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Volltext: Alte und Moderne Kunst XVIII (1973 / Heft 129)

Klaus Maurice 
Alte Automaten 
Der folgende Beitrag bildet ein Kapitel im Buch 
des Autors ., Von Uhren und Automaten", 
das 1968 im Prestel- Verlag München erschien. 
Wir danken dem Verlag für die freundliche 
Genehmigung des Wiederabdruckes. 
Automaten waren die ersten zusammengesetz- 
ten Maschinen, die der Mensch schuf und mit 
denen er versuchte, die Natur oder das Leben 
nachzuahmen. Diese Versuche, den Schein des 
Lebens durch dessen unmittelbarste Äußerung, 
die Bewegung, zu erfassen, gehen bis auf home- 
rische Zeit (die goldenen Mägde des Hephaistas 
in der Ilias) bis zum orientalischen Altertum 
zurück. Gaspar Schott, der schon öfters erwähnt 
wurde, rechnet die Automaten zur künstlichen 
Magie. Wenn das Wort damals auch eine viel 
größere Bedeutung umschloß als heute, so 
steckt darin doch noch der Ausklang einer dömo- 
nischen Auffassung der Kunst, deren höchstes 
Lob in der Lebendigkeit des Kunstwerks be- 
stand, ein schon aus der Antike in unzähligen 
Künstleranekdoten überlieferter Concetto. In den 
Automaten spiegelt sich die Macht, aus Unbe- 
lebtem Leben schaffen zu können. 
Ihre größte Entwicklung und Vervollkommnung 
erfuhren die Automaten während der Wieder- 
entdeckung der Antike in der Renaissance, zu- 
nächst im Festwesen, in den großen allegori- 
schen Umzügen und auf der Bühne, auf der der 
„deus ex machina" wiedererstand. Leonardo 
baute 1509 zum Empfang Ludwigs XII. von Frank- 
reich einen Löwen, der dem König entgegen- 
schritt, sich die Brust öffnete, in der, statt des 
Herzens, eine Lilie blühte. In den lateinischen, 
italienischen und französischen Übersetzungen 
der alexondrinischen Mechaniker, des Ktesibion, 
der schon Vitruv bekannt war, des Philon und 
Heron, ergänzen Kommentare die antiken me- 
chanischen und pneumatischen Konstruktionen, 
so zum Beispiel ersetzt Robert Fludd die Seilzüge 
bei Heron durch ein Röderwerk und unterstreicht 
damit gleichsam den Unterschied zur Antike, 
wenn er nämlich Getriebe und mechanische 
Kraft statt Seile, Züge und Wasserkratt setzt, 
einen Vorgang, den wir vor allem bei Uhren 
beobachten werden. Heron - ihn rühmt auch 
Dasypodius, der die Berechnungen für die 
zweite Straßburger-Münster-Uhr machte - Heron 
beschrieb das selbständige Öffnen der Tempel- 
türen, wenn auf dem davor stehenden Altar 
ein Opferfeuer entzündet und nun den Gläubi- 
gen wie durch ein Wunder das Bild der Gottheit 
im Tempel sichtbar wurde. Die Luft dehnte sich in 
dem hohlen Altarraum aus und drückte Wasser 
aus einem Gefäß in einen Behälter, der sich da- 
durch senkte und über Rollen und Seile die 
Tempeltüren aufzog. War das Feuer erloschen, 
vollzog sich der Vorgang in umgekehrter Reihen- 
folge. Die Konstruktionen dieser Automaten wer- 
den in den Maschinentraktaten von Ramelli, da 
Strada und de Caus für die Wasserkünste und 
Automaten in Gärten und Grotten verwandt. 
Die wissenschaftliche Literatur der Jesuiten be- 
faßte sich sehr mit Automaten. Auch hier ist 
Athanasius Kircher ein unermüdlicher Kompila- 
tor, eine unerschöpfliche Quelle für den Nürn- 
berger Ratsherrn Harsdörfter. In seinen Versu- 
chen, die ägyptische Sprache, die Hieroglyphen, 
zu entziffern, berichtet Kircher von den sprechen- 
den Köpfen, die die ägyptischen Priester zu 
Weissagungen benutzten. Im Mittelalter sollen 
Albertus Magnus und Roger Bacon solche spre- 
chenden Häupter besessen haben,und,von diesen 
Quellen angeregt, versuchte Kircher in Rom, für 
die Königin Christine von Schweden eine „weis- 
künstliche Bildsciule" zu bauen, die auf alle vor- 
gelegten Fragen Antwort geben sollte. 
Nicht allein die sprechenden Köpfe wurden 
nachgebaut, auch die künstlichen Menschen, die 
Androiden. Die beweglichen Statuen des Dä- 
dalus, die vor seinem Labyrinth wachten (Aristo- 
teles, „De anima"), waren die Ahnen des eiser- 
nen Türöffners von Albertus Magnus. Ihn zer- 
schlug Thomas von Aquin als Teufelswerk, wor- 
auf Albertus klagte, dreißig Jahre Arbeit seien 
zerstört. Nicht viel besser erging es der Auto- 
matenpuppe „Francine" von Descartes, die ein 
Kapitän mit ihrer Kiste über Bord warf aus 
Angst vor ihren Hexenkünsten. Harmlaseres 
Schicksal war den Androiden des Kunstschlassers 
Hans Bullmann (gest. 1535 in Nürnberg) beschie- 
den: Seine Manns- und Weibspersonen waren 
durch ein Uhrwerk beweglich, gingen hin und 
her und schlugen nach der Mensur die Pauke 
oder spielten auf der Laute. 
Die Nachahmung des Lebens in Automaten und 
der kosmischen Bewegungen in astronomischen 
Modellen, auf die wir noch eingehen werden, 
zeigen die beiden Möglichkeiten des Menschen 
in seiner Rolle als „imitator creatoris". Diese 
seine beiden Versuche entstanden zur gleichen 
Zeit, für beide wird zuerst Technik angewandt, 
Apparaturen, die später auf andere Maschinen 
und Instrumente übertragen werden. Diese bei- 
den Prinzipien der Nachahmung, das kosmische 
wie animistische, reichen durch eine stete Tradi- 
tion über Byzanz und den Islam bis ins Mittelal- 
ter und sind vereint in den großen Schauuhren 
in Kirchen oder Rathäusern, in denen die Darstel- 
lung des Universums mit automatischem Figuren- 
werk verbunden ist: Hier sei dafür die ver- 
kleinerte, gering variierte Nachbildung der zwei- 
ten Straßburger-Münster-Uhr erwähnt, die vom 
gleichen Uhrmacher, der die Münsteruhr baute, 
gearbeitet wurde. 
Das antike Prinzip der Wasserkraft, die, wie wir 
sahen, regulierende wie antreibende Kraft war 
und über einen Schwimmer ein Uhrwerk antrieb, 
Figuren bewegte, wird von Ridwan und al Jazari, 
zwei arabischen Gelehrten zu Beginn des I3. 
Jahrhunderts, im Detail beschrieben. Bei beiden 
finden sich neben Wasseruhren Konstruktionen 
von Automaten, trabenden Elefanten, schwim- 
menden Schiffen, die aber immer noch das Was- 
ser als antreibende Kraft haben. Eine der im 
Abendland bekanntesten und in den Geschichts- 
quellen immer gegenwärtigen arabischen Was- 
seruhren wurde Karl dem Großen 807 als Ge- 
schenk Harün-al-Raschids überreicht. Einhard, 
der Biograph des Kaisers, hat sie ausführlich 
beschrieben: Zu den vollen Stunden fielen me- 
tallene Kugeln auf eine Glocke herab - eine 
„lndikation", die noch bei Automaten des I6. 
Jahrhunderts wiederholt wurde -, und zwölf 
Reiter sprengten aus zwölf Toren heraus und stie- 
ßen so viele Türen zu, wie es der Stundenzahl 
entsprach. 
Von der ersten Straßburger-Münster-Uhr (1354), 
die nach zweihundert Jahren nicht mehr lief, 
weil ihr Rüderwerk verrostet war, und deren 
Beschreibung varn Erbauer der zweiten Uhr, von 
Dasypodius, bekannt ist, von dieser ersten Uhr 
werden zwei Anekdoten überliefert. Die erste: 
Ihrem Erbauer seien durch einen Beschluß der 
Stadt die Augen ausgestochen worden, damit er 
nicht noch einmal so ein Wunderwerk konstruie- 
ren könnte. Diese Geschichte findet sich bei 
fast allen großen Schauuhren erwähnt und soll 
nur ein Beweis für deren Einmaligkeit sein. Die 
andere jedoch, der Erbauer habe bei den Ara- 
bern gelernt, zeigt, auch wenn die Wirklichkeit 
nicht mehr nachprüfbar ist, daß die Bedeutung 
arabischer Kunstfertigkeit der Zeit bekannt war. 
Die Araber ergötzten sich auch schon an Trink- 
spielen, wie sie dann seit der Renaissance be- 
liebt waren; der Gast, an dessen Platz der Pfeil 
niedertiel, den eine Autamatenfigur abschaß, 
mußte sein Glas leeren. 
Neben den Wagen der Festzüge, die als Schiffe 
oder riesige Tiere gestaltet sein konnten, sind 
Tofelaufsätze für Automaten vorbildlich gewor- 
den. Schon bei den Schauessen am Burgundi- 
schert Hof standen auf großen Tischen Land- 
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