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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIX (1974 / Heft 136 und 137)

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hat 
mirms: 
Farbiges Email, buntes Mosaik aus Glas und 
Keramik, getriebenes, teilweise vergoldetes Me- 
tall, Halbedelsteine und Perlmutter, in weißen 
Marmor eingelegt, bilden den leuchtkräftigen 
Fries des Speisesaales im Brüsseler Palais Stoc- 
let' (Abb. 4). 
ln den beiden einander entsprechenden Friesen 
der Längswdnde füllt ein Baum mit spiraligen 
Ästen, mit Blüten und dreieckigen Blättern, 
Schmetterlingen und Vögeln ornamental die Flö- 
che, eine Wiese mit bunten Blumen bildet die 
Bodenzone. 
Die ornamentalen Felder der beiden Friese sind 
spiegelbildlich identisch, auch der Strauch, der 
aus zart bewegtem Stamm und Zweigen mit 
dreieckigen Blättern gestaltet ist. Nur die figura- 
len Darstellungen unterscheiden sich voneinan- 
der im Thema: eine weibliche Figur auf der 
einen, eine Zweifigurengruppe auf der anderen 
Seite des Raumes. 
Über die Bedeutung der Figuren wurde bisher 
viel gerätselt. Zwar entsprechen die ietzt üb- 
lichen Bezeichnungen „Erwartung" und „Erfül- 
lung" dem oberflächlichen Eindruck, doch gehen 
sie offensichtlich nicht auf Klimt selbst zurück. 
Die Zweifigurengruppe wurde auch interpretiert 
als „Umarmung", „Kuß", „Liebespaar". Fest steht, 
daß Klimt selbst auf dem Entwurf des Uster- 
reichischen Museums die weibliche Figur der 
Gruppe als „Tänzerin" bezeichnete. Arpad 
Weixlgärfner benennt andererseits die „Erwar- 
tung" als „Tänzerin", und Navotny-Dobai zitie- 
ren Weixlgärtner, ohne näher auf diese Thema- 
tik einzugehen. Die gängigen Bezeichnungen 
„Erwartung" und „Erfüllung" werden wohl in 
der kunsthistorischen Terminologie als notwen- 
dige Arbeitsbegriffe weiterhin verwendet wer- 
den müssen, doch ist es wichtig klarzustellen, daß 
die ursprüngliche Bezeichnung Klimts wohl eine 
andere gewesen ist. Eine völlige Klärung dieser 
wie auch anderer noch offener Fragen ist nur 
aus zeitgenössischen Quellen, etwa Berichten, 
Schriftverkehr usw., zu erwarten, die bisher noch 
unbekannt sind. 
lkonographische und stilistische Gesichtspunkte 
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sind nicht Thema dieser Arbeit und sollen daher 
nur kurz gestreift werden. lkonagraphische Pa- 
rallelen zum Beethoven-Fries („Umarmung", Abb. 
8a) und zu mandwen Gemälden („Kuß", Abb. 8 b) 
sind unbestreitbar, Ornamentik und Stilisierung 
finden sich im CEuvre Klimts in vielen Bildern 
wieder. Ungeklärt ist nach wie vor die Thematik 
des Mosaiks an der Schmalseite, von manchen 
Autoren als rein ornamentale Flächenfüllung, 
von anderen als sehr stilisierte männliche Figur 
gedeutet (Abb. 7). 
Es liegt nahe, das Gesamtprogramm des Beet- 
hoven-Frieses und des Stoclet-Frieses miteinan- 
der zu vergleichen. Die Anordnung der Dekora- 
tion an drei Wänden des Raumes (zwei Längs- 
seiten und eine Schmalseite) ist verwandt. „Er- 
Wartung" und „Erfüllung" in Brüssel stellen unter 
gewissen Gesichtspunkten eine Art Kristallisa- 
tion des Beethoven-Frieses dar, dessen drei 
Grundthemen „Die Sehnsucht nach dem Glück", 
„Die feindlichen Gewalten" und „Freude, schö- 
ner Götterfunke" umfassen. Auf die Stoclet-De- 
koration umgesetzt, entspräche das erste Thema 
der „Erwartung", das zweite der im Ornament 
der Schmalseite kaum wahrnehmbaren Gestalt, 
das dritte Thema der „Erfüllung". 
Um den Stoclet-Fries lassen sich eine Reihe von 
Vorstudien in Skizzenform und mehrere Ent- 
würfe gruppieren, die häufig auch als „Karton" 
oder „Werkvorlage" angesprochen werden. Eine 
Skizze befindet sich im Historischen Museum der 
Stadt Wien (Abb. 8), ein bis ins letzte Detail 
ausgeführter Entwurf mit zahlreichen Notizen 
für die Ausführung im Österreichischen Museum 
für angewandte Kunst (Abb. 5, 6, 7), {und ein 
angeblich damit identischer Entwurf in Straßburg. 
Leider bildet der Münchner Katalog des Jahres 
1964 fälschlicherweise statt des Straßburger Ent- 
wurfs den entsprechenden Teil aus Wien ab, so 
daß mir ein Vergleich dieser beiden interessan- 
ten Entwürfe nicht möglich war. 
Der im Österreichischen Museum befindliche 
Entwurf, allgemein zwischen T905 und 1909 da- 
tiert, besteht aus neun Teilen, die von Klimt 
eigenhändig von T bis 7 numeriert wurden. Zwei 
Teile blieben unnumeriert, sind iedoch, wie c 
anderen, ausführlich mit Notizen versehen. Kli 
numerierte den Entwurf (Abb. 5) folgendern 
ßen: „l. Teil von links, 2. Teil von links" us 
manchmal auch nur mit einer Ziffer. Dieser t 
der Bezeichnung entspräche dann die Nun 
rierung des zweiten Entwurfteiles (Abb. 6) n 
„l. Teil von rechts" usw., wobei als 2. Teil v 
rechts die sogenannte „Erfüllung" anzuset: 
wäre. Es ist wohl richtiger, diese Originolang 
ben zu übernehmen, anstatt, wie dies bei f 
allen bisherigen Abhandlungen geschehen 
sich mit den Buchstaben A bis I oder a bis i 
behelfen. 
Fast iede Restaurierung bringt neben den vie 
restauratorischen Problemen auch die Mögli 
keit wissenschaftlicher Entdeckungen mit si 
Das Verständnis eines Kunstwerkes beginnt 1 
dem Original. Eine genaue Materialkennti 
das Überprüfen des Kunstwerkes auf zusätzlic 
Information (wie in unserem Fall der Notiz! 
der Numerierung, der Materialangaben) känr 
verhindern helfen, daß Arbeitshypothesen 
luftleeren Raum stehen oder doß Zusammr 
hänge konstruiert werden, die ieder Grundlo 
entbehren. Erst nach gewissenhaftem Ausschi 
fen aller Informationen, die das Werk sel 
liefert, sollte man den gefährlichen Boden r 
Hypothese betreten. 
Der Entwurf Gustav Klimts ist neben seir 
künstlerischen Qualität noch aus einem am 
ren Grund besonders bemerkenswert. Er tri 
eine Vielzahl von Notizen und Hinweisen, 1 
sich auf Material und Technik der Ausführu 
beziehen. Es ist wohl äußerst selten, dclß s 
ein Entwurf zu einem Monumentalwerk mit 
diesen Angaben erhalten hat. 
Dieser Entwurf wird dadurch zum zeitgenö: 
schen lnformationsträger für einen Arbeitsp 
zeß der Jahrhundertwende und ist, soviel 
ietzt bekannt wurde, das einzige Zeugnis seil 
Art, das sich aus dieser Zeit erhalten hat. Die 
Einmaligkeit berechtigt - mehr noch, verlang 
die nachfolgende lückenlose Wiedergabe al 
Notizen.
	        

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