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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIX (1974 / Heft 136 und 137)

Jahrhundert (Johann Franz Schwanthaler) vor 
und wurde unter anderem noch 1966 als „fal- 
sche" Vergaldung am Hochaltar Thomas Schwan- 
thalers in Münsteuer entfernt". Weitere vom 
Vergolderhandwerk längst vergessene Feinhei- 
ten zeigen die nie überdeckten Glanzpoliment- 
Vergoldungen der bezeichneten Gruppen Jo- 
hann Peter d. Ä. Schwanthaler in der Rieder 
Stadtpfarrkirche, Anna und Maria von 1784 (Kot.- 
Nr. 177, Farbabb. 7) und die Pietd von 1785 
(Kot.-Nr. 178, Farbabb. 6,15): alle Staßfugen der 
Goldblättchen in Faltentiefen und Rändern sind 
mit einer „Vermeil" genannten goldgelb ge- 
färbten Gummiharzlösung zur Erzielung perfek- 
ter Übergänge bestrichen (Watins 16. Haupt- 
verrichtung der Vergoldung 1). Dazu kommen be- 
wußte Variationen im Feingehalt. Sa verwen- 
dete der Lambacher Maler Heupl 1665 für die 
Fassung der Seitenaltäre Veit Adam Vogls in 
Zell am Pettenfirst drei verschiedene Goldsorten 
(aus Augsburg, Nürnberg und Regensburg), zwei 
Arten Blottsilber sowie „Zwischgold" (nach Anm. 
10). Die Farblüster bestimmen zur vorwiegenden 
Vergoldung der Außenseiten die Unterkleider 
und Innenseiten (Umschläge) des Gewandes der 
meisten Schwanthaler-Figuren. Die Tonskolo be- 
herrschen im 17. Jahrhundert „vergulaender Fir- 
nis über Silber und Stanniol" (nach Anm. 7), 
Krapprot, Grün und seit der Mitte des 18. Jahr- 
hunderts auch das 1704 entdeckte Berlinerblau. 
Die gegenüber mittelalterlichen Lüstern vorwie- 
gend auf Weichharzen basierende Bindung ist 
Ursache von Sprödigkeit und leichter Löslichkeit 
dieser Farblüster, die denn auch bei den bisher 
üblichen Freilegungsmethoden zumeist schwer 
beschädigt werden, obwohl makellose Abdek- 
kung möglich ist (Abb. 23, Farbabb.l). Ähnliches 
gilt für die „Damaszierung" oder „Musierung" 
genannten aufgemalten Farbmusterungen auf 
Silber, die nach 1650 im allgemeinen aufhören 
(z. B. noch an den Zürn-Altören von St. Geor- 
genlMattig 1645 und 1649 vorhanden) und im 
18. Jahrhundert im süddeutschen Rokoko - aller- 
dings nicht bei den Schwanthalern - auf Silber 
wie auf Gold wieder auftreten (z. B. Figuren Jo- 
seph Anton Feuchtmayrs oder Anton Sturms). 
Die Firnisfrage, die für die Beurteilung der ur- 
sprünglichen Erscheinung sehr wesentlich ist, 
kann am schwersten genau beantwortet wer- 
den. Die Archivalien zu Altären verraten nur, 
daß als Überzug der gebeizten oder gemalten 
Schwarzfassungen der Architektur im 17. Jahr- 
hundert stets „Florentinerlack" (ein dunkelrot- 
brauner Rotholz- oder Karminlack) Anwendung 
fand, der als Kugellack oder WienerlarJr bis ins 
19. Jahrhundert bekannt war". Im 18. Jahrhun- 
dert sind die zumeist wäßrig ausgeführten Altar- 
marmorierungen vorwiegend mit wohl farblo- 
sem „spanischem Firnis" überzogen worden, des- 
sen Rezeptur uns noch fehlt. lnkarnatfirnisse ge- 
hen aus den Quellen nicht hervor und waren 
auch analytisch nicht zu erfassen. Überzüge auf 
Metall gehören zu der bereits oben erwähnten 
Lüsterproblematik. 
Angesichts dieser diffizilen Fassungsstrukturen 
und dem ihnen zukommenden Wert als untrenn- 
barer Bestandteil des „Originals" sind für ver- 
antwortungsbewußte Restaurierungen nur zwei 
Alternativen möglich. Die der Konservierung des 
zuletzt bestehenden Zustandes oder einer bes- 
ser erhaltenenfilteren Renovierungsphase oder 
die Freilegung der Erstfassung mit allen uns 
heute zur Verfügung stehenden Mitteln und größ- 
ter, vielfach nur unter ständiger mikroskopi- 
scher Kontrolle erzielbaren Arbeitsgenauigkeit. 
Die jeweiligen Umstände von Erhaltungszustand, 
derzeitiger Funktion, Umweltbedingungen bis zur 
Kostenfrage und der spezifischen Erfahrung der 
verfügbaren Restauratoren sind dafür bestim- 
12 
mend. Natürlich auch die Relation von Aufwand 
zu erzielbarem Resultat und der damit verbun- 
denen noch viel zu wenig beachteten Wertstei- 
gerung oder -minderung. Für umfangreiche Re- 
staurierarbeiten an einer mittelgroßen Skulptur 
unter Freilegung und Erhaltung der Originalfas- 
sunlgen sind Arbeitszeiten von einem halben Jahr 
und mehr durchaus realistisch. Ein normaler Ba- 
rodraltar mit etwa fünf Skulpturen und der üb- 
lichen Dekoration ist bei derzeitiger Kostenlage 
sicher kaum unter einer Viertelmillion Schilling 
richtig freizulegen. Die andere Alternative, die 
der Bewahrung von Zweit- und Drittfossungen, 
wurde über Weisung der Denkmalpflege in zwei 
Fällen (Lochen, St. Florian bei Helpfau) in letzter 
Zeit mit Erfolg praktiziert. Je nach dem Zustand 
ist aber dabei auf möglichste Zusammengehö- 
rigkeit der einzelnen Teile und Schichten zu ach- 
ten, da sonst wieder ein Pasticcio verschiedener 
Zustände entsteht. Nötige Teilerneuerungen von 
Fassungen, vor allem, wenn sie das Aussehen 
authentisch nachweisbarer Zustände bewahren, 
widersprechen der geforderten Einheitlichkeit 
keineswegs, erfordern aber entsprechende Do- 
kumentation der getroffenen Maßnahmen (Abb. 
26). Damit bleibt auch der Anteil des Vergol- 
der- und Staffierergewerbes erhalten, nämlich 
Erneuerung im Rahmen des unbedingt Nötigen 
und Bewahren der übrigen Substanz. Schnell- 
restaurierungen oder Neufassungen kosten zwar 
relativ wenig Geld, zerstören aber dafür um so 
mehr Originalwert, vom historischen Standpunkt 
der Unersetzlichkeit ieder überlieferten Quelle 
ganz abgesehen. Abschließend sei an einem 
Beispiel illustriert, daß unter den gegebenen 
Umständen stets das Weniger ein Mehr bedeu- 
tet und daß der Ehrgeiz nach Gewinnung des 
ursprünglichen, mit der Aura des „Originals" 
umgebenen Zustandes entweder in realistischer 
Einsicht der Problematik gezügelt oder aber mit 
der Konsequenz erhöhten Zeit-, Geld- und Ar- 
beitsaufwandes durchgestanden werden muß. ln 
der Wallfahrtskirche Maria Plain bei Salzburg, 
einem der schönsten Barockensembles des Lan- 
des mit sieben Altären (drei mit Skulpturen von 
Thomas Schwanthaler), hat man im letzten Jahre 
eine vollständige lnnenrenovierung durchgeführt. 
Obwohl für die Fassung der einheitlich Ende des 
17. Jahrhunderts entstandenen Altarkörper eine 
um die Mitte des 18. Jahrhunderts zu datierende 
Blaufassung" rekonstruiert werden mußte, da 
schwarze und rotbraune Spuren der Erstfassung 
zu gering waren, hat man dennoch die fast 
50 Skulpturen aller Altäre und weiteres lnventar 
in etwa Jahresfrist mit bedeutenden Verlusten 
auf die Erstfassung freigelegt (Abb. 25), lasie- 
rend ergänzt und die Vergoldungen auf stärk- 
sten Hochglanz poliert, was nicht nur technisch 
bedenklich ist, sondern auch im Widerspruch zu 
den unleugbaren Alterszeichen der Oberfläche 
steht (Abb. 22). Eine verlustfreie Abnahme der 
drei Ubermalungen an einem Engelputto Tho- 
mas Schwanthalers aus Maria Plain (Kat.-Nr. 36) 
erforderte zum Vergleich etwa sechs Wachen 
und sonst aber fast keine Retuschen (Abb. 24). 
Dem vielfach geäußerten bequemen Einwand, 
daß nicht im freien Handel befindliche Kunst- 
werke, die wie das Kircheninventar zudem dem 
staatlichen Denkmalschutz unterliegen, totes Ka- 
pital darstellten, sei entgegengehalten, daß die 
in entscheidendem Maße van der Kunstfülle des 
Barock bestimmte Kulturlandschaft Österreichs" 
über den Fremdenverkehr sehr wohl auch in der 
Wirtsdwaft unseres Landes zu Budie schlägt. Es 
bleibt zu hoffen, daß zufolge der Einsicht in 
diese, freilich von vielen für sich reklamierte Um- 
wegrentabilität in Zukunft von allen Seiten mehr 
als bisher für richtige Erhaltungsmaßnahmen ge- 
tan wird. 
26 
26 Florianialter Thomas Schwanthalers der Rieder 
Stadt farrkirche von 1669: fotogrammetrischer 
Aufri und Zustandsplan 1974 (schwarz I in 
Holz und Fassung ergänzte Teile, kariert I 
1973174 erneuerte Vergoldungen, punktiert I 
konservierte Vergoldungen und Farblüster von 
1842, weiß I 1972-1974 freigelegte originale 
Farbfassungen). 
Anmerkungen 14-16 
" gßrauiiierte" {ergeblldunygergawäädeäla iügzdiedAussäellurg 
it tw-rrt. nsina 
4529351912?" ist. rGeorgenlMattig) Wieufür Guggldn- 
bictllers (Hocttaltar Mictlaelbeuern) oder Wolf Weissen- 
kirdlners (Kanzel Straßwaldten) Arbeiten belegt bzw. 
ßgrrttstaltsutsabsrllegerg B. "n l A 7] 
ezept z. . in ar e- eustigung zit. nm. . 
Florentinerlack war bis ins 19. Jahrhundert zu vielfältigen 
(audt _Ha_us-)Anstr_ichzwecken üblich, vgl. c. F. o. Ttlon, 
Vollstandlge Anleitung zur Lackirkunst, Weimar 1835. 
" Zur_ Blaufassung von Altären ab 1700 siehe den techno- 
n logischen Kalalogbeltrag. _ _ 
Vgl. o. Prettere nur, Drel Wallfahrtsort: an der Pll er- 
Straße im Mnttigtal, in: Oberösterreich, 24, 1974, S. 3 (f. 
Ll Unser Autor: 
Dr. Manfred Koller 
Oberrestauratar am Bundesdenkmalamt 
1030 Wien, Arsenal
	        

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