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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIX (1974 / Heft 134)

 
gehen, um zu sehen „was dahinter" ist. 
Einen ähnlichen Weg hat Hans Hollein auf der 
Triennale 1968 in Mailand beschritten. Vor einer 
Reihe von Türen mit parallelen Korridoren mußte 
sich der Besucher entscheiden. Eine Tür mit vielen 
Klinken, von denen nur eine öffnete, ließ den, 
der eintreten wollte, überlegen, probieren. In 
einem schmalen Gang, mit leicht gewellten ln- 
nenwänden, analog der Bevölkerungszunahme 
bis zum Jahr 2000,wurden einem das Durchgehen 
und die Enge bewußt gemacht. Immer wieder 
mußte sich der Besucher entscheiden, mußte 
aktiv sein, sich betätigen und bekam einen Denk- 
anstoß. Eine fast alle Triennalebesucher erfassen- 
de Aktion war die Österreichbrille. Alle 15 Se- 
kunden wurde van einer Maschine eine Brille 
gegossen und diese wurde den Vorbeigehenden 
geschenkt. In allen Abteilungen und auch in der 
Stadt liefen die Menschen mit dieser rot-weiß- 
roten Brille herum, so eine Botschaft weiter- 
tragend. Vielleicht war es auch eine Art Maskie- 
rung, wie die Sonnenbrillenmode oft Maskierung 
ist. Die Gelegenheit einer internationalen Schau 
wurde hier iedenfalls ergriffen, um die Passiven 
zu aktivieren. 
Hollein hat aber auch an anderen Orten die 
Möglichkeit des Mit-Tuns geschaffen, so etwa in 
einer Ausstellung im Städtischen Museum 
Mönchengladbach. Er baute dort ein „Archäolo- 
gisches Grabungsfeld", in dem die Besucher 
schaufeln konnten und dabei Funde machten. 
Zum Tun will uns auch Cornelius Kolig mit vie- 
len seiner Obiekte anregen. Schon vor Jahren 
bot er einen Koffer mit Bestandteilen an, die der 
Besitzer nach seinen Kombinationen zu einer 
Plastik zusammensetzen, wieder auseinander- 
nehmen und wieder anders konstruieren kann. 
In der letzten Ausstellung im Museum des 20. 
Jahrhunderts zeigt Kolig Behälter voll kleiner 
Kügelchen, in denen man wühlen kann, zum 
Abstellen neben Sitzmöbel, Ständer mit Holz- 
knäufen, die sich bewegen und mit denen die 
Finger spielen können. 
Wo bieten sich aber hauptsächlich alle diese Ge- 
legenheiten? „Die Galerie ist der Aufmerksam- 
keitsrahmen, der dem Künstler mit seinen räum- 
lichen Bedingungen die Veröffentlichung seiner 
Ideen ermöglichtw, schreibt P. Weiermair in 
einem diese Fragen behandelnden Artikel. Wer 
geht aber in die Galerien? Wieder nur die 
„Eingeweihten"l P. Henisch schrieb einmal einen 
Text, in dem der Satz vorkommt: „literatur für 
literaten die literaturzeitschriften lesen". ln der 
bildenden Kunst liegen die Dinge nicht viel an- 
ders. Haben die Aktionen O. Mühls iemanden 
aktiviert? Wer baut sich seine Obiekte immer 
wieder um? 
Da und dort gab es in Österreich den zaghaften 
Versuch eines Happenings, die Aufforderung 
eines Aktionsmalers zur Publikumsbeteiligung. 
Sehr früh war auf letzterem Gebiet H. Staud- 
acher tätig. In Höfen, bei Hausabbruchstellen 
oder anläßlich einer Autorenlesung in einem 
Vortragssaal zelebrierte er seine spontanen 
Malereien. Meist war der Schauplatz freilich ein 
Ausstellungsraum, die Beteiligten Freunde des 
Künstlers. Ähnliches gilt von den Aktionen der 
Gruppe Hausrucker und Co., über die von G. 
Mayer in dieser Zeitschrift berichtet wurde". 
Eine größere Breite, weil die einfachen Leute in 
Biergärten, bei Badeteichen und auf Ausflug- 
plätzen erreichend, mit weniger Anspruch auf 
u IVlUIUKIIUII Haus uluuuuulcl ... 1.45! LIIILVI 
Galerie 
9 Schüttelsieb-Anmalaktion des Malers Frai 
lan Wirth, 1973 
10 Putzmühlen-Anmalaktion des Malers Frai 
lan Wirth, 1973 
 
Anmerkungen 6-9 
'P. Weiermair, Anmerkungen zur 
Emanzipatir 
Kunst, in An..- und moderne Kunst, m. 121, s. so. 
r P. Henisch, literatur, in Konfigurationen 70, s. 76. 
' G. Mayer, Aufforderung 1..... Träumen, in A 
moderne Kunst, Nr. 132, s. 32. 
' K. Sotriffer, a. a. 0., s. 71.
	        

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