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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIX (1974 / Heft 133)

lrlheinz Roschitz 
ucht in die Kunst. 
if den Rausch der Millionen- 
lschäfte folgt das 
akenntnis zur Qualität 
Erschütterungen der Weltwirtschaft sind fast 
schon an der Tagesordnung: Seit Jahren schlei- 
chende lnflation, beängstigende Ausweitung des 
Geldvolumens, dann 1972 gerade noch aufge- 
fangene dramatische Krachs in den Nervenzen- 
tren europäischer und amerikanischer Wirtschaft, 
an den Börsen von Frankfurt, London, New 
York... Das Risiko der Aktienspekulation stieg 
und stieg. Europas Rentenordnungen waren 
längst unter die Räder gekommen. _ 
Selbst der Immobilienmarkt steckte voll unange- 
nehmer Überraschungen und Rückschläge. Und 
dann eine politisch hachgespielte Ul-, ja Energie- 
versorgungskrise, die die letzten stabilen Grund- 
mauern der Wirtschaft zu erschüttern drohte... 
Kein Wunder, daß jeder, der über Kapital ver- 
fügte, dafür nach Anlegungsmöglichkeiten Aus- 
schau hielt; und daß sich viele dem Kunsthandel 
zuwandten, der, gegen solche Erschütterungen 
offenbar weniger empfindlich, zur favorisier- 
ten Spekulationsbranche, zum „todsicheren" Su- 
pergeschäft mit riesigen Zuwachsraten wurde. 
Zu einem Geschäft der Milliardenumsätze, in 
dem mitzuspielen sich gerade während der Wirt- 
schaftskrisen alle beeilten: vom millionenschwe- 
ren internationalen Sammler, der in den welt- 
berühmten Auktionshäusern, bei Sotheby's, 
Parke-Bernet, Christie's, in antiken Gemälden 
Millionen anlegt, bis zum „kleinen Mann von 
der Straße", der seine Variante entdeckt hat, 
kunstkonsumbewußt mitzuspielen: wenn auch 
nur im „Papiergeschäft" der modernen Druck- 
grafik . . . 
Die Angst vieler, zuschauen zu müssen, wie 
ihnen ihr Geld in der Hand zerrinnt oder in der 
Bank, zu normalen Zinssätzen angelegt, durch 
schleichende lnflation und immer neue Teue- 
rungswellen schrumpft, hat im Herbst 1972 zu 
hysterischen Angebots- und Nachfragesteigerun- 
gen geführt, zu einem Boom im internationalen 
Kunsthandel, wie man ihn seit den ersten drei- 
ßiger Jahren nicht mehr kannte. Die Rekord- 
preise, wahre Preisexplosionen, jagten einan- 
der. Vom Oldtimer bis zum alten Wein, vom 
Biedermeier-Kinderspielzeug bis zu den seltsam- 
sten Sammelobjekten notierte man ebenso Spit- 
zenpreise wie für die Werke der Malerei, Plastik, 
des Kunstgewerbes: Fast 700.000 Schilling für 
einen Nürnberger Fayence-Enghalskrug des spä- 
ten 17. Jahrhunderts, eine halbe Million für ein 
Paar viktorianischer Silberleuchter, acht Millio- 
nen für eine Landschaft William Turners, 21 
Millionen für eine winzige Tafel Andrea 
Mantegnas, sieben Millionen für eine Matisse- 
Bronze, übrigens eines von zehn Exemplaren, 
vierzehn Millionen für ein Altarbild Guariento 
di Arpos, eines ltalieners der ersten Hälfte des 
14. Jahrhunderts, und gar 28 Millionen für ein 
Flußlandschaftsbild des Niederländers Aelbert 
Cuyp... Und doch erschreckten diese Rekord- 
preise die Fachleute weniger als etwa die rapi- 
den Verteuerungen in den unteren Regionen: 
„Was um 1970 etwa 100 Pfund kostete", meldete 
etwa das „Handelsblatt" im Frühjahr 1972 aus 
London, „kostet nun 1000 Pfund." 
Unternehmer, die bis dahin nie mit Kunst zu tun 
hatten, hatte die Angst plötzlich in die Kunst- 
spekulation getrieben: Das war der Haupt- 
grund für diese Preisentwicklung, die sich bereits 
auf den Frühjahrsauktionen 1973 drastisch be- 
merkbar machte, und zwar in London, Genf, 
München, ja sogar im Wiener Dorotheum. Hatte 
man hier etwa 1962 bei acht großen Wiener 
Auktionen eine Meistbotsumme von 10,8 Millio- 
nen Schilling notiert, so kletterte sie 1971 auf 
31 Millionen, 1972 bereits 35 Millionen. Also 
eine Steigerung in einem Jahr um rund 150 Pro- 
zent, gegenüber 1962 sogar um rund 240 
Prozent. 
Den Kunsthändlern wurde nun die Ware buch- 
stäblich aus den Händen gerissen: „ln 18 Mona- 
ten haben sich allein die Preise für Klimt und 
Schiele verdoppelt", gab etwa George McGuire, 
„Ariadne"-Galeriechef des Wiener Unterneh- 
mens mit einer Zweigstelle in Köln, Auskunft. 
Allerdings, schon seit Jahren ist das Geschäft 
nicht mehr allein auf die traditionellen Sammler- 
nationen, USA, Frankreich, Deutschland, be- 
schränkt geblieben. Seit der Festigung des Yen 
überrannten zum Beispiel japanische Kunst- 
händler und Sammler Amerikas und Europas 
Kunstauktionen. Sie kauften in den nun kapital- 
knappen USA die besten französischen lmpres- 
sionistengemälde zusammen, in Europa altchine- 
sisches Porzellan - Londoner Rekardpreis für 
eine kleine chinesische Porzellankumme des 14. 
Jahrhunderts: 400.000 Schilling! -, antike fran- 
zösische Uhren und vor allem Möbel, deren 
Preise in die Region hoher sechs-, ja siebenstel- 
liger Zahlen hinaufgeschnellt sind. 
Und während Spitzenwerke und große Namen 
immer rarer wurden und astronomische Preise 
erzielten, versuchten Kunsthändler zum Ausgleich 
auf Novitäten umzusteigen, neue, weniger aus- 
geschöpfte Gebiete zu erschließen: Jugendstil 
wurde zum „Schlager", Tantra-Kunst, japanische 
Holzschnitte, Art deca, die lange genug unter- 
schätzte Kunst des 19. Jahrhunderts, folgten... 
Weit unterbewertete gute Kleinmeister wurden 
plötzlich „entdeckt", bescheidene Staffeleiarti- 
sten hachgespielt... Die inflationäre Hektik 
drohte sich selbst zu überschlagen. 
„Der Run auf alte Kunst ist eine Reaktion des 
unter der Technisierung leidenden modernen 
Menschen auf die Fließbandproduktion der Mas- 
sengesellschaft", versuchten Experten die Ent- 
wicklung theoretisch in den Griff zu bekom- 
men. Unter „normalen" wirtschaftlichen Ver- 
hältnissen ist eine Mischung aus einem gestei- 
gerten Verlangen nach sogenannten „bleiben- 
den Werten" und einem vernünftigen Anlagebe- 
dürfnis die Triebfeder für Sammeltötigkeit; in 
dieser besonderen Lage kam nun die Erkenntnis 
dazu, daß es bald kaum noch Antiquitäten ge- 
ben würde und daß daher Geld, in Kunst umge- 
setzt, immer nach sicherer liege als anderswo 
(freilich darf man dabei nie außer acht lassen, 
daß der sogenannte „Kunstwert" immer auf 
Konventionen beruht, auf Angebot und Nach- 
frage und vor allem darauf, ob ein Wirtschafts- 
system Kunst als Spekulationsobjekt anerkennt). 
In den dramatischen Krisentagen des Jahres 
1973 zeigte sich dann endgültig, daß alle recht 
behalten hatten, die schon vor Jahren als 
Sammler antiker Kunst wie gewisser „sicherer" 
Bereiche der klassischen Moderne und der Ge- 
genwart eingestiegen waren: Der Wiener Arzt 
Dr. Rudolf Leopold etwa brauchte für seine 
legendäre Egon-Schiele-Sammlung, offiziell an 
die 40 Ölbilder und zirka 200 Zeichnungen, die 
er größtenteils in den Nachkriegsjahren, oft für 
ein paar tausend Schilling, eingekauft hatte, 
nicht zu zittern. Schiele kletterte rapid. „So- 
theby's" brachte schon vor drei Jahren Schieles 
Ölgemälde „Die Freunde" („Tafelrunde") um 
2,3 Millionen Schilling unter den Hammer. Und 
in seriösen Galerien erhält man nun die Aus- 
kunft, daß auch die Preise für Spitzenaquarelle 
des Malers bereits der Millionengrenze entge- 
genschwanken. 
Aber auch Sammler anderer Kunst- und Kunst- 
gewerbebereiche kannten sich sicher fühlen: 
Etwa all die, die gläserne Jugendstilkostborkei- 
ten gehortet hatten, also die Vasen von Galle, 
Argy-Rousseau, Daum; die Sammler der Arbei- 
ten der Wiener Werkstätte; die Spezialisten für 
Zeichnungen, wie der vor kurzem verstorbene 
„Galerie-nächst-Sankt-StephaM-Gründer und 
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