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Volltext: Alte und Moderne Kunst XVIII (1973 / Heft 129)

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Gläser aus der islamischen Blütezeit 
des 8.-14.Jahrhunderts 
Die hohe Blüte der Glaserzeugung, wie man sie aus 
der Zeit der griechisch-römischen Herrschaft konnte, 
wurde durch die Eroberungen des Islam keines- 
wegs unterbrochen. lm Gegenteil. In Ägypten 
wurde nach dem Fall des festen Babylon (um 642 n. 
Chr.) in Fustcit' eine Glashütte gegründet, die bis 
zum 14. Jahrhundert tätig war. Daneben bestanden 
seit alters Fabrikationsstätten in Alexandria, 
Medinat-al-Faiium, Eschmunein (Hermopolis) und 
Scheich Abada (bei Antinoä]. Ähnlich verhielt es 
sich in den anderen Gebieten. Syrisches Glas wurde 
unter der Herrschaft des Islams weithin gehandelt. 
Hebron, Aleppa, Damaskus, Antiochien, Tyrus und 
Akka beherbergten blühende Industrien. Ihre Ex- 
porte reichten bis in die Rheingegenden. In Basra 
hat nachweisbar im 9.-10. Jahrhundert ein Zentrum 
bestanden. In Iran ragten Hamadan und Reji (bei 
Teheran) hervorf. ln neuerer Zeit hat man beson- 
ders schöne Stücke in Gurgan und Nischapur 
gefunden. 
Die Aufzählung ist nicht vollständig. Man ersieht 
aber daraus, daß die Erzeugung dort blühte, wo 
Kultur allgemein gepflegt wurde, d. i. in den 
Städten. Zum Schutz der Sicherheit bestand der 
Islam darauf, daß die Industrie sich in einer Ent- 
fernung vom Stadtzentrum ansiedelte. Das engere 
Stadtgebiet blieb dem Handel und Wandel 
vorbehalten. 
Das Interesse, das der Islam am Glas wahrnahm, 
hängt innig mit dem allgemeinen Streben nach 
Kulturschaffen zusammen. Die neue Religion ver- 
band sich mit einer Weltanschauung, die die 
Bemühungen der voraufgegangenen Völker durch- 
aus anerkannte. Dazu kam der iugendliche Eifer, ia 
die Begierde, aufzunehmen, zu lernen und das 
Erworbene womöglich nach eigenen Ideen ver- 
bessert weiterzugeben. Glas gehörte zu den 
wichtigsten und am meisten verbreiteten Kultur- 
gütern. 
Es wurde zu allen möglichen Zwecken verwendet. 
Gläserne Ampelkorper für Moscheeleuchten wurden 
mit besonderer Kunst ausgeschmückt. Damit folgte 
man einem Hinweis aus dem alles bestimmenden 
Koran und sicherte sich die Gunst der Religion. 
Denn in der Sure „das Licht" wurde Allahs Licht mit 
einer Leuchte verglichen, die in einer Nische steht 
und von glitzerndem Glase umgeben ist (Kor. 
XXIV, 35]. Wenn man den Berichten trauen darf, 
gab es in der großen Moschee von Cardoba 7000 
Ampeln, die von 200 Leuchtern herabhingeni). 
Daneben brauchte man Glas für profane Zwecke. 
Blumen wurden wie heute in gläserne Vasen 
gesteckt. Die Chemiker brauchten für ihre Experi- 
mente Röhrchen und Kolben aller Art. Man erzeugte 
Duftstoffe und konnte sich hiebei auf die Vorliebe 
des Propheten für Wohlgerüche berufen. Die 
Industrie stellte Fläschchen, Balsamarien und 
sonstige Duftgeföße in allen möglichen Formen, 
Gestalten und Größen her. Im Preis für die 
Parfüms waren Glcisgefäße als Verpackung 
inbegriffen. Die Bauindustrie brauchte Glas für 
Fenster und ebenso gläserne Würfel zur Bildung 
von Mosaiken. Auch Eßschalen und Trinkgefüße 
machte man aus Glas. Die Fotimiden hatten unter 
ihren Schätzen eine riesige Sammlung wertvoller 
Gläser. Bei der Plünderung ihres Palastes im Jahre 
1062 durch türkische Söldner wurden, wie der 
Historiker Maqrizi (t 1442i berichtet, zahlreiche, 
mit Goldauflagen bedeckte Obiekte, ferner 
geschliffene Kristalle und Emailglüser verschleuderti 
AI Ghüzuli(t1412) pries die besonderen Eigen- 
schaften des Glases: „Der Trunk daraus mundet 
besser als aus dem Edelstein, das Gesicht des 
Freundes verliert sich nicht darin und die Hand 
trägt es leicht... Die Töpfe aus Glas strömen mehr 
Wohlgeruch aus als die steinernen Töpfe, sie rosten 
nicht, nössen nicht und werden nicht von Schmutz 
durchzogen. Wenn sie schmutzig sind, reinigt 
Wasser allein, wann und sooft immer das Glas im 
Wasser gewaschen wird. Wenn man aber daraus 
trinket, sa trinket man mit dem Wasser daraus auch 
Licht und Glanzs . . ." 
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1 Badenstück einer Schale, d : 7,8 cm. Glas grür 
in die Form geblasen: Rosette. Ägyptisch, B.- 
hundert (Irin-Nr. GI. 21151113) 
2 Fragmentiertes Schälchen, h : 2 Cm, d e s r 
elblich. Dekor; gepreßle Pirnktroseiten. Ägypti: 
. Jahrhundert (lnv.-Nr. GI. 285105) 
3 Fragmente von Gefäßwandungen, d : 6, 5,7r 
5,5 cm. Glas farblos bis gelblich. Dekor: hei 
tragene, korizentrische Fäden in wein, die zu 
Rosettchen zusammengezogen und eingedrückt 
bläulich-grüner Tupfen im Zentrum. Ägyptisc 
Jahrhundert (lnv.-Nr. GI. 2851160-63) 
4 Fragmentierter Becher, h : 5,8 cm, d : 
Dekor: heiß aufgelegte Fäden und Nupperi. 
ägyptisch, 10.-12. Jahrhundert (Inv.-Nr. o1. 2851 
5 Rosenölflasche, h : 21 (m. Glas gelblich-g} 
und Gefüßkörper an der Schulter aus zwei e 
schmolzen. Dekor; netzartig aufgelegte Faden. 
Gurgeln llran). 9.-10. Jahrhundert (IHVRNIF. t 
6 Weinflasche, h : 16 cm. Glas farblos. De 
schnittene Facetten, Bänderungen und Zickzac 
ort Gurgan, 10. Jahrhundert llnv.-Nr. GI. 3244) 
7 Henkelflasche (Henkel iehlti, h : is cm. Glas 
Dekor: geschnittene Facetten iind Bogen. 
Nischapur. 9.710. Jahrhundert (Inv.-Nr. GI. 3243 
8 Flasche, h : 13,5 cm. Glas bläulich-grün. Get 
Facetten Und Bönderungeri. Fundort Gurgan 
Jahrhundert (lnv.-Nr. GI. 3204) 
9 Moschee-Ampel, h z 31,5 cm, d : 23 und 12 cn 
Emciilpasten über vergoldetem Grund. Zeit de: 
Az-Zähir Abu Sofid Bclrqüq [1382-1399 n. Chr.) 
GI. 30340) 
Widmung Clarice de Rothschild im Andei 
Alphonse de Rothschild. 
10 Moscheeampel, h : 2B cm, d I 21 und 
Emaildekor Schrift, Rankeri__ und verflochtei 
Motive. Grund vergoldet. Agypten, 14. Jat 
(Ihm-Nr. o1. 3035) 
Widmung Clarice de Rothschild im Andei 
Alphanse de Rothschild. 
 
Soirtiltche angeführten Obiekte im Besitz de 
reichischen Museums fiir angewandte Kunst 
Anmerkungen 
' Lateinisch tossotd, heute ein Teil voii All-Kairo. 
'Näheies über die Produktionsstätten bei Car 
Larrirri, Milleltllierliilte Gläser und Steinschnitt 
GUS dem Nahen Osten, Eid. i, serlin 1930, s. 141 
ßvergleiehe die Schilderungen 138i Ahmed al- 
tt 1632), Nath at b, der politischen Geschic 
al-Aridalus, ltl, 2 [in Englische ubersetzt von de er 
London 18.10). 
tDozu die Studie von P. Kahle, Die Schatze der 
den, in: Zeitschrift der deutsch-margcrilandischen 
schalt (z. d. M. o) N. F., Ed. 14, Leip_zig 1935, s 
tDie Stelle hat Muhorrimcd fAbd at-(Aziz Marzüq, 
sche Kunst (iri arabischer Sprache), s. 131, rri 
'Die Namen hat der verstorbene L. A. Maver ii 
Exploration Journal, vol. 4, 1954, Nr. 3e4, S. 
veröffentlicht. 
lVergletche dazu die Untersuchungen von (Abd 
ad-Dawariii im 1. Heft der Schriften der philoso 
Fakultot, Bagdad 1959. 
"Eine Sammlung von Dokumenten aus der Mam 
hatfAbd al-Latif lbrahim in den Schriften der ph 
scheri Fdkiiltäi der Universität Kairo, Bd. 18, 
1959, veröffentlicht. 
'Vgl. Marzüq, a o. o , s 162. 
i" Aus zerstoflenerri Rubin, Smaragd und Perlmutter 
im 19. Jahrhundert die Ornamente des Pfaue 
ausgelegt 
"Eines der berühmtesten serdße ist das „Gl 
EderiI-ioii", ein goldemaillierter Becher aus dem ' 
hundert, abgebildet bei Carl Johan Lamm, Mit 
Glaser ll, Taf. 127, 2, dazu Text 8d. l, S. 329. 
"Vergleiche dazu die Abbildungen im Katalog "W 
ren und moderne Kunst", München 1972.
	        

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