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Volltext: Alte und Moderne Kunst XX (1975 / Heft 138)

räumlichen Lösung bei Familienhäusern verwen- 
dete Loos zum erstenmal bei dem Umbau des 
Hauses Mandl in Wien 1914; er fährt dann - 
immer kühner und mutiger in der Konzeption 
und in der Beherrschung des Raumes - mit dem 
Umbau des Hauses Strasser 1919 fort, weiter 
mit dem Haus Ruffer in Wien 1923 mit einer 
Tragsäule, dann mit dem Haus Tzara in Paris 
1926 mit zwei Säulen und schließlich mit dem 
Haus Müller in Prag mit vier Säulen. 
Auch dieses Holzhaus ist räumlich gestaltet, al- 
lerdings mit Mitteln, die seiner kleinen bebauten 
Fläche von 70 Quadratmetern entsprechen. Das 
ist ungefähr die Grenze der räumlichen Lösung 
eines kleineren Familienhauses, van dem man 
sagen kann, daß es alles enthält. Kleinere Woh- 
nungen, z. B. Arbeiterwohnungen, gestaltete 
Loos gewöhnlich in offenen Terrassenblocks mit 
normalen Stockwerkebenen oder brachte die 
Wohneinheit um das Treppenhaus herum unter 
und gestaltet den Raum in iedem Einzelzimmer 
mittels Schränke und anderer eingebauten Mö- 
bel. Loos empfahl das Haus aus Holz wegen 
seines billigen Preises (Ersparnis etwa 20 Pro- 
zent) und hauptsächlich wegen des angenehmen 
Wohnens. Bei einer richtigen Konstruktion ist ein 
Holzhaus im Winter wärmer als ein Steinhaus, 
und im Sommer hat es kühlere Temperatur als 
die Außenluft. 
Dieses Haus kommt von der Konstruktion her 
von dem amerikanischen Haus. Das Gerüst bil- 
den voneinander nicht weit entfernte Balken, die 
entweder von beiden Seiten mit Holzbrettern 
beschlagen sind oder durch verputztes Sperr- 
holz verbunden werden; beide Systeme können 
auch kombiniert werden und mit entsprechender 
Wärmeisolation versehen seinf. Die Feuerfestig- 
keit ist fast dieselbe wie bei einem Steinhaus 
mit Holzdecken. Die Fundamente sind gemauert 
und die Kellerräume und Decken über dem Kel- 
ler aus Beton, die übrigen Decken aus Holz- 
balken, die Schiebefenster aus Holz, mit Rück- 
sicht auf kleine Räume entweder vertikal - ame- 
rikanisch, oder horizontal - indisch, also von 
zwei Typen ie nach dem Charakter des Raumes. 
Die innere Tür ist aus Sperrholz im französi- 
schen Holzfutter von einem Typus, die äußere 
Tür ist aus Sperrholz, teilweise verglast, von zwei 
Typen. 
Der Plan erklärt das Wohnen in diesem Haus in 
mehreren Ebenen. Den Eingang führt Loos durch 
eine Türnische in eine weißlackierte Vorhalle mit 
roten Matten, an die rechts eine Garderobe 
mit Toilette anschließt, links eine minimale läng- 
liche Küche amerikanischen Typs mit einem Eis- 
schrank, einem Wasch- und Arbeitstisch mit Auf- 
satz fürs Geschirr und einem elektrischen Herd. 
Aus der Küche führt ein Zugang in den iKeller 
mit einer elektrisch eingerichteten Waschküche 
und einem Kesselraum für Warmluftheizung; 
außerdem befinden sich im Souterrain ein Raum 
für Kohle, ein Raum für Lebensmittel und eine 
Kammer. Das Vorzimmer mit dem Zubehör und 
die Küche bilden die erste Ebene. 
Einige Schrägstufen führen auf das zweite Ni- 
veau des Wohnzimmers, das durch die erhöhte 
dritte Ebene des Speiseraumes erweitert wird. 
Die Schrägstufen, eigentlich kleine Podeste, die 
zum Wohnzimmer führen, verlängern den Ein- 
gang und verhindern den Eindruck, daß man 
durdw die Haustür herein- und im Passieren des 
Vorzimmers durch die große Falttür wieder hin- 
ausgeführt wird. Außerdem kontrastiert der ver- 
engte und erniedrigte Raum um die schrägen 
Stufen herum mit dem Raum des Wohnzimmers 
und vervielfacht ihn. 
Die zweite Ebene, das Wohnzimmer, mißt 35 
Quadratmeter bei verhältnismäßig kleiner Höhe 
von 2,70 Meter, die ihm eine angenehme Ge- 
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räumigkeit desto mehr verleiht, da die Decken- 
balken sichtbar bleiben und mit Eichenfurnier 
getäfelt sind. Ähnlich sind auch die Wände des 
Wohnzimmers mit Eichensperrholz mit sichtba- 
ren Nadelknöpfen aus Messing getäfelt, und 
zwar direkt auf die Balken der Konstruktion. 
Der linke Teil des Wahnraumes in der Nähe des 
Treppenarmes ist mit einem kleinen Tisch mit 
einigen sehr kleinen, aber bequemen Sesseln des 
englischen Typs ausgestattet, die Loos erprobt 
hatte und die er immer wieder zu kopieren nicht 
zögerte. Loos hatte eine instinktive Aversion ge- 
gen Stahlstühle mit Gurten und hat nur selten 
selbst Stühle oder Sessel entworfen. Der rechte 
Teil des Wahnraumes hat einen gemauerten 
Kamin für die Beheizung des Hauses in der 
Übergangszeit; um den Kamin herum sind einige 
größere Sitzgelegenheiten verteilt. Die längliche 
Seite des Wahnraumes hat eine breite Falttür, 
die das Haus angenehm mit dem Garten verbin- 
det und den Wohnraum vergrößert. Die dritte 
Ebene, die „Eßebene", verbreitert das Wohnzim- 
mer oder wird von ihm verbreitert und kann 
bei ihren kleinen Dimensionen einen Rundtisch 
mit acht bequemen Thonet-Stühlen fassen. Über 
dem Vorbereitungstisch an der Eingangsseite des 
Hauses hat die Eßebene ein doppeltes Schiebe- 
fenster für Blumen. Die Höhe des Eßzimmers ist 
durch Einschieben von drei Stufen zwischen die 
EB- und Wohnebene geringer als die des Wohn- 
zimmers, angemessen der Fläche des Bodens. 
Der Sinn für Dimension war bei Loos erstaun- 
lich; es gibt wenige Zeitgenossen, die ihm gleich- 
kommen (Wright). Er diktierte mit absoluter Si- 
cherheit die Maße der Räume und Möbel auf 
Millimeter genau und unfehlbar in seinen Plä- 
nen, daher diese eindrucksvolle Geschlossenheit 
und das Gleichgewicht seiner Räume. Wenn 
man behauptet, daß den Houpteindruck des 
Werkes von Loos das edle Material ausmacht, 
tut man ihm Unrecht; er arbeitete ausgezeich- 
net genauso mit Marmor wie mit Tapete oder 
mit einer Strohmatte. Er liebte den Wechsel und 
den Kontrast selbst billigen Materials und un- 
gebrochene Kontrastfarben. Durch die Verbin- 
dung des Wohn- und Eßraumes über den Trep- 
penarm in die Ebene des Arbeitszimmer, die 
schrägen Eingangsstufen, über denen das kleine 
Fenster die Verbindung mit der Küche vermit- 
telt, erreichte Loos das räumliche Ganze, das 
durch seine Geräumigkeit und Geschlossenheit 
überrascht. Es nimmt ganze 70 Prozent der be- 
bauten Haustläche ein. 
Der ,Raumplan' bietet eine Anzahl von Ver- 
änderungen im Wohnen bei ungewöhnlicher 
Übersichtlichkeit der Wohnung und bei optischer 
Isolierung der einzelnen miteinander verbunde- 
nen Räume. Man hat eingewendet, daß Loos bei 
seinen Raumlösungen in Ornamente und Kün- 
stelei abschweife. Was mich betrifft, sehe ich in 
seinen Lösungen keine Ornamente. Loos brach 
ab und zu scheinbar gewaltsam die Wände, 
Pfeiler u. ä., aber immer nur aus praktischen 
Gründen oder optisch, um zu isolieren. Man 
sollte sich für alle Mal darüber im klaren sei-n: 
Loos war nicht gegen das Ornament im allge- 
meinen; er eiferte ausschließlich gegen Orna- 
mente an Gegenständen des täglichen Ge- 
brauchs; anderswo ließ er sie zu, jedenfalls so- 
weit sie dem klassischen Formenapparat zuge- 
härten. 
Den Eingang zu der vierten Ebene, dem Arbeits- 
zimmer, bilden neun Stufen mit einem Podest. 
Sie bilden zugleich einen Teil der Treppe zu den 
Schlafzimmern. Das Arbeitszimmer - die Biblio- 
thek - ist ein in sich geschlossener Raum, in 
schwarzem und rotem Lack mit silberner Tapete 
gedacht. Außer Schränken oder offenen Bücher- 
regalen enthält es einen Schreibtisch und ein 
Sofa. Die Fenster sind horizontal verschiebbi 
indisch. Auch in der Lösung kleinerer Räume 
Loos unübertrefflich; er sagte, daß er aus l 
nen Räumen große mache - und sehr oft w: 
es sehr einfache Mittel: Politur, Dukolark, i 
hauptsächlich vollkommene Proportionen. 
Von dem Podest vor der Bibliothek führen 
tere neun Treppen zu dem fünften Nivea 
den Schlafzimmern. Es ist zu beachten, 
Laos - aus psychologischen Gründen (Sicherl 
- nie mehr als zwölf Stufen ohne Unterbrect 
anardnete. Die Schlafzimmer sind eingerir 
für fünf bis sechs Personen; zwei haben Zug 
zum Balkon. Ein Schlafzimmer ist in poliei 
Eichenholz und mit hellblauem Anstrich; Wä 
und Möbel der beiden anderen sind in versr 
denforbigem Lack gehalten. Die Schlafzimi 
einrichtung besteht aus niedrigen Betten 
Nachttischen und eingebauten Schränken, 
dem Raum sein Gepräge geben. ln der let: 
sechsten Ebene liegt das Bad. Von ihr aus k 
man eventuell das siebte Niveau - die D 
terrasse - durch das in die Decke einschiebl 
Treppchen erreichen. 
Die Hausfassade hat einen Ziegelsockel mit 
gen,- horizontale Brettchen der Verschalung 
mit grüner Ölfarbe gestrichen, Fenster und l 
sterrahmen weiß. Bei der Lösung kam Loos 
dem Inneren nach außen ahne besondere 
fekte; nur die Nische mit der Eingangstür s 
einen bestimmten Akzent. Der Garten ist gi 
det durch erhöhte Beete; Blumen sollen in Rc 
weite wachsen. 
Es überrascht, wieviel das hier beschrieb 
Haus bei seiner bebauten Fläche und R4 
durch sinnvolle Gruppierung einzelner Ebe 
und harmonisch dimensionierter Räume entl 
Das ist sicher ein besonderes Verdienst 
Adolf Loos. lch glaube, daß dieses letzte H 
auf dessen Ausführung Loos ungeduldig - a 
dings, wie auch bei mehreren früheren Pra 
ten, vergeblich - wartete, lange Zeit varbilc 
sein wird." 
Anmerkung 2 
lEs handelt sich um das bekannte amerikanische 
System 4 „x A". 
Ü Unser Autor: 
Dr. Jitka Klingenberg-Helfert 
Zentralinstitut für Kunstgeschichte 
in München 
Meiserstraße 10 
8 München 2
	        

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