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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIX (1974 / Heft 136 und 137)

 
 
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im 
 
Herbert Pasiecznyk 
 
Maler mit Mahler 
Jeder Mensch trägt Konflikte mit sich und seiner 
Umwelt auf seine ihm eigene Art aus: Herbert 
Pasiecznyk malt Bilder. Indem er malt, klärt er seine 
persönlichen Konflikte (oder versucht zumindest 
eine Lösung dafür zu finden). Jedes Bild stellt einen 
neuen Anlauf, einen neuerlichen Versuch dar, eines 
Problems Herr zu werden, es in den Griff zu 
bekommen. Mehrere Anläufe machen einen Zyklus 
aus. (Pasiecznyk arbeitet vielfach zyklisch oder geht 
zumindest an ein Problemffhema mehrmals von 
verschiedenen SeitenlAspekten heran.) Gleichzeitig 
mit der Arbeit an einem Bild - während der sich das 
Bild ständig verändert - unterliegt auch das dem 
Bild zugrunde liegende Problem einer ständigen 
Veränderung, das heißt, es stellt sich ein- und 
dasselbe Problem für den Maler von Sekunde zu 
Sekunde aus ständig anderer, sich ständig 
verändernder Sicht. Meistens arbeitet Pasiecznyk 
bei Musik, meistens bei Musik von Gustav Mahler; 
die Musik scheint Pasiecznyk Unterstützung und 
Hilfe bei der Arbeit zu sein. Angste und 
Beklemmungen des Malers werden an dessen Bilder 
weitergegeben. 
Herbert Pasiecznyks antiseptische und keimfreie 
Bildwelt besteht aus VersatzstückeniGegenständen, 
die in einen meist kahlen Raum gestellt werden. 
Von besonderer Wichtigkeit ist dabei die Auswahl 
dieser VersatzstückelGegenstände, denn dadurch ist 
bereits zu einem wesentlichen Teil die Aussage eines 
Bildes festgelegt. Für den Betrachter sollen diese 
Gegenstände Fetisch- bzw. Symbalcharakter be- 
sitzen, ohne iedoch dabei Assoziationen zu wecken. 
Ein Schuhspanner zum Beispiel ruft beim Betrachter 
kaum irgendwelche Assoziationen oder Gefühle 
hervor; es handelt sich um einen „neutralen 
Gegenstand"; trotzdem oder gerade deshalb steht 
der Schuhspanner als symbolische Darstellungl 
Abbildung einer Person, eines bestimmten Menschen. 
Die Einflüsse des Surrealismus, z. B. eines de Chirico 
in dessen frühen Jahren oder von Konrad Klapheck, 
auf Herbert Pasiecznyk treten dabei deutlich zutage. 
Der Reiz und die Spannung der Pasiecznvkschen 
Bilder liegen in dem Kontrast, der sich ergibt durch 
die Wechselwirkung zwischen Flächen einerseits und 
verschiedenartigen Strukturen andererseits. 
Dadurch, daß Pasiecznyk nach Fertigstellung der 
Vorzeichnung - der meistens ein Raster zugrunde 
liegt - nichts mehr an der Komposition eines Bildes 
verändert, wirken seine Bilder derart beklemmend 
und statisch: keine Bewegung, kein Laut, sondern 
ein schweigender klinischer Raum, in dem sich ein 
Operationstisch, eine Nähmaschine und ein Regen- 
schirm zufällig treffen. 
„lch schiebe die Prothese des Kopfes, die Puppe vor, 
ich schiebe sie vor mich." Der Mensch wird zur 
Puppe, der Kopf wird zum Träger der Perücke. Die 
Puppe ist die Prothese des Menschen. Pasiecznyk 
schiebt in allen seinen Bildern etwas vor: Er gibt 
einem Gegenstand die Funktion eines anderen 
Gegenstandes und setzt diesen Gegenstand in 
einen Raum: 
Aufgabe eines Betrachters ist es nun, die 
abstrahierten SvmbolefGegenständefVersatzstücke 
zu „identifizieren" und sie in seine eigene Sprache 
zu „übersetzen"; nur so kann er Pasiecznyks Bilder 
verstehen. 
Manfred Chobot
	        

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