MAK

Volltext: Alte und Moderne Kunst XVII (1972 / Heft 124 und 125)

Elisabeth Rücker 
Das moderne Kunstbuch- 
Geistesgut und Ware 
Anmerkungen 1-3 
' Buch und udihandel in Zahlen. Ausgabe 1971. Hrs . vom 
Börsenverein des deutschen Buchhandels Frankftlrtd. . 1971 
' Die Verhältnisse in Usterreidi sind denen in Deutschland 
infolge der Verlagsverflechtungen gleichzusetzen. 
1 „DuMant Dokumente" und „DuMonl Aktuell". 
Seit Anbeginn der Buchdruckerkunst ist das 
Büchermochen kaufmännischem Kalkül und volks- 
wirtschaftlichen Bedingtheiten genauso eng ver- 
bunden wie dem Engagement zur Verbreitung 
von Geistesgut. Das gilt bis in unsere Tage und 
auch für das Kunstbuch, das sich daher an 
seinen Absatzmärkten orientieren muß und in- 
nerhalb der verschiedenen Wirtschaftssysteme 
unterschiedlich geplant wird. Dem europäischen 
Kunstwissenschaftler und Kunstliebhaber stehen 
für die Beschattung seiner Literatur im wesent- 
lichen vier verschiedene Herkunftsbereiche zur 
Verfügung: die englischsprachige Produktion aus 
Großbritannien und den USA, die im Vergleich 
hierzu teurere - da mit kleinerem Absatzmarkt 
arbeitende - deutschsprachige Herstellung in 
der Bundesrepublik Deutschland, Österreich und 
der deutschsprachigen Schweiz, das auf Export 
und Devisen orientierte Kunstbuch der Ostblock- 
länder und die Bücher aus den romanischen 
Ländern. Skandinavien und die Niederlande 
drucken sowohl in den Landes- als auch in den 
europäischen Hauptsprachen. 
Daß es sich bei der Herstellung von Büchern um 
einen ungemein vielschichtigen, in beständiger 
Umwandlung begriffenen Prozeß handelt, wird 
schon aus einigen einfachen statistischen Ver- 
gleichen ersichtlich, die eingangs zur Orien- 
tierung erlaubt seien. Der Börsenverein des 
deutschen Buchhandels macht auf der Grundlage 
der „Wöchentlichen Verzeichnisse" der Deut- 
schen Bibliographie alljährlich einen statistischen 
Überblick, dessen ietzt vorliegende Ausgabe für 
1971' zugleich eine zusammenfassende Aus- 
wertung über die letzten zwanzig Jahre Verlags- 
wesen in der Bundesrepublik Deutschland ein- 
schließlich Westberlins bietetz. Danach be- 
schleunigt sich in Zeiträumen von ieweils einem 
halben Jahrzehnt die gesamte Buchproduktion: 
1951-1955 um 16,5 Prozent 
1956-1960 um 20,1 Prozent 
1961-1965 um 26,9 Prozent 
1966-1970 um 36,5 Prozent 
Diese Akzeleration trifft auch für den verhält- 
nismäßig kleinen Anteil, den das Kunstbuch im 
gesamten Verlagswesen einnimmt, zu; denn zu 
Anfang der fünfziger Jahre entfielen auf das 
Kunstbuch zwischen 2,3 Prozent und 2,9 Prozent, 
ab 1957 über 3 Prozent, wobei 1965 mit 3,7 Pro- 
zent der Höchststand erreicht wurde. Aktuell, 
also für 1971, beträgt der Anteil des Kunstbuches 
3,3 Prozent an der gesamten Buchproduktion; 
das Mittel der letzten zwanzig Jahre liegt bei 
3,2 Prozent. 
Der Anteil der vom Verleger so begehrten Neu- 
auflagen ist auf dem Gebiete der Kunstge- 
schichte, gemessen an anderen Disziplinen, er- 
heblich geringer. Er beträgt 1971 nur 7,2 Prozent, 
während der Durchschnitt innerhalb der Gesamt- 
praduktian bei 18 Prozent liegt. Außerdem ist 
dieses Verhältnis stark rückläufig, da es 1951 auch 
beim Kunstbuch noch 28 Prozent betrug. 
Bedenkt man, daß die meisten Neuauflagen bei 
den Reiseführern aller Gattungen zu verzeichnen 
sind, so muß man feststellen, daß die Neu- 
auflage eines Kunstbuches zu den verlegerischen 
Glücksfällen zählt und die deutsche Produktion 
auf diesem Gebiete hauptsächlich aus Neu- 
erscheinungen besteht. 
Das verlegerische Abenteuer vergrößert sich 
noch durch die Herstellungskosten, die, gemes- 
sen am Bogenpreis, beim Kunstbuch am höchsten 
sind, nämlich DM 2,95. lm Buchpreis allerdings 
liegen Naturwissenschaften, Medizin und Biblio- 
thekswesen an der Spitze, bedingt durch die 
allgemein höhere Seitenzahl. 
Für einen kurzen Überblick über das so viel- 
schichtige Gebiet des modernen Kunstbuches, 
dessen Niveau von der seichten belletristischen 
gegenüber den 
vorangegangenen 
fünf Jahren 
Betrachtung bis zur differenziertesten spezial- 
wissenschaftlichen Abhandlung reicht und sich 
in einer Verkaufsspanne von ca. DM 2.50 bis 
DM 5000.- bewegt, wird eine schematische Unter- 
teilung in zwei große Gruppen vorgenommen. 
A) Das Buch als reines Verlagsobiekt 
1. Die mehrbändige Kunstgeschichte, in Zusam- 
menarbeit von Spezialisten ihres Faches ge- 
schrieben, ist heute nur noch von großen Ver- 
lagsunternehmungen zu bewerkstelligen. Hinter 
der völligen Neubearbeitung der Propyläen- 
Kunstgeschichte steht nach den Verlagszusam- 
menlegungen der letzten Jahre der Springer- 
Konzern. Die hervorragend gearbeitete Reihe 
„Universum der Kunst"wird im deutschen Sprach- 
raum vom Verlag C. H. Beck, München, betreut, 
ist iedoch in bezug auf ihre hervorragende 
Ausstattung bei relativ günstigem Preis nur auf 
Grund einer internationalen Zusammenarbeit 
möglich. Der enorme Arbeits- und Kostenauf- 
wand für gutes Abbildungsmaterial rechtfertigt 
die Übersetzungen. Preisgünstig, aber sehr kan- 
ventionell in der Aufmachung und leider nicht 
immer sehr vorbildlich in bezug auf die Repro- 
duktionen, ist die englische „Pelican-History of 
Art", die auch österreichische und deutsche 
Fachwissenschaftler als Autoren engagiert hat. 
Verdienstvoll sind die großen Weltkunstgeschich- 
ten der Verlage Holle und Belser, die zu er- 
staunlich niedrigem Preis gute Werke herausge- 
bracht hoben. Allen diesen vielbändigen, die 
Weltkunst umfassenden Reihen ist gemeinsam, 
daß sie sowohl für die Wissenschaft als auch 
für den gebildeten Laien geschrieben wurden, 
und daß ieder Band ein in sich abgeschlossenes 
Thema behandelt und auch einzeln gekauft 
werden kann. - Zu dieser Gattung gehört auch 
das Malerei-Lexikon des Kindler-Verlages. 
2. Während der letzten Jahre ist auch auf dem 
Gebiete der Kunstgeschichte das wissenschaft- 
liche Buch als Paperback immer häufiger ge- 
worden. Beispielhaft in dieser Gattung sind die 
verschiedenen Reihen des Verlages M. DuMont- 
Schauberg, Köln, die Quellentexte zur Kunst- 
geschichte und vor allem zu aktuellen Proble- 
men der Kunst des 20. Jahrhunderts behandelni. 
Der kunsthistorische Essay über ein einzelnes 
Meisterwerk, so wie ihn ab 1956 der Reclam- 
Verlag mit seinen „Werkmonographien zur bil- 
denden Kunst in Reclams Universal-Bibliothek" 
sehr Verdienstvoll ediert hat, stößt bei weitem 
nicht mehr auf das breite lnteresse wie noch vor 
einigen Jahren, so daß diese billige, gute, 
wissenschaftlich ernste, aber für ein breites 
Publikum verfaßte Publikation neuerdings nicht 
weitergeführt wird. 
3. Die zahlreichsten Titel auf dem Gebiete der 
Kunst erscheinen als Städte- und Landschafts- 
bücher, die sowohl als zusammenhängende 
Kunstgeschichte wie auch als Reiseliteratur ver- 
öffentlicht werden und in ieder Niveauhähe an- 
zutreffen sind, vom iournalistischen Plouderton 
bis zur exakten fachwissenschaftlichen Darstel- 
lung. In dieser breitgefächerten Sparte des 
Kunstbuches sind noch die meisten Neuauflagen 
zu verzeichnen. Spitzenleistungen liefert seit 
einem halben Jahrhundert der Deutsche Kunst- 
verlag, Berlin, mit seiner bewährten Reihe 
„Deutsche Lande - Deutsche Kunst". 
4. Die mannigfaltigste Sparte innerhalb des 
Kunstbuches bilden die Handbücher für den 
Sammler. Hier sind die englischen Verleger am 
einfallsreichsten, denn sie können es riskieren, 
Bücher ausgefallenster Thematik herauszubrin- 
gen, wie über das Sammeln von Riechfläsch- 
chen, Knöpfen oder Schnupftabakdosen; be- 
achtlich ist die Fülle der größeren und kleineren 
Bände mit Anleitung zum Sammeln von Porzel- 
57
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.