MAK

Volltext: Alte und Moderne Kunst XX (1975 / Heft 139)

ander wenig Verbindung hatten. Herodot 
schreibt, daß die Thraker nach den Indern das 
größte Volk seien, daß sie aber nie mächtig 
und unüberwindlich sein könnten, weil sie un- 
einig und ohne Oberhaupt seien. Das ist eine 
Feststellung aus politischer Sicht; sie kann aber 
wörtlich auf die Kunst übertragen werden. 
Als König Teres zu Beginn des 5. Jahrhunderts 
v. Chr. ein thrakisches Großreich gründete, war 
die Basis für die Entwicklung einer wesenseige- 
nen hohen Kunst gegeben. Die Ansätze dazu 
sind vorhanden. Das Odrysenreich begann [e- 
doch durch innere Zerrissenheit und Bedräng- 
nisse van außenher schon im 4. Jahrhundert 
v. Chr. wieder zu verfallen. Von Beginn an wirk- 
ten sehr kräftige Einflüsse unterschiedlichster Art 
auf die thrakische Kunst ein; durch Import, durch 
Handelsbeziehungen und durch kriegerische Er- 
eignisse. Das muß nicht unbedingt ein negati- 
ves Resultat bringen. Auch Griechenland hat 
östliche Einwirkungen aufgenommen, und Rom 
hat etruskisches Erbe angetreten. Diese Grund- 
lagen wurden aber dem eigenen Wesen nach 
umgestaltet und zu Neuem hin entwickelt. Dazu 
war Thrakien nur bedingt imstande. Dern er- 
drückend hohen Kulturniveau vor allem persi- 
scher und griechischer Einflüsse war es nicht 
gewachsen. Mit der Gründung des Odrysenrei- 
ches wäre eine Entfaltung möglich gewesen; der 
Zeitraum aber war zu kurz. Der politische Ver- 
fall setzte auch der eigenschäpferischen Ent- 
wicklung ein Ende. So ist die thrakische Kunst 
durch einen Eklektizismus gekennzeichnet; und 
sie ist eine angewandte Kunst geblieben. Groß- 
plastik und Malerei fehlen völlig. Von Anfang 
an ist dieser Kunst eine stark geometrische Kam- 
ponente eigen, die auch später, als Figürliches 
van außen eindrang, geblieben ist. Aus ihr re- 
sultiert der Hang zum Stilisieren (etwas, das 
man vielleicht als Wesenszug des Thrakischen 
8 
bezeichnen könnte], sie hat zum Tierornament 
geführt. Gerade darin drängt sich ein Vergleich 
mit der Kunst der Völkerwanderung auf. Auch 
hier gibt es zunächst keine gefestigten Groß- 
reiche, auch diese Kunst ist eine angewandte 
geblieben, die - wie die thrakische - große Lei- 
stungen auf dem Gebiet der Goldschmiedekunst 
hervorgebracht hat. Ihre Wirkung beruht weit- 
gehend auf der Verschiedenartigkeit und Ver- 
schiedenfarbigkeit des Materials: Gold und Sil- 
ber kontrastieren mit bunten Edelsteinen. Etwas 
von dieser Farbwirkung ist bisweilen auch im 
thrakischen Kunstwerk zu sehen, wenn etwa 
Goldpartien durch silbernen Hintergrund stark 
abgesetzt sind. 
Die Ausstellung „Goldschätze der Thraker" zeigt 
prachtvolle lmportware, von thrakischen Künst- 
lern Nachgeahmtes und Nachempfundenes; sie 
zeigt aber auch, daß Thrakien aus den Anfän- 
gen seiner Kunst einen Bestand an geometri- 
schen Motiven bewahrt hat. Die im Lauf seiner 
tragischen Geschichte empfangenen fremden 
Wesenszüge konnten mitunter ins eigene Milieu 
übersetzt werden. Der Hang zum Abstrakten, der 
das thrakische Kunstwollen kennzeichnet, hat in 
"I6 
der Wiedergabe des Menschen, mehr nach im 
Tierstil Phantastisches und Bizarres geschaffen, 
kleine Kunstwerke von naiver Einfachheit, ba- 
rocker Verspieltheit und farbiger Lebendigkeit, 
aus denen die fremde Herkunft immer wieder 
durchblickt. 
16 Zierplatten eines Pferdezaumzeugs aus dem 
Schatz von Letnica; l. Hälfte 4. Jh. v. Chr. 
l._l Unser Autor: 
Wiss. Ob.-Rat Dr. Wolfgang Oberleitner 
Direktor der Antikensammlung am 
Kunsthistarischen Museum 
Burgring 5, lOlO Wien
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.