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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIX (1974 / Heft 134)

schickte der Kaiser in die Tropenwelt Mittel- 
amerikas, um die exotische Pflanzenwelt zu stu- 
dieren und seltene Exemplare für den kaiser- 
lichen Garten in Schönbrunn nach Wien zu brin- 
gen. Schon in der ersten Jahrhunderthälfte hatte 
die Einführung des Merkantilismus für Öster- 
reichs Handel und Industrie einen bedeutenden 
Aufschwung erbracht. Dieser wurde in der Ära 
Maria Theresias durch die Einführung neuer 
Zoll-, Handels-, Falliten- und Wechselordnungen 
ausgebaut. Durch dieGründung von Manufaktur- 
schulen, einer Realschule (1769) und einer Real- 
handelsakademie (1771) wurden geschulte Kräfte 
herongebildet, die für die mehr als 30 Fabriken, 
die es nach 1750 in Wien gab, sowie die zahl- 
reichen Neugründungen in den Erbländern drin- 
gend gebraucht wurden. 
Zu den Unternehmungen, die den merkantilisti- 
schen Tendenzen ihr Dasein verdankten, gehörte 
die im Jahre 1718 als Privatbetrieb eingerich- 
tete Wiener Porzellanmanufaktur in der Roßau. 
Im Jahre 1744, nach Ablauf der 25iährigen 
Schutzfrist, bot der verschuldete Unternehmer 
Claudius lnnocentius Du Paquier dem Staate die 
Manufaktur zum Kaufe an. Der Entschluß der 
Kaiserin, die Manufaktur zu übernehmen, ret- 
tete für Wien ein Unternehmen, das mit seinen 
Erzeugnissen nicht nur den glanzvollsten, son- 
dern auch den für die Rokokozeit typischsten 
Beitrag des Wiener Kunstschaffens erbrachte. 
Um den „neuen gout" der Rokakozeit, der sich 
vor allem in Frankreich in Gebrauchs- und Zier- 
geräten, bei allen Einrichtungsgegenständen, in 
der Dekoration der Innenräume sowie in den 
freien Künsten bereits durchgesetzt hatte, auch in 
Wien einzuführen, wurden Vorlagen und Mu- 
ster angeschafft, die nach dem neuen „styl 
rocaille" gebildet waren. Alle Geschirrformen 
und Geräte wurden jetzt mit der „Rocaille" ver- 
sehen, einer Ornament- und Zierform, deren 
Schnörkel sich zur Muschel-, Blatf-, Wellen- und 
Flügelfarm verwandeln kannten. Die Henkel, 
Ausgüsse und Deckel, die Sockel und Standplat- 
ten der Statuetten und Gruppen, aber auch die 
ietzt mit hellen Farben gemalten Ornamente und 
Kartuschen verwandelten sich zu solchen natura- 
listisch-bizarren Gebilden. in der Plastik domi- 
nierten die galanten Szenen, die Schäfer und 
Komödianten, das Gärtnervalk, die Bauern und 
immer wieder die „Kindln", einzeln und in Grup- 
pen, als Amoretten und Allegorien auf die Jah- 
reszeiten, die Sinne, die Künste und Wissen- 
schaften. Unter den geschidcten Händen der 
Wiener Modelleure, die alle von Rafael Donners 
Kunst beeinflußt waren, entstanden jene For- 
men, die die sanften, mitunter kecken, selten 
drastischen Ausdruckswerte bevorzugten. Die 
Porzellane dieser kaiserlichen Epoche der Wie- 
ner Manufaktur, die von 1745 bis 1770 währte, 
haben alle Eigenschaften, die dem „so zärtlich 
als edlen Felde des feinen Porzellans" zukom- 
men. Sie sind der lebendigste Spiegel der There- 
sianischen Zeit, in der iene milde Atmosphäre 
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