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Volltext: Alte und Moderne Kunst XVIII (1973 / Heft 129)

schießen Salut. Das ganze Spektakel löuft nach 
der einmaligen Auslösung von selbst ohne wei- 
teren Eingriff nach außen ab, bis das Programm 
des Automaten beendet ist. ln seiner Thematik 
ist es wohl vom Nürnberger Münnleinlaufen be- 
einflußt. Für alle diese Tischautomaten ist be- 
zeichnend, daß sie möglichst viele Sinne anzu- 
sprechen versuchen, daß bald zur Bewegung 
noch Musik, Trommelwirbel, Böllerschüsse kom- 
men, ia noch mehr: in dem sogenannten „Hotten- 
tottentanz" von Rungel, in dem Uhr, Automaten- 
werk, eine mechanische Orgel (16 Pfeifen) und 
ein mechanisches Spinett verbunden sind, drehen 
sich zwei Tanzkreise, einer mit Europäern, der an- 
dere mit Exoten vor Spiegeln, so claß eine große 
Gesellschaft zu tanzen scheint. Diese Steigerung 
der Dimension, die sich noch bei einem weiteren 
unserer Automaten findet, wiederholte sich auch 
bei einem Werk, das Kaiser Ferdinand lll. 1655 
in Augsburg anfertigen und durch missionieren- 
de Jesuiten dem Kaiser von China schenken 
ließ. Diese Uhr hatte drei Abteilungen: unten ein 
Orgelwerk, in der Mitte eine katoptrische Kam- 
mer (Spiegelkammer) und oben eine chinesische 
Uhr nebst einer beweglichen Sphäre. Dies sich 
andauernd verändernde Spiel von Sein und 
Schein, die Multiplikation der Bewegung und der 
Figuren, die sich in monumentaler Form in den 
Spiegelkabinetten und Galerien wenig später 
wiederholt, hat auf den damaligen Betrachter, 
der außer diesen kleinen Automaten keine an- 
deren Maschinen kannte als Mühl- und Wasser- 
werke, die jedoch zu groß waren, um durch 
ihre selbständige Bewegung magisch wirken zu 
können, einen ungeheuren Eindruck gemacht. 
Dabei ist die Kleinheit all dieser Apparate ab- 
sichtlich. Schon Heron betonte, Automaten müß- 
ten so klein sein, daß sich darin kein Mensch ver- 
bergen könne, um sie zu bedienen. 
Diese magische Bedeutung der Automaten wurde 
von der Aufklärung aufgehoben, die Erfindung 
produzierender Maschinen, Webstuhl wie Dampf- 
maschine, ließen im 19. Jahrhundert das Interesse 
an diesen „Spielereien" erlahmen. Das Ende der 
Automaten charakterisiert Krünitz, der in Über 
zweihundert Bänden die französische Enzyklopä- 
die von Diderot und d'Alembert popularisierte: 
„(Automaten)... die gleichsam einzig als me- 
chanische Kunstwerke dastanden, allein das 
lebhafte Interesse daran ist durch die vielen 
Ausstellungen von mechanischen Kunstwerken 
und Sehenswürdigkeiten und durch die Aufklä- 
rung in der Mechanik, in Beziehung auf Physik 
1 Figurenuhr, Rertender Turke, süddeutsch, Ende 
16. Jahrhundert. Kupfer und Bronze, ver- 
oldet, H 47,5 cm. Auf der Oberfläche des 
ockels Zifferblätter für Stunden und Minuten 
sowie Kontrollblatt für das Schlagwerk. Im 
Sockel Uhrwerk und Triebwerk für die Bewegun- 
gen der Figuren, die ihre Arme heben und 
Kopfe wenden können. 
Kunsthistorisches Museum, Wien. 
2 Figurenuhr Kamel, Augsburg, um 1600 [Sockel 
1750]. Kupfer, vergoldet, hölzerner Sockel, H 
26 crn. Unter dem Aufsatz der Glocke, unter den 
Satteldecken die Zifferblätter. Das Laufwerk im 
Sockel ließ das Tier rollen, und der Neger be- 
wegte seinen Arm mit Streitkolben. 
Bayerisches Nationalmuseum, München. 
3 Figurenuhr, Diana reitet auf einem Kentauren, 
Augsburg, um 160D. Silber, teilweise vergoldet, 
H 39,5 cm. Uhrwerk im Bauch des Kentauren. 
Der Automat rollt, vom Laufwerk im Sockel an- 
getrieben, über den Tisch, der Kentaur bewegt 
die Augen und schießt. Diana und die Hunde 
drehen ihre Köpfe, einer der Hunde öffnet sei- 
nen Fang. Das Zifferblatt am Sockel indiziert die 
geschlagenen Stunden. 
Kunsthistorisches Museum, Wien. 
4 Tafelaufsatz, Triumphwagen der Minerva, Augs- 
burg, Anfang 17. Jahrhundert. Kupfer und 
Bronze, teilweise vergoldet, Ebenholz, H 54 crn. 
Im Wagen das Antriebswerk, die Pferde sind 
beweglich, die Sartyrisken drehen sich, und 
Minervas Augen rollen. Dazu ertont aus der 
kleinen Orgel an der Rücklelirte Musik. 
Kunsthistorisches Museum, Wien.
	        

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