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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIX (1974 / Heft 136 und 137)

Adolf Hahnl 
Die Bekehrung des Paulus 
und des Hubertus 
Werke von Johann Georg Schwan- 
thaler in Salzburger Sammlungen 
" (Der Verfasser bittet um Hinweise auf die der- 
zeit verschollenen „Linzer" Reliefs, Abb. 1 und 2). 
Anmerkungen 1-7 
'Dommuseum...zu Salzburg. Katalog hrsg. v. Johan- 
nes Neuhardt, Salzburg 1974, Nr. 171, 172, Abb. 76, 77 
hier als österraidtischer Bildschnitzer, um 1780). 
1 ie Bekehrung des Paulus kaufte das Salzburger Dom- 
kapitel als Werk J. B. Hagenauers am Münchner 
Kunstmarkt, die Hubertusgru pe ist eine Dauerleihgabe 
der Wr. wechselseiti en ersid1erung, ebenfalls auf 
dem Kunstmarkt erstan en. 
"in: Heimatgaue, 11. Jg. 1930, 234-236, Abb. 1, 2 auf 
Taf. 16. 
'Herrn Kustos Dr. Benna Ulm, l.inz, sei für seine dies- 
bezüglichen Bemühun en herzlich gedankt. 
fDie Denkmale des enediktinerstiftas St. Peter in Salz- 
burg. um Bd. xu, Wien 191a, s. 119, Nr. 11,12, Fig.183. 
fVgl. lnga w Ieiter-Hdfer: Johann Baptist Hagenauer. 
Diss. d. Phil. ak. Wien 1952, und A. Hahnl: Im „ädntan 
und wahren sm" der Antike. In: ln Salzburg geboren, 
Z. Aufl. Salzburg 1973, 69 ff. 
"Die Bildhauarfamilie Sdtwanthaler 1613-1548 [Katalog], 
(Linz) 1974, S. 173-181. 
Zu den ständigen Exponaten des Salzburger Dom- 
museums' zählen zwei aus Lindenholz geschnitzte 
Gruppen, die offensichtlich als Gegenstücke von 
einem Künstler geschaffen wurden. Dafür spre- 
chen nicht nur äußere Gründe, wie dieselben 
Dimensionen der Basisplatte, auf der die ein- 
zelnen figuralen Teile montiert wurden, und der 
gleiche Maßstab der Figuren, sondern auch stili- 
stische Übereinstimmung und thematische Ergän- 
zung: Es ist ieweils das Erscheinen Christi - als 
Halbbildnis bzw. als Gekreuzigter - dargestellt, 
wobei Geworfensein (hl. Paulus) und Anbetung 
(hl. Hubertus) als einander ergänzende Gebets- 
haltungen veranschaulicht werden. Während die 
Besitzgeschichte dieser beiden Gruppen keine 
nennenswerten Ergebnisse beisteuert", soll der 
Versuch unternommen werden, die erwähnten 
mit zwei weiteren Pendants in Verbindung zu 
bringen, die aufgrund einer Signatur bzw. auf- 
grund stilistischer Argumente gleichfalls für Jo- 
hann Georg Schwanthaler in Anspruch genom- 
men werden. 
1930 veröffentlichte G. Guggenbauer zwei Re- 
liefs „Pauli Bekehrung" und „St. Hubertus", die 
zusammen mit zwei weiteren Reliefs der Anbe- 
tung der Hirten und der Könige gleichformatig 
(25 cm breit, 33 cm hoch) sowie signiert und 
datiert sind, und zwar die Bekehrung des Paulus 
mit „Joh. Georg. Schwanndaller Sculpsit et in- 
ventor. Anno (1)777" und die Bekehrung des Hu- 
bertus mit „Johann Georg Schwanndaller sculp- 
sit et inventor. A 1779". Leider war es nicht 
möglich, diese einst in Linzer Privatbesitz befind- 
lichen Reliefs auszuforschen',so daßihreWieder- 
gabe aufgrund der alten unzulänglichen Publika- 
tian erfolgen mußf. Soweit ersichtlich, sind die 
beiden „Linzer" Reliefs in der Reproduktion leicht 
beschnitten, denn die Rokokokartusche in der 
rechten bzw. linken unteren Ecke, auf der stolz 
die oben zitierten Signaturen eingeschnitten sind, 
erscheinen hier fragmentiert (Abb. 1 und 2). 
Die dritten der hier zu nennenden Pendants be- 
finden sich im Besitz der Erzabtei St. Peter in 
Salzburg. 
Auch sie wurden bereits von Hans Tietzes publi- 
ziert und von uns mit den Pendants im Dom- 
museum in Zusammenhang gebracht, die ihrer- 
seits erst durch die Schwanthaler-Ausstellung in 
Reichersberg dem OEuvre Johann Georg Schwan- 
thalers eingegliedert werden können. Der Weg 
ist hiebei ein zweifacher. Zum einen soll versucht 
werden, die beiden unsignierten Salzburger Pen- 
dants in eine stilistisch und thematische Ent- 
wicklungsreihe mit den signierten „Linzer" Re- 
liefs zu stellen, zum anderen, sie in stilistische 
Relation zu J. G. Schwanthalers Tiergruppen zu 
setzen. 
l. Das „Linzer" Relief Pauli Bekehrung von 
„1777" ist zweifelsohne das früheste Werk Jo- 
hann Georgs in dieser Themengruppe. Die Szene 
schildert die bekannte Begebenheit der Apostel- 
gesdtichte, Kapitel 9: „Unterdessen begab sich 
Saulus, wutschnaubend und voll tödlichen Has- 
ses gegen die Jünger des Herrn, zu dem Hohen- 
priester und ließ sich von ihm Briefe nach Da- 
maskus geben, wonach er die Anhänger der 
neuen Lehre  gefesselt nach Jerusalem schaf- 
fen solle. Bereits war er unterwegs in die Nähe 
von Damaskus gekommen, da umblitzte ihn auf 
einmal ein Licht vom Himmel; er stürzte zu Bo- 
den und hörte eine Stimme, die ihm zurief: 
,Saulus, Saulus, was verfolgst du mich?' . . . Seine 
Begleiter standen sprachlos da; denn sie hörten 
wohl die Stimme, aber sahen niemand". 
Schwanthaler ordnet seine Komposition in einer 
großen Diagonale an, wobei das auf den Vor- 
derhänden eingeknickte Pferd mit dem rücklings 
abgeworfenen Paulus eine Achse bilden, die im 
Hintergrund durch die fast parallel ausgeridtte- 
ten Lanzen der begleitenden Soldaten fortge- 
setzt wird. Als Kontrapost dient dazu in der 
rechten unteren Bildhälfte eine Dreiergruppe von 
teils emporblickenden Soldaten. Über dem tief- 
sten Punkt dieser Komposition erscheint in einem 
V-förmigen Wolken- und Strahlenkranz der Auf- 
erstandene am Himmel, dessen linker Hand ein 
Blitzstrahl entführt. Im Hintergrund sind die 
Mauern der Stadt Damaskus sichtbar. Das augen- 
scheinlich sehr flach gesdinittene Relief ordnet 
die Figuren parallel zur vorderen Bildebene; die 
Figuren agieren zu den seitlichen Rändern hin, 
Aktionen in die Bildtiefe oder Verkürzungen und 
Überschneidungen fehlen. Die Körper sind 
knapp, mit Betonung einer gewissen Schönlinig- 
keit herausgearbeitet, Gewandteile umspielen in 
weich gedellter Faltengebung die Körper. Der 
Gegensatz wird im Vergleich zu einem als An- 
dachtsbild weitverbreiteten Kupferstich Augsbur- 
ger Herkunft (aus der Serie der Tagesfeste, 
25. Januar, „S: Pauli Conversio", unsigniert, un- 
datiert, a. v. 1a. Jh.) deutlich (Abb. a). 
Während das Andachtsbildchen im Sinne des 
Spütbarock eine raumhaltige Komposition mit 
einem aus dem Bild sprengenden Reiter, wehen- 
den Gewändern und Fahnen und einer im dia- 
gonalen Kreuz angeordneten Ersdwinungsszene 
aufzeigt, ist das „Linzer" Relief vom Klassizismus, 
wie er an der Wiener Akademie damals durch 
Beyer und Johann Baptist Hogenauer vertreten 
wurde, nicht unbeeinflußt geblieben". Daß ein 
gewisser Bruch durch Johann Georgs Werk geht, 
hat die Reichersberger Ausstellung gezeigtÄ Die 
hll. Kirchenvater von Vöcklabruck-Schöndorf und 
Kematen an der Krems (1772, 1774) sind „pathe- 
tisch bewegte Gestalten" mit wehenden Gewan- 
dern; sie gehören der spätbarock-rokakohaften 
Stillage des Frühwerkes an. Im „Linzer" Relief 
der Paulusbekehrung werden die neuen Stil- 
mittel des Frühklassizismus an einem Thema er- 
probt, das im Barock eine überzeugende Formu- 
lierung gefunden hatte. Es trifft nicht den Kern 
der Sache, wenn man diese Kleinreliefs, die zu- 
dem oft signiert sind, „nicht zum Besten" rechnet, 
was Johann Georg geschaffen hat. Die Kontro- 
verse, welcher Stil „besser" ist, dürfte wenig ge- 
eignet sein, einen Künstler, der im Umbruch der 
Zeiten stand, zu interpretieren. 
2. Die Salzburger Gruppe Pauli Bekehrung 
(Abb. 4), Dommuseum, dürfte nicht viel später 
als das „Linzer" Relief entstanden sein, vielleicht 
sogar um 1779. Auf einer vorne konvex gestalte- 
ten Basisplatte (Länge 52,1 cm, Breite min. 17 cm, 
max. 23,5 cm) sind die einzelnen, aus Lindenholz 
geschnitzten Figuren und Versatzstücke durch 
Holzzapfen fixiert, und mit Ausnahme der Pau- 
lusfigur auch verleimt. Die ganze Gruppe ist 
weißlich gesohlemmt, nur die Augen sind dunkel 
nachgezeichnet, während Zaumzeug, Steigbügel 
und Schwertschlaufe aus den natürlichen Mate- 
rialien (Lederriemchen, Blech) gefertigt sind. Der 
Erhaltungszustand ist mit geringfügigen Brudt- 
stellen sehr gut, die Fassung original. Johann 
Georg Schwanthaler mußte das Thema von dem 
hochoblongen „Linzer" Relief zu dem queroblon- 
gen Salzburger umbauen. So kommen die bei- 
den seitlichen Versatzstücke eines stilisierten Bau- 
mes (der Blattform nach zu schließen eine Eiche) 
und der Stadt Damaskus auf stark gewelltem 
Berge dazu. Paulus, der auf dem Relief im kon- 
sequenten Bewegungsablauf vom Pferd gestürzt 
ist, wurde hier aus der Tiefe der Komposition 
von seinem Reittier geworfen. Er liegt kopfüber 
am steilen Berghang, das bartumwallte Haupt 
abgewendet, Arme und Beine im Abwehrgestus 
erhoben. Das Pferd bietet sich, am Kamm des 
Hanges situiert, in kaum verdeckter Ansicht dar. 
Es ist durch die Mad1t der Erscheinung wohl ge- 
stürzt, hat aber seine beiden Vorderhände in 
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