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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIX (1974 / Heft 134)

 
man gerade am Vergleich mit St. Florian am be- 
sten ermessen. Im Gegensatz zu dort gibt es in 
Kremsmünster kein so starkes Übergewicht des 
Barock und kein Monopol eines einzigen vor- 
dringlich vom Kloster beanspruchten Tischlers. 
Den Bauherren und Kunstmäzenen vom Rang der 
St. Florianer Pröpste Franz Klaudius Kröll (1700- 
1716) und besonders Johann Baptist Födermayr 
(1716-1732), der in allen Belangen der Künste 
ein nahezu hemmungslos verschwenderischer 
Auftraggeber war, kann keiner der Kremsmün- 
sterer Äbte des 18. Jahrhunderts an die Seite ge- 
stellt werden. Die Folge davan ist, daß der ge- 
wiß großartigen barocken Einheitlichkeit und 
Geschlossenheit St. Florians nun in Kremsmün- 
ster eine nicht minder eindrucksvolle Vielfalt 
gegenübersteht; hier hat der Barock niemals 
mit so radikaler Ausschließlichkeit in die Bau- 
substanz des Klosters eingegriffen, daß er die 
Zeugnisse früherer Kunstepochen weitgehend 
überlagert oder gar total verdrängt hätte. Auf 
das Mobiliar angewandt heißt das, daß sich in 
Kremsmünster seit der Spätgotik - wenn man 
ein geschnitztes Missalepult zu den Möbeln 
rechnet -, besonders aber von der Renaissance 
an eine kontinuierliche Reihe von, Beispielen 
erhalten hat, in der alle Epochen mit zum Teil 
einzigartigen Leistungen tischlerischen Könnens 
vertreten sind. Gerade der Manierismus und das 
frühe 17. Jahrhundert haben infolge des Auf- 
schwungs, den das Kloster unter den bedeuten- 
den Äbten Alexander a Lacu (1601-1613) und 
Anton Walfradt (1613-1639) im Zeitalter der 
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Gegenreformation erlebte, auch auf dem Möbel- 
sektor ein reiches Erbe hinterlassen. Soweit die 
derzeitige Forschungslage ein Urteil zuläßt, ist 
nirgendwo sonst die Abfolge der Stile so lücken- 
los dokumentiert wie in Kremsmünster. Auf die- 
ser Vollständigkeit beruht der exemplarische 
Wert der dortigen Möbelbestönde, deren heu- 
tige Existenz wir dem Maßhalten und der be- 
wahrenden Obhut der Äbte verdanken. 
Zur Veranschaulichung folgt nun eine Auswahl 
von Möbeln des 17. und 18. Jahrhunderts, die 
dazu dienen soll, unsere Kenntnis über die 
österreichische Spielart der jeweiligen europäi- 
schen Möbelstile zu vertiefen. 
Abb. 2, 3: Archivschrank. - Mitte 17. Jahrhundert. 
Ursprünglich ein Wandschrank. Der Sockel, die 
Lisenen, die oberen Friese und das Abschlußgesims 
bildeten einst den Türrahmen um die Mauernische, 
die den eigentlichen Ladenkasten enthielt und mit 
den beiden Türflügeln zu verschließen warf Als 
man sich vor einigen Jahren entschloß, den Wand- 
kasten zu einem frei stehenden Möbel urnzubauen, 
mußten die Seitenteile (Häupter) völlig neu ange- 
fertigt werden. Da die Front, die Türen und der 
Ladenkasten als die wesentlichen Elemente original 
sind, kann der Schrank sehr gut zur Veranschau- 
lichung eines frühbarocken Möbels dienen, wofür 
die Flamm- oder Rumpelleisten und das Knorpel- 
werkornament charakteristisch sind. Mit der Unter- 
teilung der Flächen in gerahmte Felder von ver- 
verschiedener Form, wie es besonders die Lisenen 
und die vargeblendeten Pilaster vom Sockel bis zu 
den Friesen zeigen, wird hier noch eine renaissance- 
mäßige Art der Wandgliederung beibehalten. Nuß- 
baumholz (auch die Ornamente), massiv oder als 
Schwarte verarbeitet. - H. 259, B. 206, T. 73 cm.
	        

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