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Volltext: Alte und Moderne Kunst XX (1975 / Heft 139)

also ein „5pinner"! Das Einzelwort tritt dann in 
den Zusammenhang der Redewendung. Etwa: 
man ist kurz angebunden! Man hält die Fäden 
in der Hand! Man ist in Gedanken verstrickt! Es 
gibt das „Gewebe der Tage", es geht ein „roter 
Faden" durch die Geschichte, man ist „gesell- 
schaftlichen Fallstricken" ausgesetzt. Und auch: 
sein „Schicksal hängt an einem Faden" usw. 
Die Redewendungen führen ins Sprachspiel der 
Literatur hinein. Turrini unterscheidet den „feinen 
Faden der Intrige" vom „groben Stoff der Auf- 
richtigkeit". Bei Musil spricht sie von Schönheit, 
er aber vom „Fettgewebe, das die Haut stützt". 
Die Literatur kennt das „Gewebe der Seele", 
das „Gewebe der Zeit", das „Gewebe der Ma- 
terie" (Teilhard de Chardin) und die „Fäden der 
Wirklichkeit". Für den Theologen sind Eros und 
Agape (körperliche und vergeistigte Liebe) „in- 
einandergewaben". Und im Neuen Testament 
heißt es: „ln ihm (Gott) leben, weben und sind 
wir", wobei „weben" (griechisch „kinein", vgl. 
Kinetik) als „Leben und Bewegung" erklärt wird. 
ln der Mythologie gibt es den Ariadnefaden, 
den Gordischen Knoten, das Nessusgewand, und 
man berichtet von Göttern, die sich an Leitern 
und Seilen auf die Erde heruntergelassen haben, 
wobei diese Vorrichtung „Fäden von Spinnen" 
hieß. 
Aber verlassen wir den van der Menschheit 
abgeschafften mythologischen Himmel, um ein 
letztes Beispiel unserer Welt und Zeit zu zitie- 
ren. Es ist wohl nicht zufällig, daß der ameri- 
konische Architekt B. Fuller seine Universalarchi- 
tektur auch auf der Basis und Sprache der Fi- 
scherei und ihrer Netze entwickelt hat, wobei er 
zugleich prägende Kindheitserlebnisse in seine 
Philosophie einbezog: „Bootsbau war die ur- 
sprüngliche Technik..., Fischerei die örtliche 
Industrie, und derartige Spannungssysterne wie 
Schlagnetze, Schleppnetze, Schleppsöcke . . ., das 
alles, zusammen mit Schlepp- und Boiengeröt, 
machte ihn auf die Vielfalt der Seil- und Garn- 
anwendung aufmerksam; er lernte auch Netze 
zu stricken, Seile zu verknüpfen, zu spleißen und 
abzubinden. Hier wurden ,Seile eingeschossen' 
oder deren ,Richtung' verändert, dabei geschickte 
Spannungstechniken angewendet, die so ur- 
sprünglich waren wie die einer Spinne" (zitiert 
bei J. Clous: Expansion der Kunst, 1970, S 25.). 
3. Deutung 
Textile Kunst soll nun gedeutet werden, Textilien 
werden zu Texten. Wie lesen wir diese Texte? 
Der zuerst geschilderte Dreischritt soll im tol- 
genden die Anordnung geben. 
a) Erneuerte Traditionen der Teppichkunst! Zeit- 
los gültig bleibt es, daß das Menschsein des 
Menschen wesentlich darin bestimmt ist, daß der 
Mensch sich Räume einteilt, daß er sie gestaltet 
und schmückt; hier haben der Teppich und der 
Wandbehang ihre „menschliche Funktion" (For- 
mulierungen nach Dora Heinz). Der Zeitbezug 
ist damit erreicht, daß dem Menschen von heute 
eine neue Mobilität - gleichsam ein modernes 
Nomadentum - zugemutet ist. Verfehlte Stadt- 
und Wohnungsplanung zwingen den Menschen 
oft zum ungewollten Aufbruch; verführerische 
Konsumangebote (Auto, Wochenende, Urlaub) 
versetzen die Menschen in unruhige Massenbe- 
wegungen. Aber auch positiv: der Mensch soll 
und will die Erde, sein Haus, kennenlernen; Ernst 
Bloch würdigt den „Reiz der Reise" in seiner 
24 
Jutta Waloschek, Megaphon und sein Tod, 197 
55 x 195 cm 
Maria Plachky, Kathedrale, 
ZOO x 200 crn 
1971. 
Wall
	        

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