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Volltext: Alte und Moderne Kunst XVII (1972 / Heft 124 und 125)

Für den Kunstsammler 
 
Zum Sammeln silberner Trinkgeschirre 
Der ältere Herr mit der weißen Löwenmähne ging 
ohne Umweg auf einen Hamburger Silberhumpen, 
Mitte 17. Jahrhundert, zu und fragte mich nach dem 
Preis. Kurze Zeit später hatte er die prächtige 
Goldschmiedearbeit erwarben. - Der ganze 
Vorgang war ungewöhnlich, nicht weil er so schnell 
ablief, auch nicht weil ein Kunstliebhaber unbeirrt 
durch eine Vielzahl von Gegenständen ganz genau 
das herausgesucht hatte, was seinem Geschmack 
entsprach, sondern weil es die erste Goldschmiede- 
arbeit war, die der alte Herr erworben hatte. 
Dr. Giovanni Züst aus St. Gallen fing in einem 
Alter mit dem Silbersammeln an, wo andere 
aufhören, weil sie nicht mehr die notwendige 
Passion, Energie und die gestalterische Kraft 
aufbringen können, die als Antrieb zum Sammeln 
notwendig sind. 
Mit dem ersten Kauf, dem Hamburger Humpen, 
war schon im wesentlichen das Programm für den 
Kern der Sammlung festgelegt. Das Thema sollte 
„Trinkgeschirre" heißen und in möglichst 
qualitätsvollen Varianten aus dem Zeitraum vom 
I6. bis 19. Jahrhundert dargestellt werden. 
Für einen Schweizer lag der Gedanke nahe, 
schweizerisches Silber zu sammeln, vielleicht 
konzentriert Arbeiten aus der berühmten Gold- 
schmiedestadt Basel. 
Die Schweiz hat im Laufe der Geschichte zahlreiche 
bemerkenswerte Goldschmiedearbeiten 
hervorgebracht. Sicher hätte sich auch aus diesem 
Bereich ein historisch oder typologisch 
abgrenzbares Thema für eine Silbersammlung 
finden lassen. Denn das ist notwendig; jede 
wirkliche Sammlung, will sie nicht rein zufällig 
erscheinen, muß einen inneren Zusammenhang 
haben. Einfach Gegenstände, die aus Silber 
gearbeitet sind, nebeneinanderzustellen, das 
alleine genügt eben nicht, sonst entsteht nur eine 
Ansammlung, aber keine Sammlung. 
Das reine „Markensammeln" lag aber Dr. Züst 
nicht. Sa wichtig Meister- und Beschauzeichen auch 
für die Bestimmung einer Goldschmiedearbeit sind, 
so sollten sie doch nicht überbewertet werden. 
Ausschlaggebend war für Dr. Züst die Schönheit und 
Qualität einer Goldschmiedearbeit, unabhängig 
von ihrer Provenienz. Seine Sammlung umfaßt daher 
Arbeiten aus Deutschland, der Schweiz, Rußland, 
Frankreich, Schweden und Ungarn. 
Was ist an Trinkgefäßen eigentlich so reizvoll und 
faszinierend? Sicher ist es das einzigartige Thema, 
das in allen Jahrhunderten immer wieder anspruchs- 
volle Aufgaben an die gestalterische Kraft der 
Goldschmiede stellte. Kein anderes Gebiet der 
Goldschmiedekunst hat so zahlreiche Varianten 
hervorgebracht. Bestimmt hängt das auch vom 
Wandel der Kunststile ab, deren Veränderungen 
auch den Lebens- und Repräsentationsstil ihrer Zeit 
beeintlußt haben. 
Hatten die Goldschmiede bis zum 15. Jahrhundert 
fast ausschließlich für den Adel und die Kirche zu 
arbeiten, so kam im 16. Jahrhundert das Bürgertum 
hinzu, das zu einer Selbstdarstellung nach einer 
gewichtigeren Repräsentation verlangte, die ihren 
Ausdruck auch in neuen Tisch- und Trinksitten fand. 
Dazu aber brauchte man Goldschmiedearbeiten, 
besonders Trinkgeschirre. 
Kann man eine Sammlung planen? Sicher nur in 
groben Umrissen! Trotzdem stand es für Dr. Züst 
schon von vornherein fest, daß die gerade erst 
begonnene Sammlung nicht ein Rudiment bleiben 
dürfe, sondern daß sie zu einem Abschluß kommen 
sollte, wenn das konsequent aufgebaute Gebilde 
dazu reif wäre. Aber mit dem Sammeln ist es so 
eine Sache. Die Kunstwerke finden sich nicht von 
selbst ein, vielmehr muß man sie aufspüren, jedem 
Hinweis nachgehen, um vielleicht einen Fund zu 
machen. 
Der Autor dieses Berichtes hatte die Freude, 
Dr. Züst bei vielen Streifzügen zu begleiten und zu 
beraten. Neben der Kunstliebe und dem 
Enthusiasmus des Sammlers sollte zu dessen Hilfe 
und Unterstützung geprüft werden: „Wie steht es 
mit der Echtheit der Zuschreibung und der Erhaltung 
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