MAK

Volltext: Alte und Moderne Kunst XVII (1972 / Heft 124 und 125)

Herbert Moritz 
Kommunikation durch_ 
Kunst - Salzburgs Projekt 
für ein neues Kunstzentrum 
Wenn man pessimistischen Kulturphilosophen 
glauben darf, treibt die moderne Großstadtge- 
Seilschaft unaufhaltsam ihrer vollkommenen Des- 
integration und Atamisierung entgegen. Apoka- 
lyptische Bilder, die iedoch häßliche Wirklich- 
keit werden, wenn wir das Leben in den Groß- 
wohnbauten, in den Wohnmaschinen unserer 
Tage näher ins Auge fassen: Hunderte Menschen 
existieren unter einem Dach, ohne einander zu 
kennen, ohne aneinander Anteil zu nehmen, 
ohne Wissen um die Freuden, Sorgen und Lei- 
den der anderen; wie oft sterben Menschen in- 
mitten dieser menschlichen Ballung, und die 
Mitbewohner nehmen den Leichnam erst nach 
einer Woche wahr. Kälte und Herzlosigkeit in- 
mitten architektonischer und technischer Perfek- 
tian. 
Die städtische Gesellschaft muß also wieder 
eine Gemeinschaft werden. Eine neue humanere 
Architektur, eine mehr auf das Du bezogene Er- 
ziehung, eine mehr als formale Religiosität, viel- 
leicht auch der Sport, können dazu ihren Bei- 
trag leisten. Wer aber wie ich in einer Stadt 
wie Salzburg lebt, in der die Akkorde Mozart- 
scher Musik aus allen Ecken zu hören sind und 
die spielerische Lebensfreude des Barock noch 
immer das Bild beherrscht, wird die Kunst im 
Kreis der um Kommunikation bemühten Fakto- 
ren nicht missen wollen, eine Kunst freilich, die 
nicht nur in heiligen Hallen für Minderheiten 
zelebriert wird, sondern aus den Höhen ästheti- 
sierender Verklärung und des fetischisierten 
Fremdenverkehrskommerzes herabgeholt und 
eingefügt werden muß in den Alltag der Men- 
schen, durch die diese Stadt erst wirklich lebt. 
Darum scheint es mir kein Zufall zu sein, daß 
gerade in einer Stadt der hallenden Kirchen 
und prunkenden Festspielhäuser der Ruf nach 
einer neuen Stätte der kulturellen Begegnung 
laut geworden ist, in der die überall sich re- 
genden schöpferischen Begabungen vor allem 
der iungen Leute nicht verschüchtert werden, 
sondern sich gegenseitig ermutigen und mit der 
breiten Bevölkerung kommunizieren können. 
Salzburg wird also in zwei bis drei Jahren ein 
neues Kunstzentrum bekommen. 
Die Diskussion über dieses Kunstzentrum ist 
nun schon einige Jahre im Gange. Die Verzöge- 
rungen, die sich in dieser Zeitspanne verber- 
gen, entmutigen uns nicht. Sie versetzen uns - 
wie sich ietzt herausstellt - in die glückliche Lage, 
die Ergebnisse der mitunter heißen Debatten 
aufzunehmen, die sich allenthalben um eine 
neue soziale Funktion der Kunst entzündet ha- 
ben. So hat man im kulturpolitischen Arbeits- 
kreis des Europäischen Forums Alpbach 72 das 
Wort von einem „Prozeß der Kunst" gehört, 
nach der Beniaminschen Formulierung, daß „Kul- 
tur ist, was man uns antut, Kunst, was man tut". 
Kunst kann sich heute nicht auf Erhebung und 
Erbauung der Wissenden beschränken - Be- 
reiche übrigens, in die sie die Säkularisation 
erst in den letzten zweihundert Jahren verbannt 
hat. Man fordert heute von Kunst nicht weniger 
als die Emanzipierung des einzelnen und die 
Humanisierung der Gesellschaft. Sie soll Sozia- 
lisation ermöglichen, Kreativität freisetzen, Fle- 
xibilität erproben und Partizipation als kommu- 
nale Aufgabe praktizieren. Worum es bei all 
diesen Begriffen des Soziologen-Deutsch geht: 
die Menschen durch gemeinsame künstlerische 
Erlebnisse einander näherzubringen, aber nicht 
nur durch passiven Konsum, sondern - wenn 
möglich - durch tätige Anteilnahme. 
Was ist nun in Zusammenhang mit diesen 
Diskussionen, bei den vielen Gesprächen über 
das Salzburger Kunstzentrum an konkreten Vor- 
stellu-ngen herausgekommen? 
Das künftige Kunstzentrum soll kein Musen- 
tempel werden, der das Publikum zu ehrfurchts- 
voll-schweigender Huldigung der Künste ver- 
pflichtet; eine Verpflichtung, die lästig fällt und 
der es sich meist durch Absenz zu entziehen 
pflegt. Das Kunstzentrum wird vielmehr eine 
lebendige Stätte der Begegnung der verschie- 
denen Künste, der Künstler mit dem Publikum 
sein, ein offenes und freies Haus, das als Kata- 
lysator der aktiven Kräfte unsererer Gesell- 
schaft wirkt und dazu beiträgt, Kunst in allen 
ihren Formen in den Alltag der Menschen zu 
integrieren. Es soll helfen, die Barrieren zu 
überwinden, die die Kunst, vor allem zeitgenös- 
sische Kunst, von den Menschen trennen. Es soll 
die Menschen ermutigen, Kunst nicht nur pas- 
siv, sondern selbstschöpferisch zu erleben. Es 
wird in diesem Kunstzentrum Ausstellungen ge- 
ben - der Mangel an Ausstellungsmöglichkeit 
in unserer Stadt war ia der Ausgangspunkt der 
Bemühungen, ein neues Kunstzentrum zu schaf- 
fen. Themen dieser Ausstellung werden nicht 
nur die verschiedenen bildenden Künste, son- 
dern möglicherweise auch die Wissenschaften 
und die Technik sein. Die Ausstellungen sollen ia 
das Kunstwerk nicht isolieren, sondern im Zu- 
sammenhang mit anderen kulturellen Leistungen 
zeigen. Aber neben Ausstellungen wird das 
Kunstzentrum Heimstätte des tätigen künstle- 
rischen Experiments, wird es Laboratorium künst- 
lerischer Arbeit sein, um das Publikum möglichst 
unmittelbar am künstlerischen Schaffensprozeß 
zu beteiligen. Das Kunstzentrum soll, wie es 
Bert Brecht drastisch ausgedrückt hat, dem Pu.- 
blikum „das romantische Glatzen abgewöhnen", 
es soll es vielmehr anregen, selbst etwas zu tun. 
Diese Feststellungen scheinen mir im gegen- 
wörtigen Stand der Diskussion über das künf- 
tige Salzburger Kunstzentrum notwendig zu sein, 
weil vor der Entscheidung über die umstrittene 
Frage des Standorts Klarheit über die Funktion 
der neuen Einrichtung bestehen muß. Gerade 
in dieser Hinsicht hat die von mir vor mehr als 
drei Jahren geforderte Wiederbelebung der Dis- 
kussion über die schwelende Frage einer neuen 
Heimstätte für die bildende Kunst einen völligen 
Wandel der Auffassungen, eine ganz neue Far- 
mulierung der Aufgabe gebracht. Besonders 
dankbar bin ich, daß die in der Architekturklasse 
der Internationalen Sommerakademie für bil- 
dende Kunst versammelten weltberühmten Archi- 
tekten und Städteplaner die von meinen Mit- 
arbeitern und mir auf Grund eingehender Stu- 
dien erstatteten Vorschläge bereits in zwei Se- 
minaren gründlich unter die Lupe genommen 
und kommentiert haben. Sa unterschiedlich die 
Auffassungen der Professoren Frei Otto, Gut- 
brad und Pierre Vago über den künftigen Stand- 
ort sein mochten, so einhellig ist ihre Meinung 
über die Funktion des Kunstzentrums - eine Be- 
zeichnung, die sie ebenso wie wir nicht als end- 
gültig ansehen wollen: Der Berliner Gutbrod 
kreierte für sie mit spree-städtischer Schlagfer- 
tigkeit den Begriff des „Kreativschuppens". 
Thomas Munro, der hervorragende Theoreti- 
ker der amerikanischen Kunsterziehung, hat schon 
vor Jahren den Grundsatz geliefert, aus dem 
wir die Aufgabe unseres Kunstzentrums abzu- 
leiten versuchen, daß nämlich keine der Künste 
für sich allein existieren kann, sondern nur im 
wechselseitigen Austausch und vor dem Hinter- 
grund einer geselligen Gemeinschaft. Auf der 
Suche nach dieser geselligen Gemeinschaft bei 
den Bemühungen um eine Integration des Kunst- 
zentrums in die städtische Gesellschaft vereini- 
gen wir uns mit dem Streben, die historische Alt- 
stadt Salzburgs lebendig zu erhalten, sie vor 
der City-Bildung zu bewahren. 
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