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Volltext: Alte und Moderne Kunst XX (1975 / Heft 139)

I Lüthi 
erpretationen zu 
tiler Kunst 
Österreichische Kulturzentrum Österreichhaus veranstaltet in Zusammenarbeit mit der Smithsonian 
vtlon, Washington, mit Unterstützung des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst und 
undesministeriums für auswärtige Angelegenheiten eine Ausstellung textiler Kunst aus Österreich. 
soll im Laufe von zwei Jahren in verschiedenen Zentren der USA, beginnend in Washington, 
7t werden. Die Ausstellung enthält Exponate von Llnda Christanell, Beatrix Kaser, Helen Knapp, 
Moasmann, Marga Persson-Petraschek, Maria Flachky, llll. T. Praschak, Fritz Riedl, Edda Seid!- 
', Jutta Waloschets, Moniea Zell. - Aus Anlaß dieserAusstellung sind die folgenden Interpretationen 
rnden. 
lda Seidl-Reiter, Erste Liebe, 1971. Wolle, 
lBXTÄZ cm 
Drei Schwerpunkte, die vielleicht zugleich als 
Schritte in einer zeitlich-epochalen Abfolge heu- 
tigen Kunstschaffens deutbar sind, bestimmen 
die zeitgenössische textile Kunst. Erstens werden 
Traditionen des Teppichwebens und der Tapisse- 
rien aufgenommen und erneuert, wobei eine 
Wegwendung vom Bild als Abbild und eine Zu- 
wendung zur Verdichtung und zum Symbol fest- 
zustellen ist. Zweitens fasziniert der Struktur- 
charakter der Materialien, und textile Kunst wird 
so zur Strukturkunst. Drittens löst sich textile 
Kunst aus der Zweidimensionalität und wird zum 
textilen Objekt. Diese drei Schwerpunkte bestim- 
men auch die Ausstellung textiler Kunst aus 
Österreich. 
T. Material 
Textiles Material, Umgang mit diesem Material 
und Materialvorgänge sprechen unmittelbar an! 
Es ist das ja Material, dem wir auch in unserem 
Alltag immer wieder begegnen. Es ist Material, 
mit dem schon das Kind hantiert, und dann auch 
Material, das uns als Stoff und Kleid, Gewebe 
und Teppich durchs ganze Leben begleitet. Tex- 
tile Materialien sind besonders strapazierfähig, 
„griffig", elementar. Von haptischen und opti- 
schen Eindrücken her werden unsere Sinne an- 
gesprochen. Das Material strahlt Sinnlichkeit aus 
und regt zu Manipulationen an. Schon Kinder 
können leicht mit ihm umgehen; das kindliche 
Flechten regt haptische, optische und prozeß- 
haft-schöpferische Qualitäten an. Vorgänge wie 
Knüpfen, Weben, Binden, Knoten, Applizieren 
verbinden Handwerkliches mit Abstraktions- und 
Kreationsfähigkeiten. 
Indem textiles Material in seinem Strukturcharak- 
ter erlebt wird, entstehen ornamentale, abstrakte, 
gleichsam mathematisch gedachte Gestaltungen. 
Und weil texliles Material gedehnt, durchbro- 
chen, durchlöchert iund überhöht werden kann, 
ist der Übergang in die Dreidimensionalität ge- 
geben. So gibt es schließlich das textile Objekt, 
das neue Erfahrungen am und mit dem Stoff 
übermittelt. Es erhält seine Bedeutung oft durch 
die Benutzung. Und es knüpft manchmal auch 
an Traditionen des Spielzeugs an, beispiels- 
weise an einfachen oder grotesken Puppen. Die 
Räumlichkeit des Objekts bezieht dann aber 
auch Raum und Umraum aufeinander. 
Im Dreischritt „Teppich - Struktur - Objekt" 
spricht textile Kunst im Rahmen der heutigen 
Kunstszene und hat hier eine neue, noch zuwe- 
nig wahrgenommene Chance; nicht zufällig ha- 
ben so bedeutsame Positionen wie Jugendstil, 
Bauhaus und Werkbünde diese Chance vor- 
bereitet. 
Allerdings sei schon hier darauf hingewiesen, 
daß solche Kunst auch nach Einwänden ruft. 
Man meint, es könnten sich hier leicht nostal- 
gisch-romantische und weiblich-allzuweibliche 
Haltungen ergeben; das Schicksal wahrhaft mo- 
derner Kunst liege in künstlichen und nicht in 
natürlich-elementaren Stoffen! Diese Einwände 
stellen schon das Problem der Bedeutung der 
textilen Kunst zur Diskussion, und sie sollen 
dann im Zusammenhang der Interpretation noch- 
mals aufgenommen werden. 
2. Seitenblick auf die Sprache 
Es ist nicht zufällig, daß Materialien und Mate- 
rialprozesse, die weithin so elementar sind und 
zum Alltag des Lebens gehören, auch die Spra- 
che beeinfl-ußt haben. Ein Seitenblick auf die 
Sprache vermag denn auch die deutende Be- 
mühung vorzubereiten. (Eine Kartothek von Edda 
Seidl-Reiter hat mir für diesen Abschnitt we- 
sentliche Anregungen gegeben.) 
Das Elementare und Alltägliche der textilen Ma- 
teralien in der Alltagssprache wirken sich zu- 
nächst in der Alltagssprache, also umgangs- 
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