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Volltext: Alte und Moderne Kunst XV (1970 / Heft 109)

idamals die goldene Medaille. Die gleichen 
Statuetten gibt es in gleicher Größe auch in 
Bronzeguß und in einer bisher unveröffent- 
lichten Sonderanfertigung in Silber, wobei 
Köpfe und Hände partiell aus Elfenbein ge- 
schnitzt sind (im Besitz des ehem. Königs 
von Italien). Bisher völlig unbekannt war, 
daß es von den in Bronze ausgeführten „Le 
jeu de l'e'charpe"-Statuetten Exemplare gibt, 
-die, elektrifiziert, genau wie die von Raoul 
Larche stammenden Loie-Fuller-Figuren als 
Tischlampen verwendet werden können. Ab- 
gesehen von ihrer ins Auge springenden 
ikonographischen Verwandtschaft bietet sich 
lcin Vergleich zwischen ihnen schon deshalb 
an, weil diese genannten Statuetten jeweils 
über eine geschickt montierte, indirekte Be- 
leuchtung verfügen, wodurch der damit ver- 
bundene illusionistische Effekt der Wieder- 
gabe der Vorführung einer bestimmten Tanz- 
szene bedeutend gesteigert wird. Es bedarf 
keines besonderen Hinweises, daß diese Lam- 
pen-Statuetten ohne das verpflichtende Vor- 
bild des Tanzes der Loie Fuller nicht denkbar 
sind. justus Brinckmann, der das in Sevres- 
Biskuit ausgeformte, vollständige Exemplar 
des fünfzehnngurigen Tafelaufsatzes für das 
Hamburger Museum erwarb, schrieb darüber: 
„Die Gewandmotive der in den mannig- 
fachsten Stellungen sich bewegenden Mädchen 
sind nicht der antiken Frauentracht entlehnt, 
sondern freie Umbildung moderner Tracht 
und erinnern, wie insbesondere die Schleier- 
schwingerinnen, an Bühnen- und Gesellschafts- 
tänze unserer Zeit, wie sie durch Walter 
Cranes Anregung in England zuerst in Auf- 
nahme gekommen und seither durch die Loie 
Fuller und anderer Aufführungen überall be- 
kannt geworden sind"15. Damit ist auch das 
Kleid unserer „The Spirit of Ecstasy"-Figur 
mit seinem zeitlosen Charakter ikonographisch 
hinreichend erklärt, ein Gewand, wie es die 
Tänzerinnen jener Zeit trugen. Von diesem 
französischen Vorbild des „Le jeu de Pecharpe" 
unmittelbar inspiriert, zeigt sich eine wenige 
Jahre später von der Londoner Bildhauerin 
Ruth Canton geschaffene „Skirt Dancer"- 
Silberstatuette, die in „The Studio" (1906) 
mit diesen Worten charakterisiert ist: (she) „is 
admirable in rnovement, grace of line, and 
elegant in pose" Z6. 
Wir müssen uns an dieser Stelle noch einmal 
mit Loie Fuller beschäftigen. Auf der Höhe 
ihres Ruhmes stehend, hatte sie sich 7 nicht 
weit von dem Pavillon A. Rodins entfernt - 
auf der Pariser Weltausstellung 1900 ein 
eigenes Gebäude errichten lassen. Dieser Pa- 
villon (Abb. 29) wurde von dem sehr be- 
deutenden Art Nouveau-Architekten Henri 
Sauvage (1873-1932) erbaut. Wie das nicht 
erhaltene Atelier „Elvira" (1896 von August 
Endell in München errichtet) 17 war es ein 
Hauptbeispiel der europäischen Art Nouveau- 
Architektur. Der Loie-Fuller-Pavillon ist im 
gleichen Maße wichtig für die Gattung der 
Bildhauerarchitektur wie für die der „archi- 
tecture parlante", wobei zu beachten ist, in 
welchem Maße bei seiner Dekoration abstra- 
hierende Tendenzen vorhanden waren. Von 
der Idee des Gesamtkunstwerkes ausgehend, 
ist der Gedanke zu verstehen, daß nach den 
zeitgenössischen Berichten farbige Glasfenster 
28 
einzelne Phasen des Fuller'schen Tanzes zeig- 
ten. Die langgestreckte Wand der als Hoch- 
relief stuckierten Vorderfront des Pavillons 
rief die Illusion rhythmisch auf- und ab- 
schwingender, wellenförmiger Schleier hervor. 
Es sind dieselben Schleier, mit denen die 
Künstlerin bei der Vorführung ihrer Tänze 
im Inneren des Gebäudes sich drapierte, sie, 
die selbst eine bedeutende Attraktion der 
Pariser Weltausstellung 1900 war. In ver- 
gänglichem Material, das die Ausstellung nicht 
überdauertc, wurde von einem Schüler von 
A. Rodin, von dem bereits oben genannten 
Bildhauer Pierre Roche17, eine - den alten 
Abbildungen nach zu schließen - impo- 
nierende Dachplastik auf dem Pavillon an- 
gebracht, das „Couronnernent" (Abb. 30), wie 
es zeitgenössisch heißt. Es war direkt über 
dem Eingang angebracht, der beiderseits von 
zwei ebenfalls von P. Roche modellierten 
Karyatiden flankiert war, ein Motiv, das 
offensichtlich auf  Goujon zurückgeht. Sie 
stellten gleichfalls Tänzerinnen dar. Das 
„Couronnement" zeigte die Tänzerin Loie 
Fuller in wehendem Gewand, in einer für sie 
äußerst charakteristischen Tanzpose (Abb. 31). 
Wenn man einmal von den unterschiedlichen 
Größendimensionen, dem andersartigen Ma- 
terial sowie von dem divergierenden Ver- 
wendungszweck absieht, so ist hier eine direkt 
in die Augen springende, verblüffende Ähn- 
lichkeit der Situation gegeben, so wie sie für 
Charles Sykes entstand, als er den Auftrag 
erhielt, das Mascot für die Kühlerfront des 
Rolls-Royce zu modellieren (Abb. 32734). 
Entsprechend ihrer jeweiligen Verwendung 
stimmt die Komposition der beiden miteinan- 
der verglichenen Skulpturen auch insofern 
typusmäßig völlig damit überein, als sie beide 
auf drei Ansichtsseiten hin gerichtet sind. 
Wir möchten so vermessen sein und glauben, 
daß wir hier wider Erwarten das bisher un- 
bekannte, unmittelbare Vorbild für das von 
Charles Sykes modellierte Werk gefunden 
haben. Vorauszuschicken ist dabei noch, daß 
sowohl ihm wie seinem Berater Lord Montagu 
diese an zentraler Stelle der Pariser Welt- 
ausstellung zu besichtigende Loie-Fuller-Skulp- 
tur aus persönlicher Anschauung zweifelsohne 
bekannt warlß. Von R. Marx wurde diese 
für die Weltausstellung modellierte Plastik 
mit folgenden Worten beschrieben: „Quelle 
comprehension de Padmirable modele s'atteste 
encore dans cette statue qui domine l'entre'e 
et dont Yelan est si entrainant qu'on dirait 
d'elle un grand oiseau battant l'air de ses 
ailes et prenant son vol. j'aime cette plastique 
expressive du corps et de la draperie unis 
dans le rythme du geste; les Grecs n'y eussent 
pas contredit, 21 en juger d'apres la Victoire 
de Samothrace, et Patticisme affine de M. Pierre 
Roche a1 point se verifie." Um das geistige 
Ambiente dieser Kunstlandschaft des Art 
Nouveau richtig zu charakterisieren, in dem 
das Mascot von Rolls-Royce beheimatet ist, 
bleiben uns nur noch einige ergänzende Worte 
zu zitieren. Sie stammen von der großen 
Konkurrentin der Loie Fuller, der ebenfalls 
aus Amerika gebürtigen, weltberühmten Tän- 
zerin Isadora Duncan (1878-1927). Sie 
kam 1899 nach Europa und machte im Jahre 
2a 1mm 11111111, Die Tänzerin Loie 11111101 iii der 111,11: der 
Salome, 11101. 11101111, H ss C111. P1111, Musee des Art 
13210111111 (lHV. Nr. 27955) 
21 11.111111 Lerche (1860-1912), Die Sclilcicrtänzcrin 1.016 
P1111" iii a" Rolle 11:1 51101111. 1901. 131111111, fentrvügüldti, 
345x111 cm. Wien. Slg. Ing: 1111111110111 
211 111111111 Larchc, 1111.- Schltißriänlviin Loie um" i11 sei 111111: 
aei Salome, 1901. Bronze, feuervcrgoldcr. 45x27 C111. - 
Glßßerlnarktl Siol-Dccauville. Kassel. Staatliche 11111111- 
Silmmlllng (11111. Nr. 1968129) 
211 1-111111" Sanvage (1013-1932), 111-1- ,Loie-Fuller-Pavillon"', 
1900, 0111101311111". Ehemals P1111, WClKlllSStCllllng 1900 
30 Pierre Rache, m1 "l-oie-Fuller-Pavillon". 1900 7 "Couron- 
1121111111". 12111-111111 111111, Weltausstellung 1900 
ANMERKUNGEN 2' 7 30 
15 j. Brinckmann, Die Ankäufe auf der Weltausstellung, Pnrix 
1900, Hamburg, 2. AuiL, 1901, S. 36. 
16 The Studio, Vol. Vlll, 1906. S. 169 mit den Abb. aufS. 168. - 
Th. B. V, S. 528. 
17 Th. . XXVlll. S 448. 7 Eine Tcrrakoltastatuetle der 
Tänzerin Laie Full angeblich im Milscinn in TourS. isi 
dort unbekannt, wie mir freundlicherweise brieflich H11!- 
geleilt wurde. 1'. Koche schuf bcrnerkeniwerterweise die 
Illustrationen zu dein Werk von R. Marx. Une Renovalritv 
de la Dansr: Mill Loie Fuller, Paris 1904. 7 P. Rochc, U11 
Artisie Dücortitenr, la Loie Fuller, in: L'Art Decoralif, 10. 
1908, S. 167. 7 Lit. nach Ch. Thon. a.a. 0., 5.35 (vgl. 
unsere Anmerkung 19). - Leider 1111-111 ziigangiit-ii wiimi 
mit die Memoiren der Loie Fuller (mit einem Vnrworl 
von Anatolc Franco. Librairie Felix juvcn. Paris 1908), in 
denen sie über 15 Iahrc ihres Lebens berichtet. Vgl. dazu: 
A. M. Haminaclier, Die Welt Henry van de Veldcs. Kbln 
1967 (dr. Ausg.). S. 5911. mit Abb. 66. M. Rhcims. 
Kunst um 1900, Wim-München 1 a. S. 32 (mit Abb. 11) 
bzw. S. 35 (mit Abb. 39), S. 189 (mit Ahh. 5), S. 537 (inii 
Abb. 537). 7 M. HaircrSbY. "The Divine Loie", The World 
01' Art Nouveau, London 1968. S. 1.59 173, 7 Exposition 
Art Nouveau 4.-23.11.1968, Grand Maguin Seibu de 
Shibuya Tokyo, Nr. 55, 140, 141, 144. 7 R. Barilli. Art 
Nouveau, London-New York-Sydncy-Toronio 1969, S. 145 
(mit Abb. 67). 
15 l . Marx, Lii Dücorulion cl les Industrie: d'Art i! Plixpnsition 
Universelle de 1900, Paris 1901, p. 20 23 mit den Abb. 
1 und 23 
. Cnig, Towrirds a new tlieatrc. Forty designs for singe 
S nes with rriiicul notcs, London-Toronto 1913, S. 41! mit 
Abb.  (iregnr, Edward Grirdoli Craigs Hamlet, in: 
Phaidros, l, 1947, S. 1537176. 7 G. Nash. Edward Gordon 
Craig 187271966 (Largc Picturc Book Nr. 35. Victorizi und 
Albert Museum). London 1967. S. 12. 
39 The Dante of rhe Future. Eint Vorlesung. Ubersctzt und 
eingeleitet von Kai] Federn. Leipzig 1903 (2. A011. 1929). 
5.44145 
 
   
 
 

	        

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