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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIX (1974 / Heft 134)

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bunden, werden sie doch über den politischen 
und zwischenstaatlichen Bereich hinaus von den 
Erwartungen ihrer Bewohner bestimmt. Diese Er- 
wartungen sind in vielem das Gegenbild iener 
Erfahrungen, welche die Einwanderer aus Europa 
mitgebracht haben. Schon mit der ersten Ansied- 
lung puritanischer Dissidenten, der legendären 
Pilgrims von der „Mayflawer", wird die iunge 
Kolonie zum Ansatz einer religiös-politischen 
Utopie, und es ist bezeichnend, daß aus dem 
puritanischen Staat Massachusetts bald wieder 
Unzufriedene auswandern: Sa entsteht die erste 
Tochterkolonie mit religiöser Freiheit, „Rhode 
lsland and Providence Plantation", also auf den 
Namen der Vorsehung getauft. Diese Kolonie 
gewährte schon 1657 englischen Quäkern Schutz 
und wurde im Jahre 1776 als erster der 13 Grün- 
derstaaten der USA eine Republik. Aus der Ge- 
meinschaft der Quäker stammte auch die 1774, 
also mitten in den Aufbruchsiahren der amerika- 
nischen Geschichte, in die Neue Welt einge- 
wanderte Begründerin der Shaker, die Englän- 
derin Ann Lee. 
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Eine Avantgarde des Zeitbewußtseins 
Gerade die erste Phase der Einwanderung, nach 
unter britischer Herrschaft und bis etwa 1800, ist 
ein Aufbruch des Religiösen ebenso wie eine 
Neuerung der Gesellschaft. Die Mennoniten, die 
Amish [ursprünglich Pfälzer Protestanten), die 
„Hutterer",'die Mährischen Brüder, die Quäker 
und mit diesen andere britische Nonk0nfarmi- 
sten - diese Namen seien nur als Beispiele ge- 
nannt. Wie in dieser noch wenig differenzier- 
ten Bewußtseinslage üblich, ist Religion ein Kon- 
tinuum weltanschaulicher, gesellschaftlicher und 
politischer Vorstellungen. Keine Frage, daß hin- 
ter den meisten genannten religiös-politischen 
Bewegungen der philosophische Rationalismus 
und die Aufklärung Europas stehen. Verglichen 
mit den Entfaltungsmöglichkeiten der in Europa 
Verbliebenen, ist es in der Tat eine Avantgarde 
des Zeitbewußtseins, die da nach Amerika ge- 
kommen ist. 
Und schon bildet sich die erste radikale gesell- 
schaftliche Utopie, die religiös-kommunistische 
Gemeinsrhnft rlnr Fnlnrnfnra riii: lmwnirhnanrler. 
schiebung zu beobachten: so als ob Weber den 
wirtschaftlichen Aspekt im Auge gehabt hätte. 
Indessen handelte es sich vornehmlich um einen 
Beitrag zur Religionssoziologie, um Deutung der 
religiösen Grundlagen und nicht des kapitalisti- 
schen „Systems". 
Neben dem puritanischen ist noch ein anderer 
Einfluß auf Amerika wesentlich für das Bild der 
Zeit: die Natürlichkeitslehre Rausseaus sowie die 
von Beniamin Franklin und vor allem von Thomas 
Jefferson rezipierte Aufklärung. Beides hat sich 
so tief und unverwischbar in das Natianalbewußt- 
sein der USA eingeprägt, daß Ralf Dahrendarf 
eine Soziologie der heutigen USA unter den 
Titel „Die angewandte Aufklärung" stellen 
konnte,- die USA sind bis heute von den Gedan- 
ken des philosophischen 18. Jahrhunderts inspi- 
riert. Nicht ausreichend bekannt in Europa sind 
ferner das Wirken Jeffersons, des Hauptautors 
der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, 
bei der Rezeption antik-republikanischer Ideale 
in das Staatsleben der USA und, damit zusam- 
menhängend, die von ihm bewußt vorgenom-
	        

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