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Volltext: Alte und Moderne Kunst XX (1975 / Heft 141)

Horst-Herbert Kossatz 
Der Austritt 
der Klimt-Gruppe- 
Eine Pressenachschau 
„Den vielen Köpfen, die in sieben Jahren stark ge- 
wachsen sind, ist der eine Hut, unter den sie einst 
unter dem Zwang unserer drückenden Kunstver- 
hältnisse gebracht wurden, zu eng geworden." 
Ludwig Hevesi 
Am Sonntag, dem 11. Juni 1905, wurde die Wie- 
ner Öffentlichkeit durch einen - wahrscheinlich 
von Friedrich Stern verfaßten - Artikel im 
„Neuen Wiener Tagblatt" mit dem am Vortage 
erfolgten Bruch in der Secession vertraut ge- 
macht. Es scheint, daß diese Darstellung mit 
dem Titel „Spaltung in der Wiener Secession. 
(Austritt von sieben Gründern)" die vorhande- 
nen Differenzen durch eine betont unsachliche 
Argumentation verstärkte und die Spaltung erst 
recht zementierte. Es ist nicht unwichtig, die von 
den Wiener Tageszeitungen in ienen Tagen mit- 
geteilten Einzelheiten festzuhalten und zu unter- 
suchen, da bis heute diese Vorgänge mit ande- 
ren und vor allem Archivmaterial nicht geklärt 
werden konnten. Sa liegen zum Beispiel im Ar- 
chiv der Wiener Secession nach der Angabe 
Oskar Matullas keine Dokumente auf über die 
trennenden Gründe iund Beschlüssel. Natürlich 
haben aber die Tageszeitungen ausführlich über 
die Hintergründe der Spaltung berichtet, wie im 
folgenden gezeigt wird. 
In dem ersten Artikel hieß es: 
„Eine Gruppe von Künstlern hatte sich von An- 
fang an sowohl bei der Veranstaltung von Aus- 
stellungen als auch bei sonstigen Anlässen als 
solidarisch erwiesen, wodurch andere, vielleicht 
nicht minder begabte Kräfte sich in den Hinter- 
grund gedrängt wähnten..." 
„Es gab aber auch wiederholt zu lebhaften Kri- 
tiken Anlaß, daß gerade die Führer der erst- 
erwähnten herrschenden Gruppe bei der Be- 
setzung von Professuren und anderen Stellen 
eine Bevorzugung fanden, aus der sie selbst- 
verständlich auch in ihrer privaten Stellung Vor- 
teile zogeni. Unter anderem wurde es in der 
,Secession' beispielsweise sehr übel vermerkt, 
daß die Professoren Hoffmann und Moser die 
,Wiener Werkstätte' begründeten. Auch daß 
der Maler Moll die geschäftliche Leitung der 
Kunsthandlung Miethke im letzten Herbst über- 
nahm und sowohl in Wien als auch in Berlin, 
Dresden und anderwörts die Interessen seines 
Kreises vertrat, war einer der Vorwürfe, welche 
man gegen die Gruppe erhob. Alle diese Vor- 
gänge hatten die Stimmung der Mitglieder unter- 
einander zu einer gereizten gestaltet, und zu 
einem offenen Ausbruche derselben gelangte es 
schon gelegentlich der Ausstellung in St. Louis . . . 
Während nun die Künstlergenossenschaft wie 
der Hagenbund bemüht waren, dem amerikani- 
schen Publikum ein Lebensbild von den Leistun- 
gen ihrer Mitglieder zu bieten, verfügte der 
Ausschuß der Secession, ohne daß vorher das 
Plenum hierüber befragt worden wäre, daß der 
ganze, der Secession eingeräumte Saal aus- 
schließlich mit Werken Gustav Klimts besetzt 
werden solle. Diese Entscheidung führte, wie 
erinnerlich, dazu, daß das Ministerium Einspra- 
che erhob, worauf dieselben Persönlichkeiten, 
welche die ursprüngliche Verfügung getroffen 
hatten, die Erklärung abgaben, daß sie über- 
haupt auf die Beteiligung an der Ausstellung 
verzichten. Und zwar soll auch dieser Beschluß 
nicht die Zustimmung der Gesamtheit gefunden 
haben '." 
 
1 Jose h Maria Olbrich, Wiener Secession, Fassa- 
den etail, 1898 
Anmerkungen 1-6 
'Oskar Malulla, Die Wiener Secessian, Gründung und 
Entwicklung, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Ver- 
gleirhende Kunstfarschung in Wien, 15. Jg. 1963, S. 8; 
folgende Tageszeitungen wurden herangezogen: Arbeiter- 
Zeitung, Fremden-Blatt, Neues Wiener Journal, Neues 
Wiener Tagblatt, Neues Wiener Abendblatt, Neue Freie 
Fresse, Das Vaterland, Wiener Allgemeine Zeitung; ver- 
schiedene andere Zeitungen, sa auch die Wiener Zeitung, 
nahmen von den Vorgängen keine Notiz. 
zNeues Wiener Tagblatt (Nr. 160) v. 11. Juni 1905, S. 13. 
'Neue Freie Fresse (Nr. 14657) v. 14. Juni 1905, S. 11. 
tVgl. Katalog der 20. Ausstellung März-Mai 1904, S. 8, 
und Katalo der 21. Ausstellung November-Dezember 
1904, S 3 dieser Katalog unpasiniert). Leopold Bauer 
scheint seine Ausschußfunktion ann aber nicht lange 
aus eübt zu haben, da er schon im Katalog der 22. Aus- 
stel un nicht mehr im Verzeidinis der Ausschußmitglie- 
der au scheint. 
'Vgl.: Hans Ankwicz von Kleehovan, Felician Freiherr 
von Myrbach-Rheinfeld, in: Große Österreicher, Bd. 13, 
ZÜIlElI, Leipzig und Wien 1959, s. m. 
tVgl. gViener Allgemeine Zeitung (Nr. 1870) v. 14. Juni 
1905, - 3 
Schon am Dienstag, dem 13. Juni, sprach die 
„Neue Freie Presse" von zehn Mitgliedern, wäh- 
rend das „Neue Wiener Tagblatt" die Entgeg- 
nung eines der Ausgetretenen veröffentlichte, in 
der von 16 Mitgliedern gesprochen wurde. Tat- 
sächlich waren nicht alle diese Mitglieder der 
Secession gleichzeitig ausgetreten, wie ein mit 
13. Juni datierter Artikel in der „Neuen Freien 
Presse" vom 14. Juni klarstellt: 
„Zu Klimt, Wagner, Hoffmann, Moll, Moser, 
Roller, Luksch, List, Metzner und Bernatzik 
haben sich im Laufe des heutigen Tages noch 
Josef M. Auchentaller, Adolf Böhm, Franz 
Wilhelm Jäger, Max Kurzweil und Emil Orlik 
gesellt. ...Man erwartet noch weitere Aus- 
trittsanmeldungen, insbesondere aus dem Aus- 
lande. Man nennt den früheren Direktor der 
Kunstgewerbeschule, Felician Freiherr von 
Myrbach, und den in Darmstadt wirkenden 
Olbricht . .  ' 
In dem am 13. Juni erschienenen Artikel der 
„Neuen Freien Presse" wird zum erstenmal auch 
ein „Zirkularbrief" erwähnt, in welchem die Se- 
cession ihren Mitgliedern vom Austritt der zehn 
Kenntnis gab. Danach wurde als Ursache des 
Austrittes angeführt, daß der Maler Moll in 
eine geschäftliche Verbindung mit der Kunst- 
handlung H. O. Miethke getreten sei, die der 
Ausschuß und die Maiorität mit den Interessen 
der Secession für unvereinbar gehalten haben. 
Hieraus hätten Moll und seine Freunde die 
Konsequenzen gezogen. Soweit die offizielle 
Version der Secession. 
Die Gruppe um Klimt hatte schon im Jahr davar 
nach dem Scheitern der geplanten Klimt-Aus- 
stellung in St. Louis nicht mehr für den leitenden 
Ausschuß kandidiert, der ieweils zu Beginn des 
„Ausstellungsiahres" im Herbst neu gewählt 
wurde. Statt des alten Ausschusses mit Felician 
Freiherr von Myrbach als Präsidenten und den 
Mitgliedern Adolf Böhm, Otto Friedrich, Rudolf 
Jettmar, Wilhelm List, Carl Moll und Koloman 
Moser wurde daher ein neuer Ausschiuß ge- 
wählt, der aus dem Präsidenten Rudolf Bacher 
und den Mitgliedern Leopold Bauer, Josef En- 
gelhart, Franz Hohenberger, Anton Nowak, Oth- 
mar Schimkowitz und Ferdinand Schmutzer be- 
stand t. Merkwürdigerweise ist in diesem Zusam- 
menhang aber noch nie auf die bekannte Tat- 
sache hingewiesen worden, daß sich Myrbach als 
Direktor der Kunstgewerbeschule zum Zeitpunkt 
der Wahl immer noch in Amerika aufhielt, wof 
er auf der Weltausstellung St. Louis die Aus-' 
stellung der Kunstgewerbeschule in einer Raum- 
ausgestaltung von Josef Hoffmann eingerichtet 
hatte. Myrbach erkrankte und bat im Juli in 
einer mit einem ärztlichen Attest belegten Ein- 
gabe beim Ministerium um eine Urlaubsverlän- 
gerung. Da der Akt nicht rechtzeitig erledigt 
wurde, galt Myrbach für einige Monate in Wien 
als „verschollen". Da in der Zwischenzeit ein 
unredlicher Kanzleibeamter der Kunstgewerbe- 
schule einen größeren Betrag aus der Kasse un- 
terschlagen hatte, war Myrbachs Stellung so er- 
schüttert, daß er sich nach seiner Rückkehr im 
Januar 1905 genötigt sah, um seine vorzeitige 
Pensionierung anzusuchen, die ihm mit ErlaB 
vom 20. April 1905 bewilligt wurdes. Es ist klar, 
daß die Klimt-Gruppe Myrbach bei den Wahlen 
daher nicht präsentieren konnte und aus Grün- 
den des normalen Anstands aber auch auf die 
Aufstellung eines anderen Kandidaten verzich- 
ten mußte. Diplomatische Klugheit veranlaßte 
daher diese Künstler - das läßt sich aus Zuk- 
kerkondls Darstellung schließen -, die Gegen- 
partei aufzufordern, nun einmal auch ihre künst- 
lerischen Anschauungen frei und ungehindert 
durchzuführen; sie wählten daher einstimmig 
den von der Engelhart-Gruppe designierten Aus- 
schußt. 
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