MAK

Volltext: Alte und Moderne Kunst XIX (1974 / Heft 134)

Oskar Holl 
Schönheit, die aus 
Anständigkeit entsteht 
Zu der Ausstellung „Die Shaker. Leben und Produktion einer Kommune in der Pionierzeit Amerikas", Wien, 
Museum des 20. Jahrhunderts, 17. Juli bis 11. August 1974 
Woran liegt es, daß eine Ausstellung eines guten 
Hunderts einfacher Geräte und rund dreier Dut- 
zend Fotografien international Aufsehen erregt? 
„Sollte es möglich sein, daß plötzlich Schönheit, 
eine unzerredbare Schönheit alltäglicher Dinge, 
sinnlich augenfällig, aber in ihrer Erscheinungs- 
vielfalt und Stetigkeit der Qualität zunächst un- 
erklärlich, ...einen überdurchschnittlichen Auf- 
merksamkeitswert erhält . . .?" fragt Georg Ram- 
seger in der „Basler National-Zeitung" und fin- 
det zu dem Schluß: „Das Wunder ist: wir wer- 
den von der Güte der Arbeit so drastisch über- 
fallen, daß wir umweglos die Güte der Hände 
fühlen", die das geschaffen haben. Francois 
Bondy schreibt in der „New York Times": „At a 
time in prosperous Eurape when the 'limits af 
growth' and the 'end of wastefulness' are nat 
mere slogans but are part of reality, the obiect- 
world of 'Die Shakers' seemed ta have a mes- 
sage for capitalists and socialists alike who, so 
far, have been only visualizing, in their different 
ways, a hedanistic future." - Eine Vielzahl ver- 
gleichbarer Pressestimmen ließe sich noch an- 
fügen, allen gemeinsam ist ein Staunen, das mit 
der uns anerzagenen Form von Zweckrationali- 
töt nicht aufzulösen ist. So als ob unsere markt- 
wirtschaftliche, auf Konsum programmierte Ge- 
sellschaft nicht zuviel, sondern zuwenig rational 
wäre. Mystik des Marktes, Zauberlied der kapi- 
talorientierten Werbung kontra radikale Ein- 
fachheit einer gesellschaftlichen und wirtschaft- 
lichen Utopie - nämlich der Lebensform der ame- 
rikanischen Shaker. 
24 
 
Wie so häufig bei betonter Einfachheit ist es 
nicht damit getan, die einfachen Dinge für var- 
aussetzungslos zu halten und dann - wie man es 
von einem Bericht über Kunstgewerbe erwartet- 
gleich zur Obiektbeschreibung überzugehen. 
Diese Aufgabe haben die bisher über die Shaker- 
ausstellung erschienenen Artikel gut bis vorzüg- 
lich gelöst. Hingegen ist es noch nötig, einige 
Hintergründe und Zusammenhänge amerikanisch- 
europäischer Kulturgeschichte zu beleuchten, die 
dem Betrachter der Ausstellung wohl nicht so 
geläufig sind. Darauf möchte sich der folgende 
Beitrag konzentrieren. 
Utopische Gemeinschaften in den frühen 
Jahren Amerikas 
Der alte Goethe, den das gesellschaftliche Expe- 
riment der Vereinigten Staaten vielfach beschäf- 
tigt hat, schrieb in dem Gedicht „Den Vereinig- 
ten Staaten" (1827) die Zeilen: 
Amerika, du hast es besser 
Als unser Kontinent, das alte, 
hast keine verfallenen Schlösser 
Und keine Basalte. 
Die darin enthaltene Ansicht, nämlich daß die 
USA nicht wie Europa den Ballast der Ge- 
schichte mit sich trügen, wurde zu so etwas wie 
einem Gemeinplatz. Dabei hält diese Meinung 
einer Nachprüfung keineswegs stand: Gerade in 
der Entstehungszeit und in den ersten Jahrzehn- 
ten sind die Vereinigten Staaten mit den Folgen 
der Geschichte der Alten Welt aufs engste ver- 
'I Der charakteristische Rundtanz der Shaker, 
der Mitte ein Chor. Der Stich gibt zugleich ein 
Eindruck von der Raumwirkung der Versam 
lungshäuser, in diesem Fall des Gemeindehaus 
von New Lebanon, Mitte 19. Jh. 
2 lSgäglung der Shaker in Enfield, Connectic 
3 Halle des Center Family-Hauses in Pleasant H 
lfßäafklllCky, erbaut von Micaiah Burnett, 1824 I 
Anmerkun en l-7 
' National- eitung, U. 3. T974. 
2 New York Times, 23. 3. 1974. 
JV I. Richard Fairfield, Communes USA. Baltimore, h 
i??? (Penguin Books, 3489), S. 9. 
'Max Weber, Die protestantische Ethik und der Geist 4 
Kapitalismus. ln: Max Weber, Gesammelte Aufsätze 
Religionssoziologie I. Tübingen 1934. 
ß München W63. 
'Jeffersan ist der Erbauer des Stute Capitol van Virgii 
in Ridnmond, des ersten der vielen antikisierenden P 
lamantsgebäude der USA. 
7 Günter Bandmann, Mittelalterliche Ardiitektur als i 
deutungsträger. Berlin W51.
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.