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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIX (1974 / Heft 136 und 137)

selben Künstler. Außerdem findet überhaupt in 
der Themenstellung der Aufträge eine deutliche 
Verschiebung zugunsten der Einzelgruppe und 
später vor allem zum Kleinkunstwerk statt, was 
die Auswahl der Obiekte aus dern 18. Jahr- 
hundert für die Ausstellung sehr erleichterte. 
War es doch weitaus seltener notwendig, Einzel- 
werke aus ihrem unmittelbaren architektonischen 
Zusammenhang zu reißen. Gerade das Studium 
dieser oft besonders köstlich ausgeführten Klein- 
kunstwerke, u. a. auch der Krippenfiguren, bil- 
det den Houptreiz des Abschnittes über das 
18. Jahrhundert in der Ausstellung, in dem das 
Weiterwirken von Thomas' Entwürfen und Grund- 
konzepten und die Erweiterung dieser Grund- 
lagen durch neue Einflüsse ebenso wie ihre 
Veränderung durch den Zeitstil in den mannig- 
faltigen Erzeugnissen der Schwanthaler-Werk- 
stätten anschaulich gemacht wird. Joh. Franz 
nimmt nach einer glatteren und flacheren Pe- 
riade in seiner reifen Zeit viele Formprinzipien 
seines Vaters wieder auf, nur weicher, empfind- 
samer in der Grundhaltung und zarter, aber 
mit tiefen Unterschneidungen und malerischen 
Licht- und Schottenwirkungen in der Ausführung, 
vor allem der Gewandpartien. Ein besonders 
schönes Beispiel dafür ist die Gestalt der hl. Mar- 
garetha aus Wippenham (Abb. 7,8) (Kat.-Nr.149]. 
In seinen Gruppen lockert er die kompakte Kom- 
position von Thomas durch das Einbeziehen des 
Luftraumes zwischen den Figuren auf, so bei der 
Verkündigungsgruppe aus Hohenzell (1732) (Kot.- 
Nr. 141), bei den bewegten Tabernakelgruppen 
wie in Waldzell (1721) (Kot-Nr. 139) oder bei 
der schönen Taufgruppe von Ottnang (Abb. 4) 
(Kot.-Nr. 148), zu der die von Thomas im Jahre 
1675 für Mehrnbach geschaffene ein gutes Ge- 
genbeispiel bildet (Abb. 3) (Kot-Nr. 35). Sein 
Enkel Joh. Peter löst dann die Gesamtkompo- 
sition weiter auf, so daß oft statt der formalen 
Beziehung der Figuren zueinander nur die Blick- 
richtung den wahren Zusammenhalt bildet, wie 
in der Tabernakelgruppe des Rieder Hocholtares 
(Kat.-Nr. 175) oder bei der reizenden kleinen 
Verkündigung in Wiener Privatbesitz (Kot.-Nr. 
217). lm Alter wird Joh. Franz' Stil müder, die 
Falten zockiger, wie im Gnadenstuhl von Haag- 
Huntassing (Kat.-Nr. 152], vielleicht schon unter 
dem Einfluß seines Sohnes Joh. Peter, der sicher 
schon seit der Jahrhundertmitte in der Werk- 
stätte des Vaters mitarbeitet (was Zuschreibun- 
gen sehr erschwert). Von Joh. Peter, der 1758 
noch bei Lebzeiten des Vaters die Werkstätte 
übernimmt, stammen die meisten erhaltenen 
Schwanthaler-Arbeiten. Er muß bis ins Alter un- 
erhört fleißig gewesen sein, haben wir doch 
gerade aus den Jahren 1784 und 1785 eine 
Reihe van besonders schönen Werken von ihm 
erhalten, so die beiden Gruppen Anna mit Ma- 
ria und die Pietä in der Pfarrkirche von Ried 
(Abb. 6, 15) und zwei sehr ähnliche Madonnen- 
statuen, eine sitzende und eine stehende, in 
Altheim und Reichersberg. Das großangelegte 
Krippenwerk in Pram, eine der schönsten Dar- 
stellungen dieser Art in Österreich,scheintihn vom 
Jahre 1777 an (Dotierung am zugehörigen Ka- 
sten der Geburtsdarstellung] bis ins hohe Alter 
beschäftigt zu haben (Kot-Nr. 197). Viele Figu- 
ren zeigen deutlich den Stil der 1792 datierten 
und signierten Hauskrippe aus Ried (sogenannte 
„Köglkrippe", Kot-Nr. 180). 1795, drei Wochen 
vor seinem Tode, quittierte er noch die Rechnung 
für die Figuren des Hocholtares von Peters- 
kirchen. Er und sein Neffe Joh. Georg in Gmun- 
den haben nicht nur neben einer Anzahl von 
mittelgroßen Figuren für Kircheneinrichtungen, 
Kleinreliefs, Kleingruppen und der Gmundner 
vor allem auch im Detail gut beobachtete und 
reizvoll gefaßte Tier- und Krippenfiguren hinter- 
4 
lassen (Abb. 16), beide haben auch bewußt 
auf Werke ihres großen Ahnen Thomas zurück- 
gegriffen und diese, in zarte Rokokoformen um- 
gesetzt, im Kleinstformot wiederholt: Joh. Georg 
z. B. die Mittelfiguren des Gmundner Hoch- 
oltares, eine Anbetung der Könige (Kat.-Nr. 261), 
Joh. Peter die Ölberggruppe (Kot-Nr. 193) und 
in einer auch fassungsmäßig besonders delika- 
ten Ausführung die Michaelsgruppe des Reichers- 
berger Brunnens (Kot-Nr. 200, Abb. 1). Damit 
schließt sich der Kreis der barocken Schwanthaler. 
lhre immer dem Gegenständlichen verhaftete Art, 
die alle Übertreibungen und Verzerrungen des 
Manierismus und des Rokoko vermieden hatte, 
ließ sich nahtlos in den Klassizismus der Jahr- 
hundertwende überführen. Vielleicht auch durch 
die politische Loslösung des lnnviertels von Bay- 
ern bedingt, übersiedelte Joh. Peters des Ä. 
tüchtigster Sohn Franz Jakob (1760-1820) nach 
München, erlangte akademische Bildung und 
Aufträge bei der klassizistischen Neugestaltung 
der bayrischen Hauptstadt. Sein Sohn Ludwig 
aber wurde in seinem kurzen Leben (er starb 
46iährig 1848) der Hofbildhauer Ludwigs l. und 
der klassizistisch-romantische Bildhauer des deut- 
schen Südens schlechthin. Wenn auch die „Ba- 
varia" sein bekanntestes Werk ist, so ist sein 
reifstes, durch Vorstudien während vieler Jahre 
vorbereitetes die Marmorfigur der Nymphe in 
Schloß Anif bei Salzburg, eine würdige Schwe- 
ster von Moritz von Schwinds Märchenfiguren. 
Entwürfe und Modelle dazu gehören zu den 
wichtigsten Stücken des zweiten Teiles der Aus- 
stellung in Reichersberg (Kai-Nr. 461-472). Von 
den beiden Houptmeistern des 19, Jahrhunderts 
aus der Familie der Schwanthaler liegen bereits 
gedruckte Monographien aufz, für die übrigen 
muß einstweilen der ausführlich angelegte Kata- 
log genügen, wenn auch eine Monographie über 
Thomas bereits in Vorbereitung ist. 
5 Hl. Christophorus vom Doppelaltar Thomas 
Schwanthalers in St. Wolfgang, 1975: Original- 
fassung von Franz Gamann, Ried, nach Restau- 
rierung 1974. 
6 Weberaltar der Stadtpforrkirche Ried: Pietä Joh. 
Peter d. Ä. von 1785 nach Freilegung der Origi- 
nalfassung 1973174. 
Anmerkungen l, 2 
lVeröffentlicht durch M. Baubödr, Rieder Altarbauverträge. 
Erweiterter Sonderdruck u. d. 93. Jahresbericht des 
Bundesgymnasrums Riad, ms. 
'A. Huber, Franz Jakob Schwanthaler (1760i1820) Mün- 
chen 1973. n. Otten (K. Eidlinger), Ludwig Michael 
Schwanthaler 1802-1848. München wo. 
l l Unser Autor: 
Dr. Waltrude Oberwalder 
Wien 23, Brennergasse 14
	        

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