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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIX (1974 / Heft 133)

namentale Gestaltung der Vorderseite des Vor- 
satzbrettes einbezogene Innsbrucker Stadtwap- 
pen wurde belassen. Offenbar „störte" es nicht 
so sehr, man kannte es auf die Herkunft des 
Erbauers beziehen, zudem ließ es sich nicht so 
einfach entfernen. Mit großer Sicherheit dürfen 
wir jedenfalls annehmen, doß das Instrument 
gleich nach Pocks Ankunft in Salzburg, also 
1592, in die Hände seines neuen Besitzers, des 
Solzburger Erzbischofs Wolf Dietrich, gekommen 
ist. Es schien wie für ihn gemacht zu sein. Daß 
er es in die Residenz, in seine Privatgemächer 
bringen ließ, spricht für sein persönliches Inter- 
esse. Es war ein besonderes Instrument „für die 
Kammer", und vielleicltt war es Josua Pock 
selbst - oder der Hoforganist Kaspar Bock -, 
der es dem Erzbischof dort verführte. 
Damit stehen wir wieder vor dem Solzburger 
Claviorganum, und damit ist zugleich die Frage 
nach der auf dem Instrument spielbaren, auf 
ihm seinerzeit gespielten „Literatur" aufgewor- 
fen. 
Eine Spezialliteratur für Claviorganum hat es 
nicht gegeben, zumindest kennen wir keine Kom- 
position, die speziell „per Claviorgano" be- 
zeichnet ist. Man darf annehmen, daß das da- 
mals für Tasteninstrumente allgemein (noch) gül- 
tige Prinzip einer „Literoturgemeinschaft" auch 
für die Sonderformen der Klovierinstrumente 
galt. Man wird also die „Klovier- und Orgel- 
musik" der Zeit darauf gespielt haben und sie 
auch heute unbedenklich darauf spielen dürfen. 
Zweifellos hat man dabei aber doch den be- 
sonderen, einmaligen Möglichkeiten des Instru- 
mentes Rechnung zu tragen. Sein Prinzip ist 
ein Geheimnis, die Überraschung. Das Unver- 
mutete findet statt. Scheinbar ein Schreibtisch 
oder Lesepult, beginnt es aus ihm - unter den 
Händen des „Spielers", der bei ihm stehenbleibt 
und zu schreiben oder zu lesen scheint - zu 
tönen. Vielleicht erklingt zuerst das Spinett allein, 
dann - unvermerkt ist ein hilfreicher Kalkant 
an die vom Spieler aus gesehen rechte Schmal- 
seite des Instrumentes getreten und hat begon- 
nen, die Bölge zu betätigen - plötzlich das 
sanfte Flötenregister des Positivs oder das 
schnarrende Regal oder in umgekehrter Reihen- 
folge iede Stimme für sich nacheinander und 
schließlich alle Stimmen gemeinsam in einem 
nie zuvor gehörten Zusammenklang. Es mußte 
und sollte ans Wunderbare grenzen; und alles 
ist doch nur ein musikalisches Spiel, eine Spielerei. 
Diese Absicht wird noch deutlicher, wenn man, 
wie in einem der Claviorgana aus der Ambraser 
Sammlung, zum Spinett-, Flöten- und Zungen- 
stimmenwerk auch noch Tierstimmert-lmitotionen 
als zusätzlichen Uberraschungseffekt hinzufügte: 
„Ain instrument, so ain re(g)al und posidif ist, 
darauf der fröschdanz und voglgesang und 
andere mer registern", so lautet die Beschrei- 
bung im Inventar der Kunstkommer von Schloß 
Ambras aus dem Jahre 1596". Zum Spiel des 
Orgelklaviers konnte man hier durch zwei ge- 
deckte, sehr hauchig intonierte Pfeifen einen 
merkwürdigen „Schwebeton" hervorbringen, der 
ungefähr an das ferne Quaken von Fröschen 
erinnern mochte; dazu auch den Ruf des Kuk- 
kucks, erzeugt durch einen sinnvoll einfachen 
Mechanismus von zwei weiteren Pfeifen. 
Solche Instrumente, Meisterwerke des Instrumen- 
tenbaus und des Kunsthandwerks, galten ihrem 
Besitzer viel, auch als Curiosa. Der von Erz- 
bischof Wolf Dietrich für das handwerklich und 
künstlerisch hervorragende Instrument gezahlte 
Preis dürfte mindestens so hoch wie der ge- 
wesen sein, den Pock 1584 in Innsbruck für ein 
ähnliches Instrument erzielt hatte". Vielleicht 
steht die Geldforderung, die Pocks Witwe - 
vermutlich bald nach dem Tode ihres Mannes - 
an den Solzburger Erzbischof richtete, noch mit 
dem Instrument in Zusammenhang. Wolf Dietrich 
wies die Nachforderung kurz und energisch 
zurück: „Elisabeth Orglmacherin Witib. Mit Irem 
ungereimbten begeren, das man ir noch was auf 
die empfangenen 800 fl ausfolgen lassen wollen. 
abzuweisenfqf 
Gewiß war Erzbischof Wolf Dietrich stolz auf 
diesen Besitz, und vielleicht fühlte er sich zu dem 
Instrument besonders hingezogen, angesprochen 
von dem Absonderlichen, von der Künstlichkeit 
seiner Konstruktion und den verborgenen Über- 
raschungen, die nur ein Kenner spielend her- 
vorzubringen vermochte. 
Im Hinblick auf den desoloten Zustand der - 
qualitativ zudem bescheidenen- Hammermecha- 
nik aus der Zeit um 1800 wurde bei der Restau- 
rierung der ursprüngliche Zustand mit den ein- 
zeln und in allen originalen Kombinationen 
spielbaren Teilen Spinett, Orgelpositiv und Re- 
gal wiederhergestellt". Danach erscheint es als 
höchst sinnvoll, wenn dem Instrument - als 
einzigem k I i n g e n d e m historischem Clavior- 
ganum überhaupt - heute ein besonderer Platz 
im neuen Solzburger Dommuseum eingeräumt 
wird, in der Mitte des Raumes, der Erzbischof 
Wolf Dietrich und seiner Zeit gewidmet ist. 
Anmerkungen 24-27 
1' Fol. 371. Vgl. Kunsthistorisches Museum Wien. Katalog 
der Sammlung alter Musikinstrumente. I. Teil. Saiten- 
klaviere (Führer durch das Kunsthistorische Museum 
Nr. I4), Wien 1966, S. 35 
75 Vgl. oben Anm. 21. 
N SLA, Hotkammer-Protokoll, S. Juli 1596 (fol. 77). Elisa- 
beth, geb. Werndl, eine Bädrerstochter aus Hall i. 1., 
hatte Josua Pock am 27. Mai 1590 geheiratet. 
14 Solzburger Claviorganum (Abb. I) (unten) Rück- 
seite des Vorsotzbrettes mit der Signierung; 
(oben) Deckleiste des Spinetts mit Devise und 
Dotierung 1591 
15 Erzbischof Wolf Dietrich von Raitenau (1559 bis 
1612). Stich 
18 
"Doß dies ermöglicht wurde, dazu haben verschiedene 
Persönlichkeiten und Institutionen beigetragen. Die Re- 
staurierung und Rekonstruktion hat Herr akad. Restaura- 
tor Peter Kukelko durchgeführt. Über seine Arbeit und 
den Untersuchungsbefund wird ein eigener Bericht vor- 
gelegt. 
E] Unser Autor: 
Unim-Prof. Dr. Gerhard Croll 
Ordinarius für Musikwissenschaft 
der Universität Salzburg 
A-5020 Salzburg, Getreidegosse 9 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

	        

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