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Volltext: Alte und Moderne Kunst XX (1975 / Heft 140)

gen essender Mann am Tisch, ihm gegenüber 
eine Dame mit einem mit reichem modischem 
Putz versehenen Hut und sieht ihm zu. Im Vor- 
dergrund erkennt man unter anderem einen 
„Bosniaken", einen Mann im Straßenanzug, der 
aber einen Fez trägt. Im Hintergrund betreten 
festlich gekleidete Menschen die Kirche. 
Dieses besonders farbige Blatt, das aus Alts 
späten Lebensiahren stammt, zeigt also, wie alle 
vorher genonntenfdaß sich der Maler in einem 
besonderen Maß für das Volksleben interessierte 
und nicht einfach nur nach topographischen Wie- 
dergaben strebte, die ihm allein zu eintönig er- 
schienen wären. Man gewinnt die Überzeugung, 
daß ihm die Darstellung solcher Szenen Behagen 
bereitete. Einige davon - es wird von ihnen 
nochmals zu sprechen sein - erscheinen gerade- 
zu als Kabinettstücke der Genredarstellung und 
haben somit für den Historiker besonderen Wert. 
Alt hatte für alles Interesse, gleichgültig, ob es 
sich um alte Bereiche der Stadt handelte oder 
um städtebauliche Neuerungen. Solche festzu- 
halten war auch die Aufgabe des „Blickes von 
der Opernkreuzung in die Kärntnerstraße", eines 
Aquarells mit Weißhöhungen, das links das Ge- 
bäude der Oper, rechts die Opernkreuzung, im 
Hintergrund den Stephansturm zeigt". Rechts in 
der Kärntnerstraße ist die Fassade der Malteser- 
kirche sichtbar. Auf der Opernkreuzung - es ist 
vormittags - herrscht lebhafter Verkehr, ein 
vollbesetzter Stellwagen überquert soeben die 
Kreuzung. Oftmals scheint es, daß Alt gerade 
noch zum richtigen Augenblick einen Zustand 
festgehalten hat, oder aber sich auch beeilte, 
eine neue Situation im Stadtbild zu notieren. 
Die iReihe der Darstellungen von Ansichten der 
Inneren Stadt, die man von Alt kennt, ist also 
groß. Bei vielen von ihnen handelt es sich um 
skizzenhaft ausgeführte Blätter, gleichsam hand- 
schriftliche, topographische Protokolle, van de- 
nen sich viele ebenfalls im Besitz des Histori- 
schen Museums befinden. Sie überliefern De- 
tails, die trotz aller Skizzenhaftigkeit den vollen 
Wert der Quelle haben. Manchmal überwiegt 
der Eindruck, es handle sich um rasch, wenn 
auch mit der für Alt so typischen Sicherheit hin- 
geworfene Notizen. Oft genügt es dem Zeichner, 
nur die wesentlichen Partien einer Architektur 
voll auszuführen. Doch liegt gerade in dieser 
fragmentarischen Behandlung des Themas viel- 
fach der eigentliche graphische Reiz. Manchmal 
lassen die Blätter eine Änderung im Rhythmus 
der Darstellung erkennen, was darauf deuten 
würde, daß Alt zu einer anderen Stunde oder an 
einem anderen Tag abgeschlossen, was er vor- 
dem begonnen hat". Zu besonders interessan- 
ten Darstellungen gehören solche des „Para- 
deisgartls mit dem Cafe Corti", des „Theseus- 
tempels", der „Löwelbastei" usw.". Natürlich er- 
scheinen andere Blätter, wie ein Blick von der 
Herrengasse auf das Gebäude der österreichisch- 
ungarischen Bank und das Cafe Zentral, der 
Durchgang Bäckerstraße mit der Alten Universi- 
tät oder der Blick von der Radetzkybrücke ge- 
gen die Franz-Josephs-Kaserne mit dem Franz- 
Josephs-Tor, genauer ausgeführt, mehr durchge- 
zeichnet und insgesamt also Details besser ver- 
mittelnd, als dies die Fotografie imstande wäre. 
Insbesondere erkennt man an der zuletzt ge- 
nannten Zeichnung eine Front mittelalterlicher 
Häuser um Kai sowie im Hintergrund deutlich 
den Karnhäuslturm". Ganz nahe diesem Stand- 
punkt befaßte sich der Wiener Topograph unter 
den Malern und Zeichnern auch mit der Situation 
bei der Franz-Josephs-Kaserne und dem Franz- 
Josephs-Tor. Auf dem um 1860 entstandenen 
Aquarell sieht man links eine Gruppe von Men- 
schen, die offenbar den Klängen einer Militär- 
kapelle, die hier gerade aufspielt, lauscht". 
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Auch die Gegend am Donaukanal, am Beginn 
der Praterstraße, nahe der Ferdinandsbrücke, 
teilweise mit dem Blick auf die Innere Stadt, ist 
durch Aquarelle und Zeichnungen Rudolf von 
Alts dokumentiert. So besitzt das Museum ein 
Blatt, ähnlich dem Aquarell, das schon bei He- 
vesi abgebildet", aber erst fünfzehn Jahre spä- 
ter entstanden ist. Damit ist einer der Beweise 
dafür zu finden, daß Alt zu seinen Motiven im- 
mer wieder zurückkehrte, um sie auch in einer 
neuen Situation zu betrachten. Die beiden Blät- 
ter lassen demnach in besonderem Maß die sich 
ständig wandelnde Situation an Donaukanal er- 
kennen". Schließlich waren die ehemaligen 
Vorstädte überhaupt Gegenstand von Alts Be- 
trachtung. So stellte er beispielsweise auch die 
Gegend von St. Ulrich dar. Ein wohl gegen 
Ende des 19. Jahrhunderts entstandenes Aqua- 
rell zeigt eine Ansicht des Faßzieherhauses auf 
dem Spittelberg". Das stark farbige Aquarell 
vermittelt die Ansicht eines charakteristischen, 
angeblich ältesten Hauses des Spittelberges mit 
Eckturm, mit einem Fleischerladen und einer Re- 
klamehinweistafel „Franz Wagner - Passepar- 
tout-Erzeuger". Die Spittelberggasse fällt rechts 
schräg ab. Es ist Vormittags, und die Gasse ist 
von Fußgängern belebt. 
Eine andere Zeichnung vermittelt den Blick von 
der Burggasse gegen den SL-Ulrichs-Platz". Hier 
sind im besonderen zwei wichtige Häuser des 
alten Wien zu sehen, eines, das etwa im 15. 
Jahrhundert entstanden war und in dem sich ein 
Gasthaus Johann Statter befand, sowie das be- 
rühmte Haus Ulrichsplatz 2 mit der reich gestal- 
teten Rokokofassade, auch heute noch eines der 
schönsten erhaltenen Wiener Bürgerhäuser aus 
der Zeit des ausgehenden 18. Jahrhunderts. 
Weiters waren das Glacis vor der Josefstädter 
Straße sowie die Währinger Straße mit dem 
Blick vom Josefinum gegen die Stadt Gegen- 
stand von Darstellungen Alts". Schließlich be- 
gab sich der Maler auch immer wieder in die 
entlegenen Dörfer im Weichbild der Stadt. So 
findet sich auch eine offenbar aus einem Skiz- 
zenbuch stammende Bleistiftzeichnung von Un- 
ter-St.-Veit im Besitz des Museums u. 
Doch wie schon bemerkt wurde, waren oft eben 
erst entstandene Ba-uten Wiens Gegenstand der 
Betrachtungen des Malers. Zunächst hielt er die 
Situation des alten Nordbahnhofs in einer Zeich- 
nung fest, links eine Straße, die am Bahnhof 
entlangführt und an der Bäume stehen; in der 
Mitte und rechts ist das Gebäude selbst mit 
einem mächtigen Portikus zu sehen. Die Stim- 
mung ist winterlic 2'. Ferner stellte Alt aber 
auch den Nordbahnhof, gesehen vom Prater- 
stern, dar - ohne das Tegetthoffdenkmal, das 
erst 1870771 entstand und an dessen Stelle sich 
ein kleiner Pavillon befand. In gleicher Weise 
wie Alt den Nordbahnhof zeichnete, hielt er 
auch die Situation beim Ostbahnhof fest". Und 
weiters „porträtierte" er überhaupt eine Reihe 
von Wiener Gebäuden in ähnlicher Weise wie 
die Bahnhöfe. 
Den „Blick in die Wipplingerstraße mit dem al- 
ten Rathaus" bezeichnete schon Ludwig Hevesi 
als eines der „Hauptaquarelle" Alts". Es zeigt 
die Fassade des Objekts, rechts wird aber auch 
in einer äußerst geschickten Perspektivierung 
der engen Straße ein Teil der Fassade der Böh- 
mischen Hofkanzlei angedeutet. Beim Tor des 
Alten Rathauses steht ein Zeremonienmeister, 
und auf das Tor fährt eben der Prunkwagen des 
Bürgermeisters zu. Im Fond sitzt Bürgermeister 
Uhl. Im Hintergrund ist der sogenannte Ver- 
mählungsbrunnen auf dem Hohen Markt des 
iüngeren Fischer von Erlach zu sehen. Am Alten 
Rathaus sind eben die Dachdecker an der Arbeit. 
Das Aquarell hat gioßes Format und fällt in 
o 
5 Rudolf Alt, Freyung in Wien 1849. Bleistiftzeich- 
nung, stellenweise aquarelliert, 30,7x51 cm. HM 
lnv.-Nr. 17.666 
6 Rudolf Alt, Paradeisgartl mit Cafe Corti. Bleistift- 
zeichnung, 16,5x 22,2 cm. HM lnv.-Nr. 30.539 
Anmerkun en 16-29 
" HM lnv.- r. 33.616. Blick van der Opernkreuzung in die 
Kärntnerstraße, A uarell. 24,6x34,4 cm. Sign. u. dat. 
r. u. „R Alt B76". ay, a. a. 0., Tafel 110. b 
" HM lnv.-Nr. 105.347. Blick über den äußeren Burgplatz (in 
Richtung Karlskirchel, Bleistift, aquarelliert. 9,5x14,4 cm. 
HM lnv.-Nr. 30.523. „Freisingergasse, Blick auf den 
Bauernmarkt", Bleistiftzeichnung. 20,9x 16,4 cm. Sign. 
r. u. „R Alt". HM lnv.-Nr. 30.536. Blick in die Herren- 
gasse, Bleistiftzeichnung. 9,5x13,3 cm. Sigri. „R v. Alt". 
HM lnv.-Nr. 67.996. Türme der Innenstadt, im Vordergrund 
Franziskanerkirdie, Bleistiftzeichnung, 17,7 x24,9 cm. Sign. r. 
u. „R All". HM lnv.-Nr. 67.097. Ansicht einer Gasse, 
Bleistiftzeichnung, 17,2 x 10,9 cm. Sign. r. u. „R Alt". 
" HM lnv.-Nr. 30.539. Poradeisgartl mit Cafe Corti, Bleistift- 
zeichnung. 16,5x22,2 cm. Bez. I. u. „Paradeisgartl". 
Sign. r. u. „R v Alt". HM Inv.-Nr. 63.415. Theseusternpel 
im Valksgarten, Bleistiftzeichnung. 13,4 x 20,9 cm. Bez. r. u. 
„TlteseustempeW. HM Inv.-Nr. S 5240. Blick vom Paradeis- 
gartl auf die Stadt, Bleistiftzeichnung. 16,3 x 42,2 cm. Bez. 
I. u. „R Alt". HM Inv.-Nr. 6005511. Partie von der Löwel- 
bastei bis zur Bellaria, Bleistiftzeichnung. 17,6x24,1 cm. 
" HM IHVuNV. 105.219. Blidc von der Herrengasse in die 
Strouchgasse, Bleistiftzeichnung. 19,5x23,3 cm. Sign. u. 
M. „R v Alt". HM Inv.-Nr. 138.587. Durchgang Bäcker- 
straße zur Älten Universität, Bleistiftzeichnung. 16,4x21 
cm. Sign. r. u. „R v Alt". HM Inv.-Nr. 33.337. Blick von 
der Radetzkybrücke gegen das Franz-Josephs-Tor und die 
Franz-Josephs-Kaserne, Bleistiftzeichnung. 19,4x33,7 cm. 
Sign. r. u. „R A11". 
7" HM lnv.-Nr. 106.118. Franz-Josephs-Tar und Franz-Joseph 
Kaserne mit der Radetzkybrücke im Varder rund, Bleisti 
zeichnun . 14,2 x 18,5 cm. HM lnv.-Nr. 05.815. Franz- 
Jusephs-Tar und Franz-Josephs-Kaserne, Aquarell. 14,6 x 
21 cm. Bez. r. u. „R Alt". 
1' Hevesi, a. a. 0., S. 70. 
77 HM lnv.-Nr. 106.156. Donaukanal mit Ferdinandsbrücke 
und Rotenturmtor. Sepia-Aquarell. 14,7 x20,9 cm. Sign. u. 
dat. I. u. „R Alt B57". May, a. a. O., Tafel 102. HM lnv.- 
Nr. 63.412. Untere Donaustraße, Bleistiftzeichnung. 21x 
33,9 cm. Sign. u. M. „R Alt". 
7' HM Inv.-Nr. 17.663. Spittelberggasse mit Faßzieherhaus, 
Aquarell. 31 x 44,6 cm. Nicht sign., nicht dat. 
7' HM lnv.-Nr. 30.532. Blick von der Burggasse gegen den 
SL-Ulrichs-Platz, Bleistiftzeichnung. 20,7 x 25,3 cm. Sign. I. 
u. „R Alt", darunter bez. „bei der SL-Ulrichs-Kirche, 
 
Neugebauers Geburtshaus, Portraitmaler", oben M. 
„Gasthaus Joh. Statter". _ 
"HM Inv.-Nr. 30.540. o... am; vor der Josefstädter 
Straße, Bleistiftzeichnung. HM lnv.-Nr. 30.533. Währmger 
Straße, Blick vom Josefinum gegen die Stadt, Bleistift- 
zeichnung. 16,5 x 20,2 cm. Sign. r. u. „R Alt". 
2' HM lnv.-Nr. 30.534. Unter-St-Veit, BIeistiftzeichnungÄ-tßx 
42,8 cm. Sign. u. bez. r. u. „R Alt Unter St. Veit". 
1' HM lnv.-Nr. 30.527. Der alte Nordbahnhof, Bleistiftzeich- 
nung. 18 x 25,7 cm. Bez. u. sign. r. u. „Nordbahnhof R Alt". 
HM Inm-Nr. 63.413. Blick vom Ende der Praterstraße zum 
Nordbahnhof, Bleistiftzeidmung. 14,2 x 21,8 cm. Nidit 
Si (L, nicht dat. _ _ 
"H lnvvNr. 106.124. Ansicht des Ostbahnhafes, stemm- 
zeichnung. 22,8x37,B cm. Sign. r. u. „R v Alt". _ 
" HM lnv.-Nr. 17.936. Blick in die Wipplingerstraße mit 
dem Alten Rathaus, Aquarell. 605x483 cm. Sign. u. dar. 
t. u. „R Alt 883". Hevesi, a. a. 0., S. 7B. 

	        

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