Kunst XVII (1972 / Heft 124 und 125)

Wilhelm Holzbauer 
Zwei Kunstzentren - 
Centre Beaubourg, Paris 
Kunstzentrum Salzburg 
Das „Centre Beaubourg", Paris 
ln der Errichtung von Kunstzentren sieht der 
moderne Staat ein wichtiges Mittel, die 
latente Krise unserer Gesellschaft zu bekämpfen. 
In unserer Essay-Gruppe zeigen wir das größte 
derartige Projekt, das Centre Eeaubourg 
in Paris. und stellen es einem regionalen öster- 
reichischen Projekt lür die Stadt Salzburg 
gegenüber. Dort wird seitJahren die Verwirklichung 
eines solchen Unternehmens diskutiert. 
Aus den verschiedenen Ideen dazu zeigen wir 
die Pläne von Wilhelm Holzbauer, ohne 
damit selbst Stellung zu beziehen. Denn es 
wird nach manche Debatte darüber 
geben, ob dieser überraschend harmonische und 
vielseitige Einbau in den historischen 
Mirabellpark Wirklichkeit werden kann oder 
ob man einer anderen Lösung- etwa 
im Mönchsbergfelsen nach dem Projekt Gerhard 
Garstenauers- schließlich den Vorzug geben 
wird. Eine piranesiartige Felsenhähle mit ihrem 
kreativen Ambiente würde jedenfalls 
keine Fassadenprableme aufwerfen. Auch die 
Funktionen werden noch endgültig zu 
prüfen sein, damit jede zu starke Steuerung, jede 
überkünstelte Atmosphäre vermieden wird. 
Das schöpferische im Menschen ist eine 
emplindsame Pflanze, die durch zuviel Dünger 
Schaden leidet. (Unwillkürlich denkt man 
an die alte Geschichte vom reichen und vom 
armen Kind: Gelangweilt und unglücklich 
das eine inmitten seines kostbaren Spielzeugs, 
hingebungsvoll und schöpferisch mit 
Holzscheiten spielend das andere.) Doch der 
moderne Staat muß es wagen, die soziologische 
Krisensituation {ordert es. Wir danken 
Herrn Landesrat Dr. Herbert Moritz für seinen 
grundlegenden, abschließenden Beitrag 
und wünschen Salzburg eine weise und 
erfolgreiche Entscheidung. 
Der Herausgeber 
Im Folgenden werden zwei Projekte dargestellt, 
welche auf den ersten Blick kaum etwas anderes 
gemeinsam haben als die Tatsache, daß in diesen 
Gebäuden Aktivitäten und Funktionen ähnlicher 
Natur ihren Platz finden. 
Umfang und Maßstab dieser Projekte sind ander- 
seits von einer grundsätzlichen Verschiedenheit. 
Obwohl nicht zu verkennen ist, daß beide Pro- 
jekte ein echtes Bedürfnis zu erfüllen haben, so 
kann anderseits nicht übersehen werden, daß 
im Falle des „Centre Beaubourg" Präsident Pom- 
pidous brennender Wunsch nach einem großen, 
repräsentativen Gebäude erfüllt werden soll, 
das seine Regierungszeit zu markieren hat. Es 
soll deshalb auch bis 1975 eröffnet sein. 
Der große internationale Wettbewerb wurde 
gerade zum Zeitpunkt der Zerstörung der be- 
rühmten „Les HaIles" gestartet und sollte wahl 
diese katastrophale Entscheidung etwas mildern. 
Tatsächlich wurden ja die „Hallen" seit der Auf- 
lassung des Detailmarktes für Aktivitäten benützt, 
welche dann genau im Bauprogramm für das 
Centre Beaubourg wiederaufgenommen wur- 
den. In diesen paar Jahren seit der Auflassung 
der ursprünglichen Funktion erlebten die „Hal- 
len" einen magischen Moment als eines der 
lebendigsten und vitalsten kulturellen Zentren 
unserer Zeit. 
Jedoch - die „HaIlen" mußten weg, um einem 
jener megalomanischen Projekte Raum zu geben, 
welche wohl in der Tat die gaullistische und 
nach-gaullistische Ära markieren werden: Die 
vier- und sechsspurigen Stadtautobahnen entlang 
der Seine, das Gebiet um „La Defense" mit 
seinen maßstablosen Wolkenkratzern und eben 
die riesige Plattform, welche das ganze Areal 
der früheren „Les Halles" einnehmen wird, mit 
gigantischen unterirdischen Einkaufszentren, Ga- 
ragen, Kongreßsälen usw. 
Es spricht jedoch für den Wettbewerb, daß aus 
ihm ein Projekt hervorgegangen ist, das ver- 
spricht, ein Bauwerk hoher Qualität zu werden 
und die Offenheit und Vielfältigkeit der Möglich- 
keiten zu bieten, welche auch den „Hallen" eigen 
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waren. Es soll hier mit den Worten eines der 
Architekten, Richard Rogers, beschrieben werden: 
„Wir möchten unser Gebäude so aufgefaßt 
sehen, daß es adaptiansfähig ist und von den 
Leuten, die es benützen werden, verändert wer- 
den kann. Wir wollen keine Architektur, welche 
eine Art Zwangsjacke für eine besondere Idee 
ist. Wir wollen, daß die äußere Erscheinung die 
Aktivität in Gebäude reflektiert (große Projek- 
tionen, beweglicheWände,technischeSpielereien, 
welche den Wechsel unterstützen), und wir möch- 
ten die größtmögliche Teilnahme des Publikums 
hervorrufen. 
Die Dinge wechseln ohnedies dauernd - Häuser, 
Fabriken werden morgen Museen - vielleicht 
wird eines Tages unser Museum ein Supermarkt. 
Wir wollen eine lase Infrastruktur machen, in 
welcher die Menschen sich bewegen können, 
leben, essen, sich vergnügen, Dinge tun und, 
wenn notwendig, Entscheidungen treffen, welche 
das Gebäude verändern können." 
Es ist hier anzumerken, daß in den letzten Sätzen 
ein Gedanke zum Ausdruck kommt, der bei den 
Architekten momentan sehr en vogue ist: das 
total veränderbare und adaptionsfähige Ge- 
bäude. 
Daß die Realitäten anders beschaffen sind, als 
sie vorauszusehen sind, zeigt am besten das 
Beispiel von „Les Halles", welche in besonderem 
Maße geeignet waren, alle jene Aktivitäten auf- 
zunehmen, für welche nun ausgerechnet das 
eben beschriebene Gebäude errichtet wird und 
welche nun doch aus Prestige- oder politischen 
Gründen abgerissen werden - trotz aller Multi- 
funktionalität, welche diesen vor etwa 100 Jahren 
von dem Architekten Balturd errichteten Bauten 
zweifellos innewohnte. 
Bei der öffentlichen Diskussion anläßlich der 
Bekanntgabe des Wettbewerbsergebnisses fiel 
deshalb auch der Einwand gegen das preis- 
gekrönte Projekt, man hätte gleich die Hallen 
stehenlassen können, da diese denselben Grad 
von Flexibilität bieten würden. 
Das Hauptgebäude umfaßt beinahe zehn I 
Bodenfläche. Es soll täglich von ca. 10.000 
schen besucht werden und beherbergt 
einem Museum und einer großen öffeni 
Bibliothek Ausstellungsräume für aktuell 
Iässe, temporäre Ausstellungen, eine Expe 
tiergalerie, ein Zentrum für akustische und 
kalische Experimente (das den zu den 
Yorker Philharmonikern abgewanderten Kt 
nisten und Dirigenten Pierre Boulez wiedei 
Paris zurückbringen soll), weiters Film- 
Theatersöle, ein Restaurant usw. 
Die einzelnen Stockwerke sind innerhal 
ca. 50 Meter großen Spannweite vallka 
stützenlos. Dies wird dadurch erreicht, da 
vertikalen Strukturen, Versorgungseinricht 
und der Publikumsverkehr zwischen den i 
nen Geschossen auf die Außenseite des G 
des beschränkt bleiben. 
Die Funktionen des Gebäudes selbst finc 
dem angeschlossenen platzartigen Freiraur 
natürliche Fortsetzung. Hier sollen tern; 
Ausstellungen, Information, Konzerte, St: 
theater, Paraden usw. stattfinden. Diese, 
den Aktivitäten entlang dem Rand des PI 
wie Läden, Cafes, Restaurants, Kinderspiel 
usw., sollen das Centre Beaubourg mit den 
der Stadt verbinden. Die auf den Platz geri 
Fassade bietet überdies in Form von L 
schriften, Film- und TV-Transparenten st 
wechselnde Information, News, Filme usw. 
1 „Centre Beaubourg, Paris". Architekten 
+ Rogers + Arnp. Preisgekrönter Wettbe 
entwurf, 1971 
2 „Centre Beaubourg, Paris". Situation im 
bild - Weiterentwicklung des Wettbe' 
projektes
	        

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