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Volltext: Alte und Moderne Kunst XVIII (1973 / Heft 127)

Für den Kunstsammler 
 
Moderne Form in altem Wiener Silber 
 
Eine weitverbreitete lrrmeinung unserer Zeit nimmt 
an, daß schöne und zugleich strenge Formgebung 
eine Erfindung des 20. Jahrhunderts sei. Gerade in 
der Goldschmiedekunst finden wir immer wieder 
ganz glatte, undekorierte Obiekte aus allen Epochen 
der Vergangenheit. Wenn auch das kostbare 
Material mit Vorliebe durch den Kunsthandwerker 
reich dekoriert wurde, hat es doch stets Tendenzen 
gegeben, die zu klarer Gestaltung und einfachster 
Linienführung aus der Funktionsform geführt haben. 
ln dieser Einfachheit zugleich Schönheit zu schaffen, 
ist meist schwieriger, als durch reichen Dekor von 
schwacher Formgebung abzulenken. Schönheit zu 
erstreben durch die Wirkung wohlausgewogener 
Silberflächen, durch das rechte Verhältnis von Form 
und Materialdicke und durch das Sichtbarmachen 
der Funktion ist eine Tugend, die in allen Epochen 
nur die Besten erstreben konnten. Eine solche 
Gestaltung verlangte vor allem auch einen 
Auftraggeber, der Kaufkraft mit hohem Geschmack 
vereinte. Nur aus der Raffinesse einer Spätkultur 
entspringt ein Geschmack, der auf Dekor verzichtet. 
Die Naivität iungen Vermögens oder neuen Adels 
wollte meist prunkvolle Ornamente, liebte die 
künstliche Anreicherung. 
Berühmt für seine klare einfache Farm war das 
englische Tafelsilber aus dem frühen 1B. Jahrhundert, 
der Epoche König Georgs I. von England-Hannover 
Es wundert nicht, daß unsere Zeit auf den 
englischen Auktionen das Tafelgerät dieser Epoche 
besonders hoch bezahlt. 
Das Wiener Gebrauchssilber zeigte schon im 
18. Jahrhundert ähnliche Tendenzen. Im Gegensatz 
zu den Erzeugnissen Augsburgs, die stets in 
reichster Ornamentik iede Regung der Zeitmade 
betonten, blieb Wien zurückhaltend. Glattwandige 
Formen herrschen var, es wird dickwandiges, solides 
Silberblech verwendet. Aufklärung und Josephinis- 
mus betonen diese Tendenzen weiterhin [siehe 
nebenstehend abgebildetes quadratisches Tablett 
mit dem Wappen der Batthyanys]. Besonders schön 
sind Wiener Silbergeräte der Zeit um 1800 aus dem 
großen Reiseservice und den Feldetuis hoher 
Offiziere. Die große Silberablieferung und 
-einschmelzung während der Napoleonischen Kriege 
vernichtete ungeheure Bestände. Nach dem Wiener 
Kongreß kam es daher zu einem großen Nachhol- 
bedarf. Ein neues Bürgartum und ein neuer 
Geldadel bevorzugten reich dekorierte Formen. 
Das Altwiener Silber der Biedermeierzeit mit 
seinen getriebenen Rasen, nachempfundenen 
Formen des Barocks und des Klassizismus und seinen 
oft übertriebenen Dekorationen ist auch heute sehr 
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