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Volltext: Alte und Moderne Kunst XVII (1972 / Heft 124 und 125)

. Österreichisches Museum für angewandte Kunst 
Lore Heuermann - Bildbatiken 
Neues Haus, Ausstellungshalle, 
Wien 1, Weiskirchner Straße 3 
2B. Juli bis 27. August 1972 
An einer Künstlerin wie Lore Heuermann, die aus 
Westfalen nach Wien gekommen war, um hier an 
der Akademie der bildenden Künste Malerei 
zu studieren, scheint sich neuerlich -wie in ähnlichen 
Füllen - zu bestätigen, daß Wien ein guter 
Baden für Künstler von „draußen" ist. Nicht oft 
wird man einer so zielstrebigen Persönlichkeit 
begegnen, die sowohl energisch ihren künstlerischen 
Weg beschreitet wie auch, siehe ihr Studium 
an der Wiener Hochschule für Welthandel, den 
Realitäten des Daseins Rechnung trug, die in 
den Orient reiste, um zu studieren, und die an der 
Pariser Akademie Du Grand Chaumiere ihre 
Zelte aufschlug. Und irgendwann im Jahr 1967, 
gelegentlich einer Studienreise, kam ihr in einem 
entscheidenden Moment eine Negerbatik in 
die Hände. Fasziniert von dieser neuen Möglichkeit, 
kreativ sein zu können, versdtrieb sie sich von der 
Stunde an dem neuen Material und der neuen 
Technik. Und sie begann hart zu arbeiten, und eines 
Tages war sie „da" im Wiener Kunstleben. Nicht 
kometenhaft, doch ihre Zielstrebigkeit ließ sie 
gleichsam zwei Stufen auf einmal Schritt für 
Schritt zum Erfolg hin tun. Sie errang Preise, machte 
ihre ersten Ausstellungen und bekam schließlich 
„ihre" Ausstellung hier am Museum, die von 
Hans Muhr und Hans Mayr äußerst homogen 
gestaltet wurde. Eine besondere Note sollte der 
Katalog zu dieser Ausstellung haben, der das 
Resultat eines glücklichen Dialoges von L. Heuermann 
und Gestalter darstellt und der eigentlich nichts 
anders sollte, als möglichst lebendig Werk und 
Künstlerin zu dokumentieren. Zu Ausstellung und 
Werk selber sagte u. a. der Direktor des 
Museums, Hofrat Prof. Dr. Wilhelm Mrazek: „Bei 
den rund 80 Exponaten, die einen umfassenden 
Überblick über die letzte Schaffensperiode Lore 
Heuermanns ergeben, lassen sich mehrere 
Gruppen erkennen. So stellen die quadratischen 
Kleinformate mit den für die Künstlerin so typischen 
Formarchetypen von wie Nabelscheiben gebildeten 
Rundformen und Varianten von Viereckformen 
eine frühere Schaffensperiode dar. Die Rundformen 
mit zumeist punktueller oder augenartiger Mitte 
und die Vierecksformen von quadratischer bis 
bandartiger Ausgestaltung bilden die Pole für die 
dynamische Aktivierung der farbigen Flächen- 
kompositionen. Diese erhalten von einer durch das 
Abdedrverfahren bedingten gesetzmäßigen 
Aufeinanderfolge der leuchtenden Farben von 
hellen zu dunkleren Werten, vorn Licht ins Dunkel, 
eine zusätzliche Strenge und Monumentalität. 
Die Arbeiten des großformatigen Zyklus 
„Kommunikation" verwenden die gleichen polaren 
Gestaltungselemente. Sie werden iedoch so 
zueinander in Beziehung gesetzt, daß trotz immer 
neuer Konstellationen sich eine ganz bestimmte 
Aussage ergibt. Die Zeichen erhalten hier die 
Wertigkeit van ldeogrammen, die das Gesetz der 
Kommunikation innerhalb einer größeren Ordnung 
sichtbar machen. 
Die figuralen Zyklen kennzeichnen den letzten Stand 
der künstlerischen Entwicklung Lore Heuermanns. 
Wie in den anderen Arbeiten verwendet sie auch 
hier die kraftsuggerierenden Gestaltungselemente: 
ornamentale Reduzierung und axiale Symmetrie. 
Zusammen mit einer hieratischen Frontalität 
und monumentalen Statik der Figuren ergibt dies 
iedoch eine neue Dimension der Aussage." 
(Abb. i-3.) 
H. Gilda Hinter-Reiter - 
Textil lastiken, Textilwandbehänge, 
Grapliik 
Altes Haus, Eitelbergersaal, 
Wien 1, Stubenring 5 
4. August bis 3. September 1972 
Fast als ein Modellfall im konträren Sinn zu Lore 
Heuermann präsentierte sich H. Gilda Hinter-Reiter, 
86 
die, in Österreich geboren, nach den Vereinigten 
Staaten von Nordamerika zog, um sich in der 
Fremde sowohl menschlich wie künstlerisch zu 
etablieren. Frau Dr. H. Gilda Hinter-Reiter, 
Akademikerin und Künstlerin zugleich, arbeitet also 
nicht nur freischaffend, sondern ist auch Professorin 
an der Virginia Commonwealth University in 
Richmond, Virginia. Künstlerisch groß geworden 
ist sie in ihrer Heimatstadt Linz bei den Professoren 
Paul lkrath, Franz Zülow, besuchte die Ecole 
des Beaux Arts und Sorbonne, Paris, die School 
of Art, Montreal Museum of Fine Arts, Kanada, 
Pennsylvania State University, USA, und machte 
ihren Dr. phil. im Jahre 1970 mit der Dissertation 
„Art and the Process of Change: A Study of the 
Relationship of Art and the Museum". Sie unternahm 
zahlreiche Studienreisen durch Westeuropa, 
Skandinavien, Nordafrika und vor allem den 
nordamerikanischen Kontinent, auf dem sie 
schließlich - neben Linz - so gut wie seßhaft 
bleiben sollte. 
H. G. Hinter-Reiter fand auf ihrer Suche nach neuen 
Formen und Methoden über die Wildheit des 
Meeres, der Einsamkeit eines langen Strandes mit 
alten, im Sand liegenden und an Baumstämmen 
verstrippten ausgewoschenen Seilen ein neues 
Medium. Sie war fasziniert von den Seilen und 
Knoten an den Fischerbooten und erkannte deren 
„Funktion", die dem Leben des Fischers verhaftet 
ist. So gesteht sie und sagt weiter, „mir war dieser 
Anblick eine Formschönheit in der Einfachheit". 
Auf diese Weise fand die Künstlerin zu ihrer gewiß 
selten geübten künstlerischen Art des Seilknotens 
und -formens. Dazu machte sie Graphik und im 
Zusammenhang ihrer weiteren textilkünstlerischen 
Tätigkeit Collage und Applikationen. Die beiden 
in der Ausstellung gezeigten Wondbehänge 
„Kanadischer Winter" und „Herbst in den Blue 
Ridge Mountains" waren geglückte Umsetzungen 
in diese Technik, getragen von besonders 
stimmungsentsprechenden Farben (Abb. 4-6). 
Joseph Binder 
Nonobiective Art 
Neues Haus, Ausstellungshalle, 
Wien 1, Weiskirchner Straße 3 
15. September bis 29. Oktober 1972 
„Stille - ohne das Wissen der Vergangenheit, 
ahne Illusion der Zukunft nur das Erlebnis der 
kreativen Gegenwart." Unter diesem Leitwort hatte 
der 1971 im Sommer aus New York kommende 
Joseph Binder seine erste große Ausstellung hier 
in Wien konzipiert, und in der ersten Phase der 
Realisierung derselben ging er selbst von einem 
Tag zum anderen in iene Stille, die allen Lebenden 
tief und unergründlich bleibt. „The Exhibition 
must go an" könnte man einen Gemeinplatz 
abwandeln. Carlo Binder, die Frau des Künstlers, 
mit dem Menschen, dem Künstler und dem Werk 
J. Binder in selten inniger Symbiose zusammen- 
gewachsen, ging unvermittelt daran, mitten in 
Schmerz und Trauer - gegen die „Verlassenheit" 
der plötzlich für immer Alleingelossenen 
ankämpfend - mit schier unglaublicher Energie 
und Einfühlung die Ausstellung aufzubauen und 
genauest nach dem von Joseph Binder erstellten 
klaren Ordnu sprinzip auszurichten. Und dieses 
CEuvre in seiner Gesamtheit, das Joseph Binder 
in einer späten Phase seines Lebens neue Impulse 
schenkte und an dem er weiterarbeitete, erfuhr in 
der dafür wie prädestinierten, in Weiß und Grau 
gehaltenen Ausstellungshalle des Museums eine 
Verdichtung, die so etwas wie eine Aura von 
sakraler Feierlichkeit verbreitete. Fachleute und 
Presse rühmten sowohl die Geschlossenheit des 
Werkes wie auch das klare Gesfaltungskonzept, 
das von Joseph Binder selber erstellt wurde und 
das diese Ausstellung zu einer der schönsten 
Ausstellungen des Hauses überhaupt werden ließ. 
Hofrat Prof. Dr. Wilhelm Mrazek, der Direktor 
des Museums, der sowohl bei der Eröffnung wie 
auch in der Kafalogeinbegleitung die Persönlichkeit 
Joseph Binders würdigte, sagte u. a. über ihn und 
sein Werk: „So eindeutig, so offenbar, so 
dynamisch, so ,schlagend', so ,laut' die angewandten 
graphischen Arbeiten Joseph Binders sind, so 
zurückhaltend, so reduziert, so voll Askese und 
Verzicht auf Außenwelt, auf Figur, Abbild und 
Zeichen, auf alle graphischen Elemente sind seine 
Malereien. Sie bieten nichts als Farbe, als farbige 
Flächen in einer bestimmten Ordnung. Sie sind 
,Bilder der Stille', das heißt farbige Meditations- 
malerei. Ihre direkte Farbwirkung bietet dem 
Betrachter zunächst keine Orientierungshilfe. Sie 
sind somit ein schwieriger Fall für den Europäer, 
der selbst in der radikalen Abstraktion noch die 
sinnliche Natur und den anschaulichen Ausgangs- 
punkt zu sehen gewohnt ist. 
Eine Begegnung mit diesen Arbeiten Joseph 
Binders ist ein Ereignis, das sich nicht von der 
europäischen Abstraktion her erfassen läßt. 
Joseph Binder gehört vielmehr zu iener Strömung 
von amerikanischen Malern, die wie Mark Rothko, 
Adolph Gottlieb und Barnett Newman einen 
spezifisch amerikanischen Beitrag zur ,Nonobiective 
Art' geleistet haben" (Abb. 7-9). 
Präsentation einer Leihgabe der 
Zentralsparkasse der Gemeinde Wien 
Altes Haus, Saal VI, 
Wien 1, Stubenring 5 
24. Oktober 1972 
Wie zu ähnlichem Anlaß vor Jahresfrist, versammelte 
sich abermals eine Feslgemeinde zu einer kleinen 
Morgenfeier, die der Präsentation eines sogenannten 
Wochnerinnentischchens galt, das die Zentral- 
sparkasse der Gemeinde dem Österreichischen 
Museum für angewandte Kunst als Leihgabe zur 
Verfügung gestellt hat. Hofrat Prof. Dr. Wilhelm 
Mrazek begrüßte bei diesem Anlaß Generaldirektor 
Dr. Karl Mantler von der Zentralsparkasse und 
dankte diesem in herzlicher Weise für die 
nachohmenswerte Tat, quasi dem Museum dieses 
wertvolle Obiekt gekauft und es diesem überlassen 
zu haben, wobei er gleichzeitig die Tatsache 
unterstrich, daß ein Museum, das ia letztlich 
mit seinen Kunslschcitzen der Öffentlichkeit dient, nur 
unterstützt durch solches modernes Mäzenatentum 
seine Sammlungen erweitern und bereichern kann. 
Denn die zur Verfügung stehenden Dotationen 
allein reichen bei weitem nicht, solches zielführend 
tun zu können. Generaldirektor Dr. Mantler 
gab in seiner Antwortrede einen kurzen Überblick 
über das vielfältige Bemühen eines heutigen 
Bank- und Geldinstitutes, neben der hauptsächlich 
kommerziellen Tätigkeit auch in den Bereichen 
der Kunst eine immer stärkere Synchronisierung 
der Möglichkeiten des Engagements zu erreichen. 
Auch er sah neben den mannigfaltigen Bemühungen 
in dieser Richtung, wie Preisvergaben, Ausstellungen 
etc., diese Form, beispielsweise einem Museum 
einen besonders kostbaren Wertgegenstand zu 
verschaffen, als einen neuen, begrüßenswerten 
Schritt an. Nicht zuletzt blieb es dem Leiter der 
Möbelsammlung, Dr. Franz Windisch-Graetz, 
vorbehalten, einige Worte zum Anlaß zu sagen 
und das Wöchnerinnentischchen auch vorzuführen. 
Man sollte nicht versäumen, in diesem Fall darauf 
hinzuweisen, daß es Dr. Windisch-Graetz abermals 
erst in einem wahren Kreuzzug des Bittens, um 
nicht zu sagen des „Bettelns" gelungen war, dieses 
Obiekt überhaupt an die Hand zu bekommen. 
Erst sein unablässiges Bemühen und Ergreifen 
auch des letzten Zipfels einer Möglichkeit hat, 
wie am präsentierten Obiekt bewiesen, eine schon 
fast verlorene Sache zum Positiven gewendet. 
In drastischer Weise unterstrich auch er die 
Bedeutung dieser neuen Art von Erwerbsmöglichkeit 
für Sammlungen und gab in anschaulicher Weise 
ein Zeitbild um das Wöchnerinnentischchen des 
berühmten Pariser Ebenisten A. M. Criard 
(1724-1787), das allen Anwesenden erst so recht 
dessen Bedeutung klarmachte. Die unverständliche 
Absenz eines Gutteils der Presse, die samt und 
sonders zu diesem gebührenden Anlaß eingeladen 
war, sollte hier besonders vermerkt sein (Abb. 10-12). 
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