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Volltext: Alte und Moderne Kunst XX (1975 / Heft 138)

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Auftraggebers unter Clemens IX. vollendet war- 
den. Berninis Plan besteht aus einem zur Achse 
der Kirche quergelagerten „Pseudooval", das 
heißt einem fast elliptischen Hof, der im Grund- 
riß aus zwei sich tangential berührenden Krei- 
sen besteht, in deren Berührungspunkt der Obe- 
lisk zu stehen kommt, den Fontana in die Haupt- 
ochse stellte. Der Platz ist von vier Säulenreihen 
umschlossen und durch einen trapezförmigen 
Zwischenplatz mit der Fassade verbunden. 
Der majestätische, wahrhaft imperiale Platz 
ähnelt aber merkwüdigerweise mit seinen Säu- 
len weitgehend dem römischen Kaiserforum von 
Gerasa im vorderen Asien, das unter Marc 
Aurel am äußersten Rande einer östlichen Pro- 
vinz errichtet worden war. Ob es hier einen tat- 
sächlichen Zusammenhang gegeben hat, lößt 
sich leider nicht nachweisen; bei der emsigen 
Suche nach kaiserzeitlichen Vorbildern läge aber 
die Vermutung nahe. 
Zur gleichen Zeit, nämlich von der 2. Hälfte des 
16. bis zur 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts ent- 
stand in Rom eine Reihe weiterer monumentaler 
Kirchengebäude, wie San Andrea della Valle, 
San lgnazia, San Carlo al Corso, San Carlo ai 
Cattinari, die Chiesa Nova und andere, alle 
der gleichen Konzeption unterworfen. Stets sol- 
len römische gewölbte Säle mit einem Kuppel- 
raum kombiniert werden und damit römisch- 
kaiserzeitliche Architektur konsequent fortge- 
führt werden. Nicht kirchliche Bauideen der vor- 
ausgegangenen Jahrhunderte waren maßgebend 
für die neue Form, sondern die profanen impe- 
rialen Räume der Kaiser. 
Im 16. und 17. Jahrhundert war in Rom eine 
Architektur entstanden, die mit ihrem Glanz und 
ihrer Großartigkeit weit über die Ewige Stadt 
hinausstrahlte. Sie konnte sich überall dort durch- 
setzen, wo imperiale Ideen bestimmend waren 
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und das römische kaiserliche Prinzip zur Nach- 
ahmung auffarderte. So entstanden in Spanien 
unter Karl V. und besonders Philipp ll. Aus- 
wirkungen der römischen Manifestation, zum 
Beispiel im Bau des Escorial, in dem Kloster und 
Residenz vereinigt wurden mit einer Kirche im 
Zentrum, in der Tonnen- und Kuppelbau ineinan- 
der übergehen. Dieser Bau fand mehr als hundert 
Jahre später unter Karl VI. in Österreich reiche 
Nachfolge in den barocken Neubauten der Stifte 
St. Florian, Kremsmünster, Melk, Göttweig und 
Klosterneuburg, für dessen Errichtung als Kla- 
ster-Residenz der Kaiser persönlich im Jahre 
1730 den Auftrag erteilte. 
Weitere Nachfolge sollte, wenigstens der Ab- 
sicht nach, in Paris unter Ludwig XIV. entstehen, 
der sich von Bernini Pläne für den Neubau 
des Louvre erstellen ließ. Ausgeführt aber wur- 
den diese Pläne nie. Auch Kirchen, wie etwa 
Soufflots Pantheon in Paris, das 1755 entwor- 
fen worden war, reichen an die römischen Bau- 
ten nicht annähernd heran. 
Berni-nis Pläne dienten etwas später in modi- 
fizierter Weise Fischer von Erlach als Vorbild. 
Einmal für den Entwurf von Schönbrunn für 
Leopold I. und später für den Entwurf eines 
Lustschlosses für Friedrich I. von Preußen. 
Entscheidend für Wiens Aufstieg zu einer impe- 
rialen „römischen" Stadt war der Sieg über die 
Türken gewesen. Mit der großen Schlacht auf 
dem Kahlenberg im Jahre 1683 und dem glück- 
lichen Entsatz der Stadt war die Türkengefahr 
van Europa für immer gebannt worden. Zur Re- 
präsentation dessen entstand in der Zeit um 
1700 in Wien eine emsige Bautätigkeit, die die 
Stadt im Sinne des römischen Hochbarock fast 
völlig neu ordnete. Die von den Türken weit- 
gehend zerstörten Vorstädte außerhalb der Mau- 
ern wurden neu errichtet und eine Reihe von 
Adelspalästen als Variationen über das rön 
Thema der Villa suburbana in Angriff g: 
men. Hervarragendstes Beispiel dafür ist l 
brandts Belvedere für den Prinzen Eugen. E 
war aber auch der Adel bemüht, innerhal 
Mauern neue Stadtpaläste zu erbauen, 
System auf den bürgerlichen, sehr groß 
angelegten Wohnhausbau ausstrahlte. 
Den Beginn nahm diese neue Boutätigke 
ienen beiden Palästen, die der römische l 
tekt Martinelli für den Fürsten Liechtensteir 
schen 1690 und 1710 errichtete. Ihren Höhe 
aber erreichte sie durch die kaiserlichen 
werke, mit deren Planung zuerst Johann 
hard Fischer von Erlach, ein Bernini-Schüle 
14 Jahre lang in Rom gearbeitet hatte, t: 
tragt wurde. Fischers erster Plan für Wier 
der Entwurf für das kaiserliche Schloß S 
brunn aus dem Jahre 1690, der leider nicl 
Ausführung gekommen war. Über Be 
Louvre-Entwürfe hinaus war Fischers Pi 
weiterhin ins Großartige gesteigert und a 
präsentatives Gebäude kaiserlicher ldee 
Funktion gedacht. Bezeichnenderweise stell 
scher in diesem Entwurf zu seiten des H 
einganges zwei römische Triumphsäulen, 
ldee, die später an der Karlskirche tatsä 
zur Ausführung kam. 
„Über Einraten des Kaisers", wie Fischer 
schreibt, erstellte er einen wesentlich einf 
ren zweiten Entwurf. Auch dieser liegt n 
weit beschränkter Weise dem heutigen Ba 
grunde. 
Fischers großzügigen Plänen für die Neug 
tung der Hofburg erging es ebenso. Die 
handlungen zogen sich allzu lange hin, u 
kamen schließlich nur der Bibliothekstrak 
ein Stallgebäude zur Ausführung. Letzter 
durch seine Lage weit der Hofburg gege
	        

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