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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIX (1974 / Heft 134)

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der zu Lebzeiten bereits erreichten Vollkom- 
menheit auch ihre zölibatöre Haltung begründet; 
es wäre nicht falsch, von dieser Gemeinschaft als 
von einem Doppelarden zu reden. Auch diese 
Leibteindlichkeit paßt in das Bild der puritani- 
schen Moral. Hier sei lediglich darauf hingewie- 
sen, welche Kräfte der Protestantismus in den 
Menschen durch weitgehende Tabuisierung des 
Sexualtriebes gelenkt hat; Arbeitsgebot, Rein- 
lichkeitsgebot, Besitztrieb, Ordnungsgebot. Alle 
diese Vorschriften finden sich in verstärkter Form 
in den Regeln und Gebräuchen der Shaker. Man 
muß auch zur Kenntnis nehmen, mit welchem 
Verzicht die sozialen und zivilisatorischen Lei- 
stungen der Shokergemeinschaft erkauft wur- 
den. 
Die Shaker in ihrer kulturellen Eigenwelt 
Der besondere Beitrag der Shaker zum kulturel- 
len und zivilisatorischen Experiment des Gemein- 
schaftslebens scheint weniger der entschiedene 
Kommunismus auf biblischer Grundlage gewesen 
zu sein als vielmehr die soziale Konvergenz, also 
das positive Eingehen auf den Mitmenschen, und 
die große Aufrichtigkeit, die als richtig erkann- 
ten Prinzipien bis in die feinsten Einzelheiten des 
Alltagslebens hineinwirken zu lassen. Mag es 
noch zweifelhaft bleiben, ab das Zusammen- 
leben der Shaker - immer waren mindestens 
zwei beisammen, die einander gegenseitig zu 
überwachen hatten - so frei von unterbewußten 
Spannungen war, so ist doch unbestreitbar, daß 
nach allen Berichten zeitgenössischer Beobachter 
Klarheit, Nützlichkeit, Sparsamkeit, Einfachheit 
und Zweckmäßigkeit den Alltag der Shaker be- 
stimmten und die Heiterkeit und Ruhe in den 
Shakersiedlungen die Gäste überraschten (Abb. 2 
und 3). 
Das aktualisierte Himmlische Jerusalem 
In diesem Stadium der Überlegung drängt es 
sich freilich auf, endlich die Geräte und Ge- 
brauchsgegenstände zu betrachten, die die Gei- 
steshaltung der Shaker sinnfällig wiedergeben. 
lhrer Lebensform gemäß benötigten die Shaker 
in ihren Siedlungen große Wohnhäuser, denn 
je 70 bis 80 Mitglieder, manchmal auch mehr, 
lebten nach Geschlechtern getrennt in sogenann- 
 
ten Familien zusammen. Betrachtet man die vor- 
züglichen Architekturfotas der Ausstellung, dann 
wird klar, daß nicht das koloniale Herrschatts- 
haus der Ausgangspunkt der Bauweise war, son- 
dern das Blockhaus (mit Kaminen an beiden Gie- 
beln wie das englische Bauernhaus) und die für 
Amerikas Farmlandschaften später so charakte- 
ristisch gewordene Scheune mit abgewalmtem 
Dach. Symmetrische Grundrisse, einfache Farb- 
gebung innen und außen, ein Minimum an Mö- 
beln, mönchisch schmale Betten künden von der 
selbstauferlegten Einfachheit. Die Farbe Weiß 
ist allein den Versammlungshäusern vorbehalten. 
Statt Schmuck und Zierat: Betonung der Propor- 
tionen, an einer Treppe etwa Hervorheben der 
geometrischen Funktion (Abb. 4); wohlabge- 
stimmt die Farbwirkung in den Versammlungs- 
räumen: weiß die Wände, blau das Gebälk und 
rötlichgelb die Böden ". 
Berühmt geworden ist der runde Stall von Han- 
cock, 1826 (Abb. 6), mit seinen drei Arbeitsebe- 
nen Heuboden, Kuhhaltung und Mistabfuhr, 
selbst die Entlüftung durch eine zentrale Laterne 
ist nicht vergessen. 
Der Hausrat der Shaker mochte sich anfangs 
nicht von dem anderer Landbewohner unter- 
schieden haben; heute noch zeigt so manches 
amerikanische Museum Wohnkultur der Pioniere, 
Möbel von ähnlich einfacher Art. Bald aber ge- 
hen die Shaker eigene Wege: Stühle werden so 
niedrig und leicht konstruiert, daß man sie 
außerhalb der Mahlzeiten unter die großen 
Tische stellen, beim Hausputz an die Wand hän- 
gen kann, und zwar an die berühmte „Shaker- 
leiste" (Abb. 7). Ferner haben die Shaker nicht 
den charakteristischen Sinneswandel von der 
Manufaktur zur industriellen Massenproduktion 
mitgemacht, bei ihnen wirkte sich der Fortschritt 
der Technik nicht in Massenproduktion, sondern 
in der Verfeinerung und Vervollkommnung für 
richtig erachtete Grundkonzepte aus. Selbst die 
Schlichtheit des besten handwerklichen Bieder- 
meiers wird hier übertroffen, in allem, was Klar- 
heit und funktionelle Durchsichtigkeit betrifft. 
Nicht traditionelle Formen, sondern physikalische 
Notwendigkeiten, das Spiel von Zug- und Druck- 
kräften, scheinen die Gestaltung zu bestimmen. 
Dabei waren die Shaker, etwa im Gegensatz zu 
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