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Volltext: Alte und Moderne Kunst XX (1975 / Heft 141)

Aura 
Gerrit Rietveld, Rot-Blau-Stuhl. Stedeliik Museum 
Amsterdam [lnv.-Nr. KNA 1779) 
Gerrit Rietveld, Rot-Blau-Stuhl (leichte Rücken- 
ansicht) _ 
Kurt Löb, Militär-Stuhl 
Gerrit Rietveld, Militär-Stuhl 
nun auch eine Innenausstattung, die dem Geist 
dieses großen amerikanischen Genies entsprach. 
Da er von Frank Lloyd Wright entworfene Mö- 
bel aus Fotos kannte, wünscht er sein Haus mit 
ähnlichen Möbeln ausgestattet zu sehen. Der 
wichtige Auftrag für die Innenausstattung dieses 
Hauses im Geiste Frank Lloyd Wrights erging an 
den jungen Architekten und Möbelkünstler Riet- 
veld. Rietveld wurde beauftragt, nach den vor- 
handenen Fotos Kopien der Wright-Möbel anzu- 
fertigen. 
Leider liegen für diese Jahre keine genauen Da- 
ten vor, so daß es schwer ist, wenn nicht unmög- 
lich, eine exakte Chronologie der Ereignisse zu 
fixieren. Sicher scheint lediglich zu sein, daß dies 
alles vor dem Zeitpunkt geschah, in dem Rietveld 
Kontakt mit der De-Stiil-Gruppe bekam, der 
wiederum durch Robert van't Hoff vermittelt 
wurde. Auch die Möbel des Hauses in Huis ter 
Heide scheinen nicht mehr vorhanden zu sein, 
auch sie hätten wichtige Schlüsse auf die Aus- 
einandersetzung Rietvelds mit Frank Lloyd 
Wright geben können. 
greifen von Außen- und Innenraum fanden hier 
für die jungen Architekten und Möbelentwerfer 
in Europa exemplarische Synthese. Der freie, 
harmonische Ausgleich von Raumteilen in aus- 
balancierter Ordnung, die Durchdringung der 
Horizontalen und Vertikalen in einem räumlichen 
Ganzen von neuer Art, in einem freien, nicht 
mehr kubisch vorgegebenen Raum, mußte für 
alle, die auf ähnliche Ziele gerichtet waren, eine 
Offenbarung sein. Hinzu kam die von Wright in 
diesem Bau realisierte vollkommene lntegration 
von Architektur, Malerei und Plastik. 
Der Hinweis auf Wright war notwendig, um die 
spezifischen Formeigenschaften des Rot-Blau- 
Stuhls verstehen zu können. lm Prinzip handelt 
es sich um eine freie Raumkomposition, die struk- 
turell von der traditionellen Formgestalt des 
Sitzmöbels abweicht. Rietvelds Stuhl besteht aus 
einem System vertikaler und horizontaler Holz- 
teile, die sich ausschließlich im rechten Winkel 
treffen und in das zwei im stumpfen Winkel auf- 
einandertreffende Holzflüchen eingefügt sind. 
Um eine Komposition in räumlichen Zusammen- 
 
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Das Obiekt, um das sich alle diese Überlegun- 
gen drehen, der Rot-Blau-Stuhl als das wichtig- 
ste Werk der Frühzeit Rietvelds, lößt sich eben- 
falls nicht genau datieren. Bei Brown (The work 
of G. Rietveld architect, Ultrecht1958) ist die Jah- 
reszahl 1918 plus oder minus 1 angegeben. Das 
Museum af Modern Art in New York, das eine 
Fassung des Meisterwerkes enthält, hat in seinem 
großen Katalog die Jahreszahl 1917 stehen. 
Wenn dieses Werk seine Entstehung der Aus- 
einandersetzung Rietvelds mit dem Werk Frank 
Lloyd Wrights verdankt, so spielen bei dieser 
Beeinflussung neben den Möbeln Wrights auch 
dessen architektonische Leistungen eine Rolle. 
Hier ist in erster Linie auf das Restaurant und 
Tanzlokal Midway Gardens in Chikaga hinzu- 
weisen, das im Jahre 1913114 erbaut und 1923 
durch Feuer zerstört wurde. ln diesem Bau er- 
reichte Wright einen Höhepunkt seiner Entwick- 
lung, die ihn zu immer größerer räumlicher Frei- 
heit und vollkammenerer Handhabung seiner 
Materialien geführt hatte. Besonders die räum- 
lichen Formen der Türme und das lneinander- 
 
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hängen zu realisieren, vermied Rietveld eine 
Durchdringung der auteinanderstoßenden Stäbe 
und ließ sie an den Schnittpunkten aneinander 
vorbeilaufen, ein konstruktives Prinzip, das Mies 
van der Rohe später, wahrscheinlich nach dem 
Vorbild des Hauses Schröder in Utrecht, das 
ebenfalls dieses Verbindungsdetail zeigt, so mei- 
sterhaft anwandte. Der Rot-Blau-Stuhl hatte ur- 
sprünglich eine andere Form, und zwar durch 
zwei seitliche, die Sitzflüche nach außen hin ab- 
schließende hölzerne Begrenzungstlöchen, die 
aber unmittelbar nach der Vollendung des Stuhls 
beseitigt wurden. 
Das Ziel Rietvelds ist die vollkommene Durch- 
sichtigkeit des Gebildes Stuhl. Die seitlichen Flö- 
chen waren noch ein Restbestandteil des Stuhls 
mit räumlich eingegrenzter Sitzflöche, der weg- 
fallen mußte, wenn Rietveld seine Kunst räum- 
licher lmmaterialisation rein verwirklichen woll- 
te. Diesem Ziel der lmmaterialisatian ordnet sich 
auch die Farbgestaltung des Stuhls unter: Das 
Stützsystem ist schwarz, die Stirnseiten der Trag- 
stützen sind gelb, um die Leichtigkeit und Zu- 
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