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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIX (1974 / Heft 133)

. Österreichisches Museum für angewandte Kunst 
 
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Endphase „China-Ausstellung und Kunst! 
gewerbemuseum Schloß Petronell, älteste 
Außenstelle des Museums 
Das „Chinesische Frühiahr" im Museum herrscht 
nach wie vor auch in der Endphase dieser Monster- 
ausstellung. Als ob das varösterliche Treiben aus 
der Stadt tagtäglich mit einer Menschenschlange 
durch das weitgeäffnete Tor in das Haus einzieht. 
immer wieder anrollende Busse unter einem ganz und 
gar nicht musealgewünschten, seit vielen Wochen 
blauen Himmel, hektisches Entreefieber. Um Punkt 
"I0 Uhr trappelt tagtäglich der ungeduldige 
„Tausendfüßler" Publikum an. Das in dieser Form 
völlig ungewohnte pulsierende Leben im Museum 
stimmt auch den hier Tätigen nachdenklich. Sind 
diese Schätze aus China tatsächlich von so hoher 
Strahlkraft oder was ist es wirklich, was diese 
Schau so sensationell gut ankommen lüßt beim 
Publikum aus allen Breiten und Schichten? Wie 
werden wir uns nachher wieder im normalen 
Museumsalltag zurechtfinden? Erstere Frage wird 
sich wohl nie ganz treffend beantworten lassen, 
wenn man auch ganz allgemein sagen kann, daß 
alles Fernöstliche beim Europäer stets starke 
Faszination auszulösen imstande ist. Ist es die 
politische Begleitmusik, die da kontrastierend 
miteinwirkt? Eines scheint für die Zukunft speziell 
des Hauses sicher, man wird fürs erste auch die 
China-Schätze des Museums nun wieder in einem 
frischeren Licht sehen, ein neubelebtes Publikum, 
echt angeregt durch die ietzt ausklingende 
China-Ausstellung, schon Bekanntes mit neuen 
Augen betrachten. Aber nicht nur die ostasiatischen 
Sammlungen, das einzelne Musealobiekt als salches 
könnte in seiner vollen Bedeutung und seinem Wert, 
entsprechend neu eingeschätzt, Interesse erregen, 
wenn man mit möglichen neuen Methoden Nutzen 
aus diesem einmaligen Erfolg ziehen kann. 
Die zwar nicht räumliche, iedoch von Sache und 
Personal her totale Besetzung des Museums durch 
die Ausstellung „Archäologische Funde der Volks- 
republik China" brachte es nun auch mit sich, daß 
die Sammlungen und die Bibliothek des Hauses für 
die Öffentlichkeit während der Dauer dieser Aus- 
stellung und darüber hinaus bis Ende Mai gesperrt 
bleiben müssen. lm nächsten Heft wollen wir nach 
einmal über diese wirkliche Ausstellungssensation 
berichten, doch heute nur kurz den Besucherstand 
von bald 200,000 und die unerwartet hohen Verkaufs- 
zahlen des Kataloges, dzt. über 50.000, festhalten, 
was diese Ausstellung wohl als das bisher stärkste 
Ereignis auf diesem Sektor ausweist. Da uns hier 
Raum freibleibt für andere das Museum betreffende 
Obliegenheiten, möchten wir einmal etwas weiter 
zurückgreifen und die älteste Außenstelle des 
Museums zum Ansatzpunkt einer Rückerinnerung 
und Betrachtung machen. Wenn wir daran denken, 
wie zum erstenmal überhaupt die Idee aufkeimte, 
die Museen mit ihren angefüllten Depots neuen 
Destinationen zuzuführen, so kann die Errichtung 
des Kunstgewerbemuseums in Schlaß Petronell als 
erste Außenstelle des Österreichischen Museums für 
angewandte Kunst als Pioniertat per excellence 
i Kunstgewerbemuseum Schlaß Petronell 
Der Ahnensaal mit dem Reiterbildnis Graf Otto Ehrenreich I. 
(1644-1715) 
gelten. Dem Hausherrn, Otto Graf Abensperg- 
Traun, zufolge war dieses Schloß im Sommer l" 
praktisch eine Ruine. Schloßherr und Frau werc 
den ersten Rundgang durch das Schloß, wie sie 
selber sagen, nie vergessen: „Das Dach des N4 
traktes war durch Artilleriebeschuß weit aufgei 
die Decke des Freskensaales war zum Dachboc 
offen; es gab keine Fensterscheibe, keine Lam; 
und keine Türklinke. Die Kriegsfurie hatte ganz 
Arbeit geleistet. Eigentlich gegen alle Vernunft 
hatten wir damals gleich Hand angelegt und Jt 
für Jahr, Raum für Raum, wurden die schlimme 
Schäden beseitigt." So sprach es Graf Traun in 
Frühiahr 1965 aus, als das Schlaß, angereichert 
mit Obiekten des Stammhauses am Stubenring, 
Österreichischen Museum für angewandte Kunz 
seiner neuen Bestimmung übergeben wurde. 
Nächstes Jahr, 1975, feiert diese neue lnstitutii 
historischem Grund kopuliert das zehniährige l 
stehen. Anlaß genug, um gerade ietzt wieder, t 
das Kunstgewerbemuseum Schloß Petronell w 
anderen Außenstellen Schloß Riegersburg und 
Geymüller-Schlößl den Besuchern die Pforten t 
dessen zu gedenken, um es neuen Publikumskrr 
zu offerieren. Ist doch diese Landschaft an der 
Donau in letzter Zeit durch Schloß Rohrau mit 
Gemäldesammlung noch kunstträchtiger gewor 
so daß eine Fahrt den Strom abwärts sich wirk 
lohnt. Wenn wir es noch ganz kurz historisch 1 
streifen wollen, Petronell zählt ungeachtet der 
Zerstörungen des Türkeniahres 1683 und der d: 
im Gefolge auftretenden baulichen Veränderur 
zu einem der künstlerisch bedeutendsten Schlot 
bauten Österreichs in der zweiten Hälfte des 
l7. Jahrhunderts. Es war kein leichtes, Gesichts 
punkte zu finden, nach denen dieses schöne 5 
erbaut von Carlane, zu einem Kunstgewerbem 
umgewandelt werden konnte. Wenig sinnvoll i. 
es gewesen, diesem Haus in freier Landschaft i 
Wesen her die Strenge eines üblichen Museum 
verleihen, sollten seine Besucher doch in erster 
Linie eher neben Erholung und Entspannung K: 
auf leichtere Art „k0nsumieren" können. 5a Wl 
diese Außenstelle des Museums eine glückliche 
Verquickung von historischem Bauwerk und 
Sammelbeständen des Museums, die sich im Lc 
der Jahre einen festen Freundeskreis geschafft 
Wer einmal die kühl-propere Atmosphäre der 
Zimmer- und Gangfluchten mit ihren Vitrinenrt 
türnern durchwandert hat, dabei iene Entrückhe 
und Stille um sich, wie sie nur sehr alten, feste 
Bauten, eben Schlössern mit ihren so dicken 
Mauern, eigen ist, der wird, ganz ahne Zweife 
Abständen natürlich, immer wiederkehren, So t 
ienen Freunden des Museums, die über den er 
Wiener Kreis nicht hinausgekommen sind, gr 
so sie die Absicht haben, hinaus in die Natura 
fahren, doch einmal diesem „Museum auf dem 
Lande" einen Besuch zu machen. Wie gesagt, l 
feiert man in Petronell schon das erste Dezenr 
während das Stammhaus hier am Stubenring l 
Jahre alt sein wird. Leopold h 
2 Kunstgewerbemuseum Schlot} Petronell 
Der Festsaal gegen Norden 

	        

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