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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIX (1974 / Heft 136 und 137)

 
Ganz anders verlief die Entwicklung in Mün- 
chen. Seit 1806 Hauptstadt nicht mehr des Kur- 
türstentums Bayern, sondern des aus der Erb- 
masse des Reichsdeputatianshauptschlusses und 
der Napoleonischen Kriege wohlangereicherten 
Königreiches Bayern, zog München den Nutzen 
aus der zentralistischen Staatsorganisation des 
spätautklörerischen Grafen Montgelas (Erster 
Minister des Königs Maximilian I. Joseph bis 
1817) und aus dem Kunstsinn des (in seinen er- 
sten Regierungsiahren) liberalen Romantikers 
Ludwig l. 
Münchner Bauhistariker weisen darauf hin, wie 
deutlich die Münchner Altstadt bereits vor Jahr- 
hunderten in vier verschiedene Viertel unterteilt 
war: im Nordosten der Hof und die Regierung, 
im Nordwesten Adel und Patriziertum (auch 
wenn man in München den Wiener Stadtpalais 
der großen Familien vergleichbare Anlagen ver- 
geblich suchen wird), in den beiden südlichen 
Vierteln Bürgertum, Handwerk und Kleinhandel l. 
lnteressanterweise lebt diese Einteilung unter- 
schwellig bis heute fort; beispielsweise hat sich 
das patrizische Viertel mit dem Promenadeplatz 
als Mittelpunkt sehr konsequent in das örtliche 
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ßESTAND 
BLOCK 15 
  
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Zentrum der Großbanken und Konzernnieder- 
lassungen gewandelt, haben die Firmen die feu- 
dale Architekturtradition offensichtlich bewußt 
übernommen oder im Falle von Bombenschüden 
restauriert. Analoges ließe sich auch von den 
übrigen Altstadtvierteln sagen. Doch wirkt die 
Vierteleinteilung noch über das alte Weichbild 
Münchens hinaus, und zwar so, daß die jeweils 
angrenzenden Gebiete der Stadterweiterungen 
des 19. Jahrhunderts deutlich von den entspre- 
chenden Nutzungen der Altstadtviertel beein- 
flußt werden. Man könnte also zumindest der 
Tendenz nach von einer „sektoralen Ausstrah- 
lung" der Altstadtviertel auf die angrenzenden 
Quartiere sprechen, die von den Münchner Stadt- 
planern „lnnenstadtrandgebiete" genannt wer- 
den. Seit in Münchens Altstadt wie in anderen 
Städten der Druck zur Citybildung immer stärker 
wurde, zeichneten sich auch in den ieweils ent- 
sprechenden lnnenstadtrandgebieten gleichlau- 
fende Umschichtungen ab, allerdings von vorn- 
herein mit einer großen städtebaulichen Hypo- 
thek belastet: Während drastische Nutzungs- 
änderungen in der Altstadt oft auf denkmal- 
schützerische Einsprüche und den Widerstand zu 
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Recht lokalstolzer Bürger stießen (iede i 
Altstadt hat ia repräsentative Aufgabe: 
wirkt als ldentifikationsanreiz - „Wahrze 
funktion" - für die Bewohner aller Stud 
konnte indessen die gleiche Entwicklung i 
heutigen lnnenstadtrandgebieten lange 
ohne nennenswerten öffentlichen Wider 
verlaufen, wobei einige Faktoren zusai 
trafen; 
Erstens waren zumindest Teile der lnnei 
randgebiete nicht so stark von Luftangriffe 
stört worden, so daß geschlossene Baube: 
gemischter Nutzungen (allgemeine Wohng 
und Gewerbegebiete) aus der Gründerzeit 
kommen sind, Baubestände also, die schc 
kulturpsychologischen Gründen in der I 
lichkeit nicht als erhaltenswert galten. 
Zweitens war weiten Teilen der Öffentl 
gerade wegen ihrer Vorurteile und weg: 
oft unansehnlichen Zustandes der Bauter 
bewußt, welche Spekulationshöhen diesr 
trumsnahen Standorte im Grundstückmar 
reits erreicht hatten, welchen Investition 
also das Kapital - vornehmlich das übel 
nale Großkapital - auf diese Gebiete ai 
Eurwußr 
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